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Insel im Winterschlaf

SCHWEDEN. Gespenstisch still oder erholsam ruhig? Wer es genießt, in der Nebensaison der einzige Gast zu sein und es außerdem etwas kühler mag, wird die eingewinterte Insel Gällnö lieben.

Wollt ihr jetzt kommen, im Winter?“ Die Zimmervermieterin Marianne Persson hört sich beim ersten Telefonat erstaunt an. So oft kommt es offenbar nicht vor, dass sich Urlauber im Winter hierher verirren. „Naja, ihr seid herzlich willkommen, ihr müsst halt wissen, dass es im Winter kein Geschäft hier gibt. Alles, was ihr essen und trinken wollt, müsst ihr vom Festland mitnehmen und selbst in der Küche zubereiten.“

Nun gut, kulinarisch wird es wohl kein Höhenflug werden, aber wer bereit ist, Abstriche zu machen, wird mit einer anderen Art von Luxus belohnt – Stille, Ruhe, die Schönheit der Natur. Das versprechen auch die Gästebucheinträge der kleinen Pension: „Hier auf Gällnö haben die verspannten Schultern endlich wieder zu ihrer normalen Position zurückgefunden. Entspannt verlassen wir diese wunderschöne Insel.“

Auch wir hoffen auf Entspannung, als die Anreise beginnt. Von Stockholm, etwa 40 Kilometer entfernt, transportieren wir das Essen und Trinken für die kommenden Tage. Zuerst in der U-Bahn, dann eine Stunde lang im Bus und schließlich auf der Fähre, die nach zehn Minuten bei der Insel anlegt – wir steigen als Einzige aus. Bei der Ankunft sind die Schultern strapaziert. Nicht nur die Arbeitsbelastung der letzten Monate hat sich angehängt, auch Spaghetti und Co in den Einkaufstaschen.

Vom Steg aus sieht man gleich das zweistöckige rote Holzhaus von Marianne und ihrem Mann Lennart. Er ist der Inselbauer und ein „Ureinwohner“, wie er sich selbst bezeichnet. Seine Frau kam vor 35 Jahren auf die Insel.

Die Gastgeberin sieht uns kommen, empfängt uns herzlich. Sie hat fürsorglich warme Lammfell-Pantoffeln für uns bereitgestellt.

Die Ruhe einatmen

Unten wohnen die Vermieter, uns gehört die obere Etage. Vom Schlafzimmer hat man einen tollen Blick über die Stockholmer Schärenwelt.

Wie bei allen schwedischen Häusern steht ein Fahnenmast vor dem Haus. Der blau-gelbe Wimpel ist aber zerfetzt. Das hat der letzte Sturm angerichtet. Zwei Tage ohne Strom folgten.

Die etwa 6000 fixen Einwohner der tausenden, Stockholm vorgelagerten Inseln sind es gewohnt, dass der Tagesablauf von den Naturgewalten gesteuert wird, im Sommer wie im Winter.

Mit den Öffis zur Insel

Viele pendeln das ganze Jahr in die Hauptstadt zum Arbeiten, manche sind Tagespendler, manche bleiben die ganze Woche. Die Kinder pendeln zu einer anderen Insel, um in die Schule zu kommen. Eingekauft wird ebenfalls nur auf dem Festland.

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln – dazu zählt auch der Schiffsverkehr – dauert die Reise nach Stockholm anderthalb Stunden. Friert die Ostsee im Winter zu, können nur mehr die eisbrecherfähigen Schiffe auslaufen.

Bei unserem Besuch ist das Meer großteils offen, der Winter ist zurzeit mild und nur eine dünne Schneeschicht bedeckt die Küste. Sechs Schiffe verkehren täglich zur Insel, im Sommer ist die Auswahl größer. Da kommt man in zwei Stunden direkt vom Stockholmer Zentrum mit der Fähre nach Gällnö – oder zu einer der zahlreichen Nachbarinseln. Mit dem Inselhopping-Ticket kann man fünf Tage lang mehrere Inseln erkunden. Die Auswahl ist riesig – es gibt schätzungsweise 24.000 Inseln.

Gällnö ist vier Kilometer breit und fünf Kilometer lang. Gerade mal zwanzig Personen wohnen das ganze Jahr hier. Dazu gibt es etwa 70 Sommerhäuser. Im Sommer kommen die Urlauber und die Insel lebt auf. Besonders Mitte Juni um die Sommersonnenwende zum Mittsommer-Fest.

Etwa 500 Gäste feiern hier „midsommar“, sie kommen mit eigenen Schiffen oder mieten Hütten oder Zimmer. Am Vormittag pflückt man dann Blumen auf der Wiese, schmückt damit gemeinsam den Mittsommer-Baum. Am Nachmittag wird gegessen und um den Baum getanzt.

„Gällnö ist für die große Feier bekannt, ihr müsst unbedingt im Sommer auch einmal kommen!“, schwärmt Marianne Persson vom größten Fest des Jahres.

Ganz klar ist, dass der Sommer die Hochsaison ist. Im Winter empfängt die Vermieterin nur wenige Gäste.

Sie fordert uns dann auf, bald loszugehen, um das Tageslicht zu nützen. Im Jänner ist es knapp sechs Stunden hell, zwischen neun und drei Uhr.

Die Sonne steht sehr niedrig, schafft es mit Mühe gerade über die Tannenbaumspitzen der Nachbarinsel. Sie wirft ein warmes Licht auf die abgerundeten, hellen Felsen, die ruhenden gelben Wiesen und verstärkt noch das Rot der kleinen Häuser. Ist es aber bewölkt, wird die Insel grau – es wirkt bereits untertags wie Dämmerung.

Bevor die Inselentdeckung startet, erklärt sie uns, wo das Dorf liegt. Es ist schon öfters passiert, dass ausländische Gäste zurückkommen, ohne das Dorf gefunden zu haben. Was für die Schweden schon ein „Dorf“ ist, sind für Touristen nur ein paar vereinzelte Holzhütten.

Eine Forststraße führt über die Insel. Autos gibt es hier keine, lediglich einige Traktoren und Quads. Die Landschaft besteht aus kleinen Feldern und Wiesen mit Granitfelsen, dazwischen weitläufige Nadelwälder.

Auf „Dorf“-Suche

Die offenen Wiesen sind den Kühen zu verdanken, die hier im Sommer grasen. Sie gehören dem pensionierten Bauern Lennart und seinem jüngeren Bruder, der den Hof übernommen hat.

Einen Großteil des Jahres verbringen die 40 Kühe hier, bevor sie im Winter in den Stall kommen, oder, wenn sie Pech haben, zum Fleischhauer. Heute geht es den Tieren aber besser als früher. Damals reichte das Heu nicht aus und man hat es im Winter mit Schilf und Laub gestreckt.

Bald taucht ein rotes Holzhäuschen auf, dann ein weiteres, das muss das „Dorf“ sein. Es ist um die Mittagszeit, aber wegen des niedrigen Sonnenstandes dämmert es bereits. In den dunklen Fenstern breitet sich Raureif am Fensterglas aus, hier ist niemand zu Hause. Wir stehen mitten im Dorf, es ist gespenstisch ruhig, keine Menschen weit und breit.

Der Weg führt vorbei am „handelsbod“, dem Greißler, der die Sommergäste mit Lebensmitteln versorgt und ein kleines Restaurant betreibt. Für die raren Wintergäste gibt es dieses Service nicht, es wäre nicht lukrativ. Die Türen sind fest verschlossen, ein „D“ im Firmennamen hängt schief. Das Dorf wirkt wie eine Filmkulisse.

Wenn das Eis singt

Es geht vorbei an einer beliebten Ankerbucht, die bis Ende Mai aber leer bleiben wird. Die Schiffe der Freizeitkapitäne stehen gut eingepackt an Land und warten darauf, dass die Frühlingssonne die Insel wachküsst.

Hier ist die Insel so schmal, dass man auf beiden Seiten das Wasser sieht. In den geschützten Buchten breitet sich eine Eisdecke aus.

Ein lauter Knall überrascht uns, als wir den Nadelwald betreten. Sind Jäger unterwegs? Unten am Wasser kracht es immer und immer wieder, es hallt laut in der Bucht. Es ist das Eis, das durch die Temperaturunterschiede immer wieder aufspringt. Abgesehen vom singenden Eis ist es still. Wer Ruhe, Entspannung und das einfache Leben sucht, findet hier den richtigen Platz. Stille und Gelegenheit zum Nachdenken gibt es im Übermaß. Es wirkt sogar, als wäre die Insel exklusiv für uns reserviert. Bis auf eine Ausnahme begegnen wir den ganzen Tag keinen Menschen.

Wir genießen den Blick über die eisige Landschaft, atmen Salz, Wald und Ruhe ein und spüren, wie sich die Entspannung im Körper breitmacht.

Wenn es um zwei Uhr dämmert, ist es Zeit, umzukehren. Nicht nur Wanderer zieht es in die Wärme, auch die Katzen versammeln sich abends im Haus. Wie viele es genau sind, weiß Frauchen nicht. „Acht bis zehn sind es. Manche wohnen aber lieber im Stall“, erzählt Marianne.

Da es nachmittags bereits dunkel wird, ist der Abend lang. Es passiert nicht viel, eine Meise pickt Körner vor dem Küchenfenster, der Nachbarhund bellt, als die Abendfähre kurz anlegt. Wir haben viel Zeit zum Kochen, mit den Gastgebern zu reden und vor allem die Ruhe zu genießen.

Nach einigen Tagen verlassen wir die Insel. Unsere Schultern sind in der Zwischenzeit gut erholt und haben wieder eine entspannte Haltung gefunden. Und auch wir haben einen positiven Gästebuch-Eintrag hinterlassen.

Der Schärengarten

Reisezeit: Ganzjährig, im Winter Nebensaison

Anreise: Wien-Stockholm (Austrian Airlines, Airberlin, SAS) oder Linz-Stockholm (Austrian Airlines, Lufthansa, umsteigen in Deutschland)

Öffentliche Verkehrsmittel: www.sl.se

Schiffsverkehr: www.waxholmsbolaget.se

Übernachtung: www.stugknuten.com (Zimmer- und Hüttenvermietung, Zimmer ab 25 Euro/Person), www.visitskargarden.se (Schärengarten Tourismusbüro: Tel. +46 8 100222; Hotels, Jugendherbergen, Restaurants, Pakete), www.skepparholmen.se (Therme)

Aktivitäten: Tourenschlittschuhlaufen (www.iceguide.se), Eisyacht segeln (www.outdoorevents.se)
Mehr über Schweden: www.visit-sweden.com, Tel. 0192 86702, austria@visitsweden.com

1
herrlich · von dolinengeist (29) · 24.02.2012 07:40 Uhr

schweden ist einfach traumhaft - da bekommt man richtig lust eure reise ebenfalls zu machen.....

(0)
Artikel 18. Februar 2012 - 00:04 Uhr
Rebecca Anund
Bild vergrößern Insel im Winterschlaf

Kommt die Fähre wieder, oder sind wir nun auf der kleinen Insel in Schweden gestrandet?  Bild: Anund

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