Ein Gerücht hält sich hartnäckig in Veszprém. Und mancher ältere Einwohner glaubt sogar, sich noch daran erinnern zu können: dass die Steinfiguren von Stephan und Gisela, der heilige Magyare und die bayerische Prinzessin, ursprünglich einmal von der Bastion des Burgfelsens hinunter auf das Flüsschen Séd geschaut hätten. Aber mit der Zeit soll es den beiden zu langweilig geworden sein, immer nur den Viadukt über den ziegelroten Dächern der Wohnhäuser zu sehen und am Horizont das ferne Bakony-Gebirge. So mobilisierte das königliche Paar die magischen Kräfte der Stephanskrone und drehte sich in einer Neumondnacht heimlich um.
Am Rande des Geschehens stehen die Steinfiguren des Bildhauers József Ispánky zwar immer noch, aber wenigstens blicken sie jetzt südwärts Richtung Altstadt zum Dom Sankt Michael, den die frommen Herrscher ja selber gestiftet haben. Leider blieb von der Originalkirche nach diversen Bränden und Umbauten bis auf die gotische Krypta nicht mehr viel erhalten. Überhaupt hat sich seit dem Mittelalter auf dem Burgberg viel verändert, vor allem in der Barockzeit: Da entstanden die Dreifaltigkeitssäule und zahlreiche Adelsresidenzen, allen voran der mächtige Palast des Erzbischofs.
Jetzt muss den tausendjährigen Majestäten nicht mehr fad sein, denn in der Fußgängerzone des Burgbezirks ist ständig etwas los.
Ritterspiele, Kultur, Kurquellen
Jeden August zum Beispiel steigt auf dem weiten Platz vor dem episkopalen Palais ein mehrtägiges Musikfestival unter dem Logo „Veszprémfest“.
Diese Wortkombination ist gewagt, weil „fest“ auf ungarisch „anmalen“ heißt, also etwas ganz anderes als das deutsche „Fest“. Aber vielleicht will man damit die Buntheit der Veranstaltung ausdrücken. Jedenfalls wird zu diesem Anlass die Barockfassade des bischöflichen Baues nicht etwa angepinselt, sondern hinter einem hässlichen Riesengerüst versteckt und das Areal mit Tribünen voll- geräumt. Das schmerzt nicht nur die königlichen Augen.
Die Veszprémer lieben zu mulattieren, was nach Karl Kraus’ „Letzten Tagen der Menschheit“ auf kakanisch einen Mulatschag zelebrieren heißt, also ausgiebig feiern: Da kommt dann aus Passau eine bayerische Blaskapelle, um der schon zehnjährigen Städtepartnerschaft zu gedenken; im Zoo wird – hoffentlich ohne dass Schimpansen und Breitmaulnashörner der Schlag trifft – mit einem lodernden Scheiterhaufen die Johannisnacht begangen; eine Veteranenrallye (auf die Autos bezogen, nicht auf die Piloten) begeistert Fans von Oldtimern, Lärm und Staub; Puppenspieler entführen die Kleinen in eine Märchenwelt; die Großen verzaubert ein vorweihnachtlicher Christkindlmarkt mit Glühwein und Prügelkrapfen; und das Haus der Künste beim Heldentor, dem Südeingang zum Burgkomplex, zeigt derzeit in einer Sonderausstellung Bilder des im 19. Jahrhundert europaweit bekannten realistischen Malers Mihály Munkácsy.
Stadt der Königinnen
„Stadt der Königinnen“ nennt sich Veszprém stolz, weil Gisela den lokalen Bischöfen das Privileg gewährte, die Gemahlinnen der ungarischen Könige zu krönen. Die letzte hier gekrönte Monarchin war übrigens Zita, die Frau des österreichischen Kaisers Karl.
Wie jede Stadt von Welt, die etwas auf sich hält, soll auch Veszprém auf sieben Hügeln erbaut worden sein – sagt zumindest unsere Führerin Erzsébet, die es als „Eingeborene“ eigentlich wissen müsste. Die Publikation „Zu Gast in Ungarn“ kennt dagegen nur fünf Anhöhen. Egal, dem mächtigen Burgberg kann man jedenfalls von mehreren Bergrücken aus auf Augenhöhe begegnen.
Sowohl von der geografischen Lage wie von seiner aufstrebenden Hotellerie her, eignet sich Veszprém ideal als Standquartier für Ausflüge in die Umgebung. So kann der Autofahrer in einer halben Stunde in Herend sein und die berühmte Porzellanmanufaktur besichtigen. Genauer gesagt: In die „echte“ Fabrik wird er nicht gelassen, aber für Besucher wurde das Porzellanium eingerichtet mit Vorführräumen, in denen geschickte Hände die verschiedenen Stadien der Fertigung demonstrieren.
In dem angeschlossenen Café-Restaurant speist der Gast von Tellern aus eigener Produktion, und natürlich kann er wie weiland die Königinnen Victoria und Sisi sowie viele andere Zelebritäten die kunsthandwerklichen Fabrikate auch käuflich erwerben.
„Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundener Pracht.“ Diese Zeile aus Uhlands Ballade „Des Sängers Fluch“ kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man in Zirc vor genau solch einem Relikt steht, das als Einziges von der Zisterzienserabtei des 12. Jahrhunderts übrig blieb.
Prunkvolle Stiftsbücherei
Obwohl der Ort im Bakonywald versteckt liegt, hatten ihn die Osmanen gefunden und so gründlich zerstört, dass Jahrhunderte vergingen, ehe sich der Orden erneut hier ansiedelte und die Anlage im Barockstil wieder errichtete.
Neben der Kirche mit einem Hauptaltarbild „Marä Himmelfahrt“ von Franz Anton Maulbertsch beeindrucken 65.000 Bände der prunkvollen Stiftsbibliothek, darunter 70 Inkunabeln, also frühe Drucke aus der Zeit Gutenbergs und unmittelbar danach.
Die Zircer Folianten faszinieren uns dermaßen, dass wir verspätet in der Burg Csesznek ankommen. Aufgeregt läuft uns Nagy Ferenc entgegen, der „Burgkapitän“, wie die Kastellane hier heißen: Die „Knappen“ wollen endlich mit ihrer Vorführung anfangen. So wie bei uns bald in jeder Gemeinde ein Sommertheater aufgeführt wird (das ist jetzt nicht politisch gemeint), veranstaltet in Ungarn jede bessere Ruine Ritterspiele mit „Hacklwerfen“, Armbrustschießen und Schwertkämpfen.
Eine zusätzliche Attraktion ließ sich der Eigentümer der Festung Sümeg einfallen: ein nabelfreies Gehopse durchaus appetitlich anzusehender „Haremsdamen“, das unter dem Titel Bauchtanz die Zuschauer enthusiasmiert.
Südlich von Veszprém erreicht man rasch den Plattensee. 15 Kilometer nur sind es nach Balatonfüred, dem Hauptort des „Ungarischen Meeres“. Schon die Römer schätzten das heilkräftige Sauerwasser der hiesigen Quellen, und in der Donaumonarchie avancierte der Ort zum mondänen „Seebad“. Auch heute noch sprudeln allenthalben frei zugängliche Brunnen, an denen die Kurgäste ihre Trinkbecher anfüllen.
Das Ufer des Balaton ist weiß von den vielen Schwänen, und weiter draußen leuchten ebenso die Segel der Boote, die bei gutem Wind über die Wogen gleiten. Eine Fähre tuckert zur nahen Halbinsel Tihany, auf deren bewaldeter Kuppe die Wallfahrtskirche der Benediktinerabtei thront. Dort war 1921 nach einem gescheiterten Restaurationsversuch kurzfristig der letzte Habsburgerkaiser interniert, bevor er ins Exil nach Madeira musste. Doch das ist definitiv eine andere Geschichte.
Auskünfte beim Ungarischen Tourismusamt: 1010 Wien, Opernring 1/R/707, www.ungarn-tourismus.at www.hungary.com ungarninfo@ungarn-tourismus.at kostenlose Hotline 00 800 36 000 000;
www.veszpreminfo.hu www.herend.hu; www.balatonfured.hu
Einige Hotelempfehlungen: www.hotelgizella.hu www.vilamedici.hu www.tapo.hu www.hotelhistoria.hu www.hotelkapitany.hu
Pannenhelfer im Dauereinsatz: Eine Hilfeleistung alle 24 Sekunden
Oberösterreich:Spitzenreiter mit kleinen Schwächen
Matt glänzend: Hoffmanns Medaille hat ihre Farbe verloren
US-Wahl: Außenseiter Santorum schlägt mit Dreifachsieg zurück