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Auf Tuchfühlung mit dem Wald

Jährlich werden in Grünau an die 120.000 Bäume gepflanzt. Bild: OÖN/rofi

Auf Tuchfühlung mit dem Wald

Der Wald tut uns gut. Das macht sich das Almtal als eine der waldreichsten Regionen Österreichs nun zunutze. Man lädt ein zu Waldness, einem qualitativen Wald-Urlaub mit Experten.

Von Roswitha Fitzinger, 19. August 2017 - 00:04 Uhr

"Schuhe aus", lautet die Aufforderung von Fritz Wolf. Kühl und feucht fühlt sich die Wiese an, die mitten in seinem Wald im Grünauer Gemeindegebiet liegt, ein grüner Fleck, auf der eine 200 Jahre alte Holzhütte steht, die einst als Heustadel diente. Hier kommt der 68-Jährige her, wenn er seinen Gästen das näherbringen will, was jeder zu kennen glaubt: den Wald. Jeder atmet gerne seine Luft, lauscht dem Rauschen der Baumwipfel, spaziert, läuft oder radelt unter seinem schattenspendenden Blätter- und Nadeldach. Aber wie ist es um das Wissen über den Wald bestellt? Ist er wirklich für alle da, und wie viele Menschen verträgt der Wald?

Wolf ist Waldpädagoge der ersten Stunde. In seinem 50 Hektar großen Wald kennt er jeden Baum, und wenn er einen Tag lang keinen Fuß hineinsetzt, sagt er, werde er ganz nervös. Außerdem ist er Förster, auch Jäger und, im besten Sinne des Wortes, ein Waldversteher.

Zunächst sollen seine Gäste den Wald spüren. Barfüßig also, außerdem mit verbundenen Augen, die Hände auf den Schultern des Vordermanns geht es ... wohin eigentlich? "Raupe Nimmersatt" nennt Wolf diese Erfahrung. Langsam wie selbige bewegt sich das menschliche Pendant vorwärts, saugt die kühle und nach Nadeln riechende Luft durch die Nase tief in die Lungen, die Ohren vernehmen immer lauter werdendes Plätschern. Es geht bergab, vorsichtigen Schrittes, bis die Zehen in kaltes Bachwasser tauchen, langsam über glitschige Steine hinweg tapsen, spitze ebenso wie vom Wasser abgeschliffene. Am Ende wird jeder an die Hand genommen und zu einem Baum geführt, noch immer unfähig zu sehen, aber nicht blind. Die Hände ertasten weiches Moos, das die Baumwurzeln überzogen hat, die Rinde ist rau und schuppig. Der erdige Geruch verstärkt sich. Keiner sagt ein Wort, jeder lauscht, riecht. Durch den Kopf geistert der Ausdruck "geerdet".

Wolf und die Wald-Coaches bilden einen wesentlichen Teil von Waldness, einem Tourismuskonzept für das Almtal, das mehr als nur die Nächtigungszahlen ankurbeln soll. In einer der waldreichsten Regionen Österreichs soll der Wald erlebbar gemacht werden, mit Anleitung und ohne ihm zu schaden. Das Wissen um seine Wirkung (siehe Faktenkasten) und die Sensibilisierung für richtiges Verhalten im und Umgang mit dem Wald sind weitere wichtige Eckpfeiler von Waldness.

Fünftägiges Waldprogramm

Mit Experten wird der Wald fünf Tage lang auf unterschiedlichste Art erkundet. Sabina Haslinger etwa entführt die Gäste zu einem Latschenbad. Nass werden sie dabei nicht. Bei der Waldwanderung zum Spitzplaneck will die 35-jährige Wanderführerin nicht nur Höhenmeter machen, sondern auch Denkanstöße liefern.

"Keine Angst, wir umarmen keine Bäume", sagt sie. Vielmehr wolle man sich Zeit nehmen für das bewusste Schauen und auch fürs Innehalten. Letzteres lässt sich hervorragend in sich selbst aufblasenden Luftsofas, den "Lay Bags", zelebrieren. Jeder sucht sich seinen Platz im Latschenfeld, die einen mittendrin, die anderen am Rand, die einen schauen offenen Blickes ins Tal, andere dagegen scheinen mit geschlossenen Augen den Duft der Latschen zu inhalieren. Entspannend ist das eine wie das andere – genauso wie ein herzhafter Juchitzer, zu dem die 35-Jährige animiert. Mitgeliefert werden auch Sagen aus der Gegend.

Maria Hageneder ist ebenfalls eine Kundige, die bestens über Kräuter und die fünf Säulen des Pfarrers Kneipp Bescheid weiß. Wer mit ihr die zwei Kilometer lange Runde durch den Märchenwald im Schindlbachtal dreht, macht nicht nur Bekanntschaft mit Fetter Henne, Gänsefingerkraut und Brennnesseln vom Wegesrand, sondern auch mit dem Waldkneippen. 10,5 Grad kalt ist das Wasser des Schindlbachs im Sommer wie im Winter, durch das man storchenartig stelzt und das die Füße krebsig rot werden lässt.

Auch kulinarisch gibt der Wald jede Menge her. Im Baumhaus vorm Hochberghaus auf 1200 Meter Seehöhe ist das Buffet angerichtet – mit Fundstücken aus dem Wald. Wildkräuter wie wilder Thymian, Schafgarbe, Frauenmantel, Spitzwegerich geben nicht nur dem Quellwasser einen einzigartigen Geschmack, sondern eignen sich als Zutaten für einen Kräuteraufstrich. Almtaler Schmankerl wie Speck vom Mangalitzaschwein, Rohmilch vom Schaf, selbstgemachter Ziegenkäse und selbstgebackenes Brot aus dem Tal, Honig vom Hochberghaus sowie ein "Wildschütz"-Bier von der nahen Schlossbrauerei komplettieren das Buffet.

Wer es ursprünglicher mag, kann sich von Kurt Ettinger "Holzknechtnocken" servieren lassen, eine echte Almtaler Spezialität, die früher nach getaner Arbeit im Wald über offenem Feuer zubereitet wurde. In Schweineschmalz wurden die aus Mehl, Eiern und Salz bestehenden faustgroßen Nocken dann herausgebraten. Heute brutzeln sie im Sonnenblumenöl und werden entweder mit Krautsalat oder, wer die süße Variante bevorzugt, mit selbstgemachter Marmelade serviert. Beides schmeckt vorzüglich.

Meditieren nach Keltenart

Dass bei Waldness auch die Entspannung nicht zu kurz kommt, lässt bereits die Wortkreation erahnen. Schon einmal von Wyda-Yoga gehört? Die Meditationsform, die auf die keltischen Druiden zurückgehen soll, soll dem Energiefluss, der Beweglichkeit und der inneren Zentriertheit zuträglich sein. Im Almtal wird sie anlässlich eines Flussspaziergangs in der Morgendämmerung praktiziert – unter fachkundiger Anleitung. Diese kommt vom TEM-Zentrum der Marienschwestern in Bad Mühllacken. Und es wäre nicht Waldness, würden selbst die Massagen, die ebenfalls Teil des Programms sind, nicht im Wald oder mit Waldbezug stattfinden. Mit Zapfen werden die Reflexzonen des Körpers aktiviert, wenn es die Witterung zulässt, im bereits erwähnten Baumhaus. Dort im Hochberghaus ist auch der Hüttenwirt Hermann Hüthmayr nicht weit. Er hat Waldness seinen Namen gegeben, es mitentwickelt. Die Urform allerdings kommt aus Japan, nennt sich dort "Shinrin Yoku" und bedeutet übersetzt "Waldbaden".

Das Bad im Wald mit Fritz Wolf geht derweil zu Ende. Angelehnt am Stamm einer Fichte, sitzt der Grünauer zwischen ihren mächtigen Wurzeln. Groß und gerade gewachsen ist der Baum. Interview mit einer Fichte: Der Waldcoach verleiht ihr seine Stimme – "Ich heiße Fritz", beginnt er. Geduldig beantwortet er jede Frage. 110 Jahre steht "Fritz" bereits hier, mit seinen 32 Metern Höhe hat er den Grünauer Kirchturm (34 Meter) fast eingeholt, seine Wurzeln überragen die Äste um zwei Meter und befördern täglich 300 Liter Wasser nach oben – und ja, die Bäume, die ihm zu nahe kommen, mag er gar nicht.

Angereichert mit Waldluft und viel neuem Wissen wird der Rückweg angetreten – mit Harz an den Fußsohlen und schwarzer Erde unter den Fingernägeln. Aber das schert keinen.

Wie der Wald wirkt

Biophilia-Effekt: „Waldluftbaden wirkt sich positiv auf die Herzgesundheit aus“, sagt Martin Spinka. Der Arzt hat in einer medizinischen Langzeitstudie die gesundheitlichen Wirkungen des Waldes untersucht. Das Ergebnis: Bei einer durchschnittlichen wöchentlichen Aufenthaltsdauer im Wald von 250 Minuten ergaben sich messbare Veränderungen im vegetativen Nervensystem. Spinka: „Menschen, die sich regelmäßig im Wald aufhalten, fühlen sich weniger erschöpft.“ Darüber hinaus rege es die Verdauung an, bringe einen guten Schlaf und fördere die Widerstandskraft des Körpers.


Wussten Sie, dass ...
... Österreich mit einem Waldanteil von 48 Prozent an seiner Gesamtfläche im europäischen Spitzenfeld liegt?
... das jährlich Wald-Wachstum in Österreich etwa 5500 Fußballfelder entspricht?
... im Baumharz an die 150 Wirkstoffe enthalten sind?
...eine Buche bis zu 400 Liter Feuchtigkeit pro Tag verdunstet?
...der Wald schneller wächst als vor 25 Jahren? Ein Grund ist der höhere Stickstoffgehalt in der Luft.
...es in Österreich etwa 20 Hauptbaumarten gibt? In den fernen Urwäldern sind es 200 bis 300.
...Nadelbäume alle vier bis fünf Jahre ihre Nadeln verlieren?
...ein Baum im Jahr etwa 700.000 Samen produziert, wovon etwa 300.000 keimen?


Waldness-Vorspiel

Ab 10. September: Die Waldness-Angebote sind ab sofort buchbar. Erster Termin: 10. September. Darüber hinaus gibt es fünf weitere Termine (jeweils von Sonntag bis Freitag). In der Pauschale enthalten sind vier Nächtigungen mit Frühstück, Waldspaziergang und Wyda Yoga, ein Besuch in der Waldschule mit Waldbuffet, eine Tauwanderung und Sonnenaufgangsfrühstück im Baumhaus, Latschenbad und Gipfeltreffen mit Wald-Coach, Waldkneippen im Schindlbach, Waldjause mit Schmankerl der heimischen Direktvermarkter.

Kosten: Der Preis variiert je nach gewählter Unterkunft (ab 358 Euro/Person). Der Gast kann aus elf Unterkünften in Grünau und Scharnstein wählen – vom Bauernhof über Privatpensionen bis hin zum Vier-Sterne-Romantikhotel.

Erweiterung: In den folgenden Jahren sollen sowohl im Tal als auch auf 1000 Meter Seehöhe sogenannte Waldness-Resorts mit jeweils 10 bis 15 Lodges entstehen. Als letzte Ausbaustufe ist ein „Waldness-Spa“ geplant – ein Gesundheitszentrum mitten im Wald.

Auskünfte/Buchung:
Tourismusverband Almtal, info@almtal.at
waldness.almtal.at

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