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Die Japaner mögen’s heiß

JAPAN. Unterwegs auf Kyushu, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln: Eine Reportage über Schauplätze historischer Aufstände bis hin zum größten Vulkankrater der Welt.

Wenn Tom Cruise im Hollywood-Streifen „Der letzte Samurai“ an der Spitze eines Heers dieser nur mit Schwertern, Lanzen, Pfeil und Bogen bewaffneten, mittelalterlichen japanischer Ritter in die Schlacht reitet, einer mit Feuerwaffen ausgestatteten Armee des sich rasant modernisierenden Japans des späten 19. Jahrhunderts entgegen, dann ist das nicht bloß die Fiktion eines phantasiebegabten Drehbuchautors, sondern hat einen realen historischen Hintergrund.

Im Jahre 1867 war die Shogun-Zeit und damit die selbstgewählte jahrhundertelange Isolation Japans gegenüber der Außenwelt zu Ende gegangen, US-Kriegsschiffe hatten eine Öffnung der Häfen des Inselreichs erzwungen, und unter der Herrschaft des Meiji-Kaisers drangen europäisch-amerikanische Einflüsse mit atemberaubender Geschwindigkeit in Japan ein.

Zu rasch für den Ritterstand der Samurai, der in der neuen antifeudalen Ära nicht mehr gebraucht wurde und sich von einem Tag auf den anderen ausgelöscht sah, per Dekret, mit einem Federstrich. Auch die Loyalität zum Kaiser konnte da nicht verhindern, dass sich der Kampf einer untergehenden Klasse in einem kurzen Bürgerkrieg entlud, der 1877 ausbrach und sich zur Gänze auf Kyushu abspielte, der südlichsten von Japans vier Hauptinseln.

Anfangs verzeichneten die Samurai trotz unterlegener Waffen sogar Erfolge auf dem Schlachtfeld, denn die gerade erst rekrutierten Regierungssoldaten, meist Bauernsöhne, hatten eine tiefverwurzelte Heidenangst vor den todesmutigen Kriegern aus Japans Vergangenheit. Auf die Dauer konnten diese sich jedoch nicht halten, und so gibt es Samurai heute nur noch im Film zu sehen.

Der historische Hintergrund stimmt, die Filmkulisse aber nicht: „Der letzte Samurai“ wurde nämlich in Neuseeland gedreht, nicht in Japan. Schade, denn die Schlacht um Kumamoto, Japans größte Festung, hätte sich im Film spektakulär gemacht: Einnehmen konnte die Samurai-Armee Kumamoto zwar nicht, aber am 19. Februar 1877 setzte sie die Stadt in Brand, und am 22. Februar starb der Festungskommandeur durch einen Pfeilschuss.

Heute ist Kumamoto eine moderne Großstadt mit 650.000 Einwohnern, jedoch die mächtige Festung, 1607 von Fürst Kato Kiyomasa erbaut, dominiert nach wie vor das Stadtbild. Die mächtigen Festungswälle, über fünf Kilometer lang und streckenweise von Wassergräben umgeben, sind im Original erhalten und in einer Bautechnik errichtet, die sie uneinnehmbar machen: An der Basis leicht geneigt, wird die Mauer in einer Krümmung immer steiler und hat an der Oberkante einen Überhang. Ohne Artillerie und Luftwaffe ist da nichts zu machen; die hölzernen Wachtürme und die Wohnquartiere aber wurden 1877 ein Raub der Flammen.

Ein paar der ursprünglich 49 Türme hat man in den 1960er-Jahren wiedererrichtet, allerdings aus Beton. Die Rekonstruktion der Fürstenresidenz war erst vor knapp zwei Jahren, im April 2008, abgeschlossen, und dabei hat man keine Kosten und Mühen gescheut: Originalpläne von Fürst Katos eigener Hand wurden dafür benutzt. Die ehemaligen Wandmalereien wurden anhand von alten Zeichnungen und Photographien rekonstruiert. Der Besucher kann also altjapanische Adelsarchitektur, von der es nur noch wenige Überbleibsel gibt, originalgetreu kennenlernen.

Ab Mai wird‘s subtropisch

Das Schlachtengetümmel anno 1877 spielte sich zwar im Februar ab, der fällt in Südjapan jedoch bereits in den Frühling, und die Pflaumen- und Mandelbäume stehen bereits in voller Blüte. Der Winter ist mild wie im Mittelmeerraum, und die Schulkinder, die gruppenweise in Schuluniformen durch die Straßen von Kumamoto flanieren, tragen bei jeder Witterung kurze Hosen und kurze Röcke.

Ab April/Mai wird es auf der Insel Kyushu richtig tropisch, und das bis in den Herbst hinein: 35 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit sind normal, und auf den kleinen Inseln des Amakusa-Archipels vor der Westküste Kyushus verwandelt sich die Landschaft in ein Südseeszenario. Diese Amakusa-Inseln waren seinerzeit der Schauplatz einer ganz anderen Revolte – eines christlichen Aufstands gegen die Militärdiktatur der Shoguns.

Portugiesische Jesuiten hatten seit Mitte des 16. Jahrhunderts im Süden Japans Fuß gefasst, die gesamte Bevölkerung Amakusas getauft und auch schon mit Feudalherren auf der Hauptinsel Kontakte geknüpft, mit dem Ziel, die japanischen Fürsten gegeneinander auszuspielen und das Land für eine koloniale Eroberung vorzubereiten. Im letzten Moment zog der Shogun die Notbremse, warf die Portugiesen hinaus, besiegte die abtrünnigen Lokalfürsten in mehreren Schlachten und stellte die Ausübung der christlichen Religion anno 1612 unter schwere Strafe. Die Leute von Amakusa konnten ihren Glauben nur noch heimlich praktizieren – in Buddhastatuen wurden Kreuze versteckt, die Göttin Kannon wurde mit einem Kleinkind in Armen dargestellt, eine Ersatz-Madonna gewissermaßen.

Solche Exponate sind im Christentum-Museum auf Amakusa ausgestellt, dazu noch das Replikat einer Gutenberg-Buchdruckerpresse, die vor über 400 Jahren von den Missionaren nach Japan gebracht worden war. Wörterbücher und Übersetzungen religiöser Texte, die auf dem Originalgerät gedruckt worden waren, existieren noch.

Die Unterdrückung der Christen mündete 1637 in einem Aufstand, der von einer halbmythischen Figur angeführt worden sein soll, einem 16-jährigen Knaben namens Amakusa Shiro, der als eine Art wiedergekehrter Messias auftrat. Der Erfolg blieb der Rebellion versagt, fast alle Einwohner Amakusas wurden im Rachefeldzug massakriert, und nur eine kleine Zahl der heutigen Bewohner der Inseln bekennt sich zum Christusglauben. Die beiden Dorfkirchen, in französischer Neogotik gehalten, stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Fern von der Küste, im gebirgigen Herzen Kyushus, da rumoren noch lautstark die alten Götter des Vulkanlandes Japan. Mount Aso, so heißt der größte Vulkankrater der Welt – der Kraterrand ist 1000 Meter hoch und stolze 128 Kilometer im Umfang.

Der größte Vulkankrater der Welt

Der Kraterkessel ist eben, fruchtbar und besiedelt. Und im Zentrum dieser Caldera erheben sich fünf Sekundärvulkane: vier erloschen und einer tätig, der 1506 Meter hohe und im Winter schneebedeckte Mount Nakadake. Mit einer Seilbahn kann man bis an den Kraterrand hinauffahren und hinunter ins brodelnde Inferno blicken – ein einmaliges Erlebnis! Vorsicht ist jedoch angesagt: Die Luft ist mit Schwefeldioxid angereichert, und je nach Intensität der Vulkanaktivität kann das für Asthmatiker, Bronchial- und Herzkranke unangenehm werden. Signalfarben zeigen die jeweilige Sicherheitsstufe an, und für den (unwahrscheinlichen) Notfall gibt es Betonbunker, in die sich Vulkanschaulustige flüchten können. Bei der Talstation der Seilbahn informiert ein Vulkanmuseum, und auf Bildschirmen kann man verfolgen, was sich tief unten im Nakadake-Krater abspielt – dort sind zwei Kameras montiert.

Der intensive Vulkanismus ist übrigens ein guter Grund, warum man den Winter für einen Besuch Kyu-shus wählen sollte: Es gibt zahllose Thermalquellen, als Onsen-Badehäuser gestaltet oder Hotelanlagen angeschlossen, mit Außenbecken, die mit Naturstein ausgelegt sind, und Wassertemperaturen um die 45 Grad, wie es Japaner gerne mögen.

Zu lange sollte man aber vielleicht nicht in diesem heißen Wasser eintauchen, speziell als Mann. Die Japaner haben für die Beschwerden, die sich daraufhin einstellen können, den Ausdruck „Yu-Atari“; ein Schwindelgefühl, das – nomen est omen – auch durch zu viel Videospielen entsteht ...

Anreise: Die Fluglinie ANA (All Nippon Airways) fliegt täglich von Frankfurt nach Tokio. Für die Inlandsstrecke auf die Insel Kyushu hat man dann die Wahl zwischen dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen (7 Stunden Fahrzeit) oder dem ANA-Inlandsflug (1,5 Stunden). Die ANA-Inlandsflüge verkehren im Stundentakt und sind zumeist auf die Minute pünktlich, um der Shinkansen-Konkurrenz die Stirn zu bieten. Und viel teurer als der Zug sind sie auch nicht.

Zu den Kosten einer Japan-Reise: Noch vor wenig mehr als einem Jahr hätte man schreiben können, eine Urlaubsreise nach Japan sei ein sehr preisgünstiges Vergnügen. Da aber der Euro-Wechselkurs gegenüber dem Yen seither deutlich gesunken ist, ist Japan zwischenzeitlich kein Billigreiseland mehr. Trotzdem: Höher als das heimische Preisniveau ist das japanische auch jetzt noch nicht!

Kommentare
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Artikel 10. April 2010 - 00:04 Uhr
Von Harald Steiner
Bild vergrößern Die Japaner mögen’s heiß

Im Herzen der Insel Kyushu prägen Vulkane das Bild. Innerhalb der 128 Kilometer großen Caldera des Mount Aso stehen fünf kleine Vulkane.  Bild: Steiner

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