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Georgien träumt vom Tourismus und setzt auf Wunderprojekte

GEORGIEN. Zwei Jahre nach dem Krieg um Südossetien ist das Verhältnis zwischen Russland und Georgien noch äußerst gespannt. Das spüren auch Urlauber, um die das Land wirbt.

Träumen muss erlaubt sein. Ob auch die Träume der Nina Koballia eines Tages in Erfüllung gehen werden, bleibt indes abzuwarten. Die bildhübsche Georgierin ist die Tourismusberaterin der autonomen georgischen Provinz Adscharien mit der Hauptstadt Batumi.

Dort stellte sie unlängst ihr „Batumi-Wunder-Projekt“ vor, das nach seiner Verwirklichung die östlichste Stadt am Schwarzen Meer in „ein zweites Dubai, Miami oder Barcelona“ verwandeln soll. Das Potenzial dafür, behauptete die junge Frau ohne mit der Wimper zu zucken, sei vorhanden.

Aufbruch in Batumi

Die Stadt hat es innerhalb weniger Jahre geschafft, ihre miefige sozialistische Vergangenheit abzustreifen. Neue architektonische Blickfänge wie das „Sheraton“-Hotel an der schmucken Corniche wurden schon gesetzt. Der das Stadtzentrum dominierende Klotz sieht zwar aus wie eine Karikatur des Empire State Building, die Georgier, vor allem natürlich die Adscharen, sehen dies natürlich anders.

Sie erfüllt es mit Stolz, dass in Batumi noch vier weitere 5-Sterne-Hotels gebaut werden und der internationale Flughafen im Frühjahr des Jahres in Betrieb genommen wurde. Geplant sind außerdem ein futuristisches Opernhaus, ein neues Delfinarium und Aquarium. Die Liste der „Wunder-Projekte“ ist lang, das Entwicklungstempo rasant.

Skilauf im Küstengebirge

Was Batumi Dubai schon immer voraus hatte, ist seine fantastische Umgebung. Die aufstrebende 130.000- Einwohner-Metropole ist von dem größten gemäßigten Regenwald Europas umgeben – wenn man, und daran lässt Georgiens mitunter exzentrischer Präsident Michail Saakaschwili nicht den geringsten Zweifel, Georgien zu Europa zählt.

Der 1880 angelegte botanische Garten von Batumi beherbergt heute über 6000 Baum– und Pflanzenarten aus allen Teilen der Welt. Der Bambus wächst hier 20 Meter hoch. Im nahen Küstengebirge, wo im Winter Ski gefahren wird, leben Bären, Wölfe, Gämsen und Steinböcke.

Doch zurück ins Zentrum von Batumi: Es ist 23.00 Uhr, und es weht ein Hauch von Las Vegas. 20 schicke Casinos und wohl weit mehr als 100 Pokerclubs und Wettbüros laden zum Glückspiel ein.

Das ist in der nahen Türkei, der Ukraine und Israel verboten. Batumi hat diese Marktlücke erkannt und bringt die „guten“ Spieler aus diesen Ländern inzwischen sogar mit Charterflugzeugen ans Schwarze Meer. Wer „viel spielt“, also viel verliert, bekommt – wie in Las Vegas – seine Hotelsuite gratis. Und die wird es schon im nächsten Jahr reichlich geben.

Batumi würde ohne die Türkei heute vielleicht zu Russland oder dem weiter nördlich liegenden Abchasien gehören, das sich nach dem (Bürger)-Krieg im August 2008 für unabhängig erklärte.

Russische Kampfflugzeuge hatten Batumi damals bombardiert. Die türkische Luftwaffe habe nur „Sekunden später“ mit einer „Demonstration der Stärke“ über dem Schwarzen Meer reagiert und so den Fortbestand Adschariens als eine zu Georgien gehörende autonome Republik garantiert, erzählt Levan Diasamidze im Veteranenclub von Batumi. Man sei den Türken, die derzeit auch die meisten Bauprojekte des „Batumi-Wunders“ realisieren, daher sehr dankbar.

Glorreiche Vergangenheit

An der Ausfallstraße in Richtung Tiflis erinnert das Nobel-Technical Museum an die glorreiche Vergangenheit Batumis. 1892 verließ der erste moderne Öltanker der Welt, die „Murex“, den Stadthafen. Heute fließt das Öl vom Kaspischen Meer durch Pipelines an Batumi vorbei. Lediglich kleinere Mengen werden in Tankzügen aus Baku gebracht.

Das Eisenbahnnetz Georgiens wird modernisiert. In zehn Jahren sollen Schnellzüge die 450 Kilometer lange Strecke von Batumi nach Tiflis in drei Stunden bewältigen, fast dreimal so schnell wie bislang. Mit dem Auto ist man sechs Stunden unterwegs. Die sechsspurige Autobahn beginnt erst in der Ebene von Gori, die vor zwei Jahren russische Panzer besetzt hatten.

Leidvolle Erinnerung

Dem Vorstoß vorausgegangen war eine georgische „Blitzoffensive“ zur Rückgewinnung der Kontrolle über das von Separatisten beherrschte Südossetien. Für den unmittelbaren Ausbruch des Krieges machte eine Untersuchungskommission der Europäischen Union den georgischen Präsidenten Saakaschwili verantwortlich. Russland, heißt es in dem Bericht, habe daraufhin „mit übertriebener Härte“ reagiert. Dass viele Georgier dies anders sehen, liegt auf der Hand.

Für Khatuna Kutateladze und ihre Mutter Mariam sind die Russen „Verbrecher“. Unter Tränen erzählen sie, wie sie von den „russischen Barbaren“ aus Zchinwali, der Hauptstadt des neben Russland, nur von Nicaragua und der „Hamas“ anerkannten „unabhängigen“ Südossetien, vertrieben wurden.

Seit einigen Monaten leben die beiden in einem Häuschen auf 15 Quadratmetern am Stadtrand von Gori. Nach Zchinwali, das nur 30 Kilometer nördlich liegt, werden sie so bald nicht zurückkehren können. Die ethnischen Spannungen in der Region, fürchtet der ukrainische Georgien-Experte Alexander Sosnowski, seien verhärtet, Südossetien und Abchasien für mindestens 20 Jahre verloren.

So wie Khatuna und ihrer Mutter Mariam ergeht es rund 240.000 Georgiern, sechs Prozent der Bevölkerung. Sie sind Vertriebene im eigenen Land. Ohne ausreichende medizinische Versorgung (über)leben sie von 120 Lari – umgerechnet 50 Euro – im Monat. „In Zchinwali hatten wir ein zweistöckiges Haus mit riesigem Garten und hier nichts“, schluchzt Khatuna, die während des Krieges auch ihren Mann verlor.

Das Schicksal der georgischen Heimatvertriebenen berührt zutiefst. Um so überraschter sind wir, als wir nur drei Kilometer weiter, im Zentrum von Gori, im Museum eines Georgiers stehen, dessen Terror Millionen von Menschen zum Opfer fielen: Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin.

„Das kommt von ihrem Wort Stahl und heißt auch auf russisch Stahl“, erklärt Sonia, die charmante Museumsführerin in fließendem Deutsch und lächelt dabei etwas verschämt.

Bevor „Er“ nach Russland ging, sei „Er“ ein „richtig guter Mensch“ gewesen. „Unser Josef sang im Kirchenchor und wollte Priester werden“, erzählt Sonia vor leicht vergilbten Schwarz-Weiß-Bildern. Später, gibt die junge Frau nach hartnäckigem Nachfragen zu, habe „Er“ dann „auch Fehler“ gemacht wie bei der Kollektivierung der Landwirtschaft.

Dennoch sei Stalin für die älteren Georgier weiterhin „Held“. „Nicht für die Jüngeren“, fügt Sonia vor „seinem Akkordeon“ hinzu.

Danach verlassen wir das protzige Museumsgebäude, kaufen im Souvenirladen eine Flasche „Stalin-Rotwein“ für 35 Lari und lassen uns von Sonia noch den Salonwagen zeigen, mit dem „Er“ 1943 nach Teheran gefahren war, um Churchill und Roosevelt zu treffen. Die Stalin-Statue, die einmal neben dem Salonwagen stand, ließ Michail Saakaschwili inzwischen entfernen.

In Tiflis ließ sich der georgische Präsident vor Kurzem einen Palast bauen, der sowohl an das Weiße Haus (die Säulen) als auch den deutschen Bundestag (Glaskuppel) erinnert, und die Hauptstadt dominiert. „Als Saakaschwili Präsident wurde, wollte er sich noch mit einer Zwei-Zimmer-Wohnung zufrieden geben“, sagt Manana Tsiramua lachend.

Die 41-jährige Georgierin war früher eine bekannte Pianistin. Heute ist sie die Direktorin von „Georgian Holidays“, dem effizientesten Reiseunternehmen des Landes.

Tsiramua ist zufrieden. Zwei Jahre nach dem Krieg, betont sie bei einem Glas hervorragenden georgischen Cabernet-Rouge in der Sharden-Street von Tiflis, sei „der Aufschwung spürbar“. Besucher kämen aus allen Teilen der Welt und die Regierung bemühe sich „mit großem Erfolg“ um eine Verbesserung der touristischen Infrastruktur.

Unbequeme Fragen

Die Spannungen mit Russland gäben natürlich Anlass zu Sorge, gibt Mary, Manamas Freundin, zu bedenken. Putin und Medwejew lehnten es ab, mit Saakaschwili zu sprechen, wollten seinen Sturz erzwingen. Das führe zu Spannungen mit den zahlreichen georgischen Oppositionsparteien, deren Vertreter von Moskau akzeptiert würden und mitunter „unbequeme Fragen“ stellten: Zum Beispiel nach dem Sinn des Krieges, und warum sich Saakaschwili trotz militärischer Unterlegenheit überhaupt beteiligt habe.

Zum Abschluss unserer fünftägigen Reise fahren wir auf der alten georgischen Heerstraße in den Kaukasus. Bis Gudauri ist die Fahrbahn in einem hervorragenden Zustand. Das „georgische St. Moritz“ ist von Tiflis in anderthalb Stunden erreicht. Im Winter bringen hier sechs Sessellifte die Skifahrer von 2000 auf fast 3400 Meter. Wer noch höher hinauf will, nimmt einen Helikopter.

Wir wollen nach Kazbeg, der Grenzstadt zu Nord- ossetien, die nach einer etwas beschwerlichen Fahrt über den 2400 Meter hohen Kreuzpass in einer guten Stunde erreicht ist – und sind überrascht: Statt auf schwer bewaffnete georgische Soldaten, treffen wir auf fröhliche deutsche und Schweizer Rucksacktouristen, die im Hochtal von Kazbeg zu Bergtouren in den Kaukasus aufbrechen.

Es herrscht tiefster Frieden. Kurz vor der Grenze versperren uns zahme Wildschweine, Kühe und Schafherden den Weg. Bis nach Wladikawkas, der Hauptstadt der zu Russland gehörenden Republik Nordossetien, wären es noch 20 Kilometer. Die beiden georgischen Soldaten würden uns ausreisen lassen, was ohne Visum für Russland aber nicht möglich ist. „Bleiben Sie besser bei uns. Nur Georgien ist sicher“, rufen sie uns winkend hinterher.

Reisezeit: Die beste Reisezeit für Georgien ist das Frühjahr und der Herbst. Die immergrüne Schwarzmeerküste um Batumi kann zu jeder Jahreszeit besucht werden. Zum Wandern im Kaukasus eignet sich der Sommer. Skifahren in Gudauri ist von Mitte Dezember bis Anfang April möglich.

Anreise: Lufthansa (ab München) sowie Turkish Airlines (über Istanbul) bieten Flüge ab 450 Euro an. Problemlos ist die Einreise auch über Land (über das türkische Trabzon) nach Batumi.

Reiseveranstalter: Im deutschsprachigen Raum werden von zahlreichen Veranstaltern Pauschalreisen angeboten. Der beste Reiseveranstalter in Georgien ist Georgian Holidays, der Individualtouristen Hotels in allen Landesteilen bucht sowie Autos mit Fahrern und kleine Pauschalarrangements organisiert. www.georgianholidays.com

Visum: EU-Bürger benötigen kein Visum.

Kommentare
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Artikel 04. September 2010 - 00:04 Uhr
Von Michael Wrase
Bild vergrößern Georgien träumt vom Tourismus und setzt auf Wunderprojekte

Die immergrüne georgische Schwarzmeerküste bei Batumi mit ihrer üppigen Vegetation ist eih Reiseziel für jede Jahreszeit.  Bild: Georgia Tourism/Reuters

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