Was als Erstes auffällt, wenn man sich dem Zentrum Tallinns nähert, sind die imposanten Stadtmauern von bis zu 16 Metern Höhe mit den Wehrtürmen, von denen an die 20 noch erhalten sind. Drei Meter dick sind die Mauern aus dem 13. Jahrhundert, die einstmals ungebetene Gäste abhalten sollten. Heute stehen sie weit offen, um Besucher aus aller Herren Länder willkommen zu heißen.
Vorbei geht es an Kaufmannshäusern zum großzügig angelegten Rathausplatz, dem Zentrum der Stadt. Überall gemütliche Lokale. Wir verweilen, sinnieren.
Tallinn kommt aus dem Dänischen und heißt Dänenstadt. Aber es gibt auch noch den deutschen Namen Reval, der bis zur Ausrufung der Eigenstaatlichkeit 1918 in Verwendung war. Tallinn hat 400.000 Einwohner und wurde 1997 zum Weltkulturerbe erklärt.
Langes und kurzes Bein
„Tervisex!“ hören wir vom Nachbartisch: Zwei fesche blonden Estinnen stoßen mit den Weingläsern an, – das heißt also Prost. Weiter geht‘s durch die malerischen Gassen hinauf in die Oberstadt, durch das lange oder kurze Bein, zwei Gassen, die beide zum Domberg hinaufführen.
Hoch über der Stadt thront das Schloss, welches heute das Reichsparlament beherbergt. Von der Aussichtsplattform hat man einen wunderbaren Blick auf Hafen und Häusergewirr der estnischen Hauptstadt.
In der russischen Zeit war es den Einwohnern nicht erlaubt, ans Wasser zu gehen. Der Zugang war mit Stacheldraht versperrt, aus Angst, jemand könnte sich aus dem Arbeiterparadies davonstehlen. Dieser Spuk ging 1991 zu Ende, als Estland freie Republik wurde.
Kulturhauptstadt 2011
Das Thema der Kulturhauptstadt Tallinn 2011 lautet „Geschichten der Meeresküste“. Dahinter steckt die Philosophie, die Stadt dem Meer gegenüber zu öffnen: Autoren, Schauspieler, Musiker, bildende Künstler erzählen die Geschichten von der Verbindung Tallinns bzw. Estlands und dem Meer. Ein kreativer Rat hat 900 Ideen bekommen, 251 wurden ausgewählt.
Estland vermittelt ein Naturerlebnis mit weiten Urwäldern und grünen Feldern, wo Wölfe, Bären, Luchse, Nerze und Rentiere leben. Es ist auch das Land der Moore und der klaren Seen.
Außerdem soll man hier mehr Meteoriten-Krater finden als sonst wo auf der Welt. Sechs kosmische Felsen sind hier niedergegangen. Unter anderem entstand vor 3000 Jahren der Kaali Meteoriten-Krater, mit 110 Metern Durchmesser – heute ein Naturdenkmal auf der Insel Saaremaa.
Die Insel Hulo und Estlands größte Insel, Saaremaa, die miteinander durch eine Straße verbunden sind, liegen acht Kilometer vom Festland entfernt und sind mit einer Fähre erreichbar.
Saaremaa ist ein Urlauber-Paradies. Ein Besuch lohnt z.B. beim Kochkünstler Toni Ilmoni, der in Nami Namaste liebevoll einen Hof mit schilfgedeckten Stein- und Holzhäusern renoviert hat und mitten im Grünen feine Speisen zubereitet, – außer der ehemalige Journalist dreht gerade einen Dokumentarfilm und reitet dafür Tausende von Kilometern durch Asien. Typisches estnisches Essen ist übrigens Blutwurst mit Kraut, Sülze, marinierter Aal, baltische Sprotten sowie üppige Saucen.
Auf Saaremaa, der größten der Tausend estnischen Inseln, befindet sich das beste Restaurant im Land und zwar auf einem feinen Gut namens Padaste Manor, das der Holländer Martin Breuer kreiert hat. Hier legt man großen Wert auf die nordische Küche. Als Besonderheit gibt es einen eigenen Verantwortlichen, der auf den umliegenden Wiesen und Feldern nach passenden wilden Kräutern sucht, die beim Kochen sofort mit verwendet werden.
Juu Jääb – ab zum Festival
Abends fahren wir dann auf einen Bauernhof nach Nautse. Der Grund ist das Musikfestival Juu Jääb 2010. Das Festivalgelände liegt mitten in den grünen Wiesen. Die jungen Leute sind so was von entspannt. Da es hier in Estland überall Alkohol zu normalen Preisen gibt, entstehen auch keine Exzesse. Zwei Bühnen sind aufgebaut worden. Und auch ein oberösterreichischer Band- Leader und Posaunist gehört zu den Festivalteilnehmern: Es ist der Schärdinger Blues- und Jazzmusiker Paul Zauner mit seiner Band „Blues Brass“, die an diesem Abend aus sieben Österreichern und zwei renommierten amerikanischen Jazzern besteht. Man merkt Zauner an, dass er sich sichtlich wohlfühlt. Seine Augen blitzen, er hat ein Grinsen im Gesicht, als er meint: „Hier auf der Insel ist es wie im Paradies. Die Esten, die herkommen sind sehr herzlich, ruhig, klar und offen.“
Auch der estnische Präsident ist an diesem Abend mit Frau und Kind gekommen, um den Oberösterreichern zuzuhören, die übrigens noch einen Stargast aufzubieten haben: Die mittlerweile in Klosterneuburg lebende Annely Peebo, ein international bekannter Opernstar, der 2002 auch den Eurovision Song Contest in Tallinn moderiert hat und in Estland so etwas wie Kultstatus genießt. Für sie ist es normal, aber für uns Österreicher ungewöhnlich, wie intensiv die Farben des Himmels erscheinen und wie lange es in der Nacht hell bleibt. PS: Weil das Meer westlich von Estland liegt, heißt die Ostsee in Estland ganz einfach Westsee…
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