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Bürger, Bach und Bullenpower

Panoramablick über die 500.000-Einwohner-Stadt - im Hintergrund wölbt sich das Fußballstadion von RB Leipzig. Bild: Duschek

Bürger, Bach und Bullenpower

Neben Geschichte, Kunst und Kultur zählt nun auch Fußball zu den vielen Gründen, der dynamischen Stadt Leipzig einen Besuch abzustatten.

Von Martin Duschek, 16. September 2017 - 00:04 Uhr

Welche Liebe hält länger? Die auf den ersten Blick oder jene, die in die Tiefe geht? Für mich ist Leipzig die Liebe auf den zweiten Blick!" Susann Palm streut ihrer Wahlheimat rote Rosen. Als Mitarbeiterin bei Leipzig-Tourismus hat sie mehr als einen Full-Time-Job zu bewältigen. Leipzig, das sei Deutschlands Stadt der Musik, die Stadt der Künstler, die Stadt der Bürger ebenso wie der ausgeflippten Ausgehszene, das Zentrum des Buchhandels und Verlagswesens, Heimat des ersten Schrebergartens, Wirkstätte Luthers, Goethes und Schillers, die Messemetropole, das Herz der friedlichen Revolution, der Hafen am neuen Seenland und ja, seit der letzten Saison auch noch das Fußballwunder. Das alles will erst kommuniziert werden!

Bei Letzterem, dem Fußballwunder, spielt Österreich eine gewichtige Rolle. Als Red Bull im Jahr 2009 den RB Leipzig als Verein gründete und das Startrecht des Fünftligisten SSV Markranstädt übernahm, ahnte niemand, dass sich der Verein bis 2016 in die höchste deutsche Klasse hinaufschießen und im Mai 2017 als deutscher Vizemeister vom Platz gehen sollte. Einzig der Milliarden-Truppe Bayern München musste sich RB Leipzig geschlagen geben. Das Kürzel im Namen steht übrigens für "Rasenballsport". Ein Schelm, wer an einen Energydrink denkt! Innerhalb des Klubnamens herrscht im deutschen Fußball nämlich ein Werbeverbot. Zu Leipzigs Sehenswürdigkeiten aus der jungen Vergangenheit zählt auch das Fußballstadion. Bei Johannes Ommeln, Geschäftsführer und Pedalritter von "lipzi tours", liegt es stets auf der Route seiner geführten Stadt-Radrundfahrten. "Die Geschichte beginnt nicht so gut", erklärt er. Den Ursprung fand das Stadion am früheren "Adolf-Hitler-Feld", einem nationalsozialistischen Aufmarschplatz. Aus Kriegstrümmern entstand in den fünfziger Jahren das Zentralstadion, auch "Stadion der Hunderttausend" genannt, seinerzeit eine der größten Sportstätten der Welt. Im Jahr 2000 wurde das neue Fußballstadion einfach in das bestehende hineingebaut und dadurch auf rund 43.000 Plätze verkleinert. Seit 2010 heißt es offiziell "Red-Bull-Arena".

"Unsere Stars bäbbeln (Anm. "Fußballspielen") schon dolle, aber erstes Aushängeschild von Leipsch wird immer der Herr Bach bleiben", sagt Ommeln in unverkennbarem Sächsisch und lenkt das Rad Richtung Innenstadt. 27 Jahre wirkte hier Johann Sebastian Bach als Kantor der Thomaskirche und -schule und somit in der bedeutendsten Funktion innerhalb der protestantischen Kirchenmusik. Dabei geriet Bach um ein Haar in Vergessenheit, hätte nicht ein weiterer großer Musiker der Stadt, Felix Mendelssohn Bartholdy, die Matthäus-Passion und andere Werke zu neuer Blüte geführt. Mendelssohn gründete mit Robert Schumann in Leipzig auch die erste deutsche Hochschule für Musik. Schumann schrieb in Leipzig seine Frühlingssinfonie, Richard Wagner erblickte in Leipzig das Licht der Welt, ebenso wie Clara Schumann geb. Wieck. Albert Lortzing komponierte hier seine Oper "Zar und Zimmermann", Franz Lehár speiste regelmäßig im "Zum Arabischen Coffe Baum", Edvard Grieg schuf die Peer-Gynt-Suite im Haus Talstraße 10.

Bürger, Bach und Bullenpower
Das Neue Augusteum am Augustusplatz ist seit 2012 das Hauptgebäude der Universität Leipzig.  
Bild: Duschek

Leipzig war seit jeher neben der Residenzstadt Dresden die Stadt der wohlhabenden Bürger. Diese gründeten 1743 das Gewandhausorchester, das erste bürgerliche Orchester der Welt. Noch heute zählt das Gewandhausorchester mit fast 200 Musikern zu den größten und renommiertesten Klangkörpern.

Um diese reiche Musikgeschichte für Besucher erlebbar zu machen, führt die "Leipziger Notenspur" durch die Stadt. Auf dem fünf Kilometer langen Rundweg erfährt der Spaziergänger viel Wissenswertes über die Komponisten und die musikalischen Einrichtungen der Stadt. 150 in den Boden eingelassene Metallintarsien sowie Stelen, Pylone und audiovisuelle Erlebnisstationen verbinden die Standorte. An den Stationen können Klanginstallationen mittels Mobiltelefon gehört werden.

Zu der stetig wachsenden Zahl an Städtetouristen kommen im Juni rund 70.000 Besucher aus aller Welt hinzu, um den 120 Konzerten der alljährlichen Bachfestspiele zu lauschen. 3578 Mitwirkende ehren in neun Tagen das Werk des Thomaskantors. Das Hauptprogramm findet traditionsgemäß in den Kirchen und Konzertsälen statt, wird aber auch von Bach-Bearbeitungen bekannter Künstler aus Klassik und Jazz unter freiem Himmel flankiert.

 

Bürger, Bach und Bullenpower
Das Bach-Denkmal südlich der Thomaskirche inspiriert auch Straßenmusikanten.  
Bild: Duschek

Angesichts des überwältigenden Musikprogramms der Bachfestspiele treten viele andere Sehenswürdigkeiten in den Hintergrund. Fahrradguide Ommeln möchte uns noch eine weitere Seite seiner Stadt präsentieren und schwenkt Richtung Westen. Außerhalb des Zentrums in den Vierteln Plagwitz und Lindenau haben sich in den vergangenen Jahren Leipzigs Kreative niedergelassen. Das Umfeld der stillgelegten Baumwollspinnerei und das ehemalige Tapetenwerk lockten mit günstigen Mieten. Die Künstler, allen voran Neo Rauch, betreiben ihre Ateliers in den teils zehn Meter hohen ehemaligen Fabrikhallen.

Die Nachtschwärmer sind nachgezogen. Die Karl-Heine-Straße ist aktuell die angesagte Ausgehmeile, in der sich Szenekneipe an Szenekneipe reiht. In der alten Damenhandschuhfabrik wird HipHop und Afro-Trap serviert, im Täubchenthal, dem ehemaligen Kontor einer Kammgarnspinnerei, steigen Events aus allen Generationen der Pop-Kultur. Im Westen der heimlichen Hauptstadt des Ostens treffen sich Junge und Junggebliebene.

"Toleranz wird bei uns großgeschrieben", betont auch Susann Palm, "schließlich war Leipzig 1989 schon die Stadt der friedlichen Revolution." Und nach ein paar Tagen mit viel Musik in Thomas- und Nikolai-Kirche, im Gewandhaus und im Täubchenthal können wir uns ihrer Meinung anschließen: Leipzig, das ist Liebe auf den zweiten Blick, Liebe, die tiefer geht als der Anblick einer hübschen Häuserfassade.

Bürger, Bach und Bullenpower
Johannes Ommeln bietet Radtouren an.  
Bild: Duschek

 

Leipzig

Anreise ab Linz: mit dem Auto 575 Kilometer in ca. 5 Stunden über A3 nach Regensburg, A93 nach Hof und A9 nach Leipzig; mit dem Zug z.B. um 8:17 mit dem ICE nach Nürnberg, umsteigen und im ICE weiter nach Leipzig; Fahrzeit 6 Std. 53 Min. ca. 250 Euro hin und retour.

Unterbringung z. B. im Low-Budget-Nichtraucherhotel „Motel One“ ab 69 Euro, Doppelzimmer, im Zentrum gegenüber der Nikolaikirche, das Schwesterhotel direkt am Augustusplatz, motel-one.com

Internet: Leipzig allgemein (leipzig.de/de/tourist/)

Das besondere Lebensgefühl Leipzigs in 146 konkreten Tipps (verborgenes-leipzig.de)
Fußballverein RB Leipzig (dierotenbullen.com)
Bachfestspiele 2018 (bachfestleipzig.de)
Leipzig mit dem Fahrrad erkunden (lipzitours.de)

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