Ursachen liegen oft in der Kindheit
Da das Störungsbild der Body Integrity Identity Disorder – kurz als BIID bezeichnet – noch relativ „jung“ ist, gibt es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Auch fehlt noch eine einheitliche wissenschaftliche Definition dessen, was eine BIID ausmacht. „Die Körper-Integritäts-Identitäts-Störung wird noch nicht in den offiziellen psychiatrischen Klassifizierungssystemen angeführt. Breit diskutiert wird sie aber in einigen Foren im Internet, in denen sich Betroffene austauschen. Dort findet man auch zahlreiche Fallberichte. Aufgrund noch fehlender wissenschaftlicher Erforschungen kann man derzeit aber nur ungefähre Aussagen etwa zur Entstehung der Krankheit treffen“, erklärt der Mediziner. Eine mögliche Ursache jedoch ist, dass Menschen mit einer BIID eine andere Vorstellung ihres Körpers haben, als dieser in der Realität aussieht. Dieses Körperbild haben sie oft bereits seit der Kindheit: Viele Betroffene hatten nämlich eine Art Schlüsselerlebnis. Das kann etwa sein, als sie das erste Mal einen amputierten Menschen gesehen haben und eine Begeisterung dafür verspürten, die sie auf den eigenen Körper übertragen haben. „Einige Menschen mit BIID haben eine anhaltende Faszination von körperlich behinderten, amputierten Personen und haben den Wunsch, in einer ähnlichen Position zu sein“, bestätigt Kapfhammer. Auch sexuelle Aspekte spielen eine Rolle: Menschen mit BIID können eine sexuelle Attraktion gegenüber Amputierten verspüren. Mit der Zeit entwickelt sich aus dieser Faszination das starke Bedürfnis nach Abtrennung eines eigenen Körperteils. Ein Wunsch, der oft jahrelang geheim gehalten wird und mit einem großen Leidensdruck verbunden ist.
Leidensdruck führt zur Selbstverstümmelung
Im Alltag imitieren Betroffene oft, dass sie ohne die jeweilige Gliedmaße leben. Sie stellen sich vor, wie sie bestimmte Tätigkeiten etwa nur mit einem Bein bewältigen und probieren mitunter sogar aus, im Rollstuhl zu sitzen oder auf Krücken zu gehen. Kapfhammer: „Menschen mit einer Körper-Integritäts-Identitäts-Störung üben den Gebrauch von Rollstühlen oder Prothesen und gehen schließlich dem intensiven Wunsch nach Amputation nach, indem sie sich selbst verletzten, weil sie davon ausgehen, erst durch die Amputation zur ihrer wahren körperlichen Identität zu gelangen.“ Die Unzufriedenheit mit dem Körperteil wird schließlich so groß, dass Menschen mit BIID zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Einige Betroffenen verstümmeln sich selbst, indem sie mit einer Motorsäge versuchen, einen Arm oder ein Bein abzutrennen. Oder aber sie legen die Gliedmaße auf Schienen, damit sie vom herannahenden Zug abgetrennt wird. In einigen Fällen wird aber auch Trocken-Eis zur Abtötung des Gewebes verwendet.
Amputation: Lösung des Problems?
Der Körper gilt längst als Mittel der Kommunikation. Egal ob Tätowierungen, Piercings oder die trendige Haarfrisur – sie sind Ausdruck einer bestimmten Einstellung. Wo hat nun aber die Körpermodifikation ihre Grenzen? Ist eine Amputation vertretbar und vor allem hilft sie den Betroffenen einer BIID tatsächlich? Der Mediziner antwortet dazu: „Das Verständnis der Körper-Integritäts-Identitätsstörung ist sowohl in seinen psychologischen als auch seinen neurobiologischen Aspekten derzeit noch höchst unvollständig. Eine differenzialdiagnostische Abgrenzung zu Persönlichkeitsstörungen, zu monothematischen Wahnstörungen, zu Störungen der sexuellen Präferenz und sexuellen Identität, zur körperdysmorphen Störung, zur artifiziellen Störung, aber auch zu speziellen neurologischen Störungen gestaltet sich regelhaft sehr schwierig. Empirisch erprobte therapeutische Ansätze existieren nicht. Viele medizinisch-ethische Fragen müssen in einem interdisziplinären Kontext diskutiert werden. Angesichts dieser sehr heikel einzustufenden Komplexität ist aus meiner Sicht größte ärztliche Zurückhaltung geboten, einem starken Begehren einer Person nach Amputation eines gesunden Körperteils nachzugeben und in einer solchen Operation die Lösung eines komplexen Problems erblicken zu wollen.“
MMag. Birgit Koxeder
Jänner 2012
Foto: Bilderbox
40 Jahre Leiden unter dem Wunsch, gehbehindert zu sein. Immer ein Doppelleben führen, niemandem Bescheid sagen können, heimlich pretenden...
Dann ergriff ich eine Chance und ließ mir mein linkes Bein im OS amputieren. Seitdem bin ich ein neuer Mensch, glücklich, zufrieden, endlich ich selbst. Die jetzige Behinderung ist ein Witz gegen das Leiden unter BIID. BIID ist jetzt komplett verschwunden.
40 Jahre Leiden unter dem Wunsch, gehbehindert zu sein. Immer ein Doppelleben führen, niemandem Bescheid sagen können, heimlich pretenden...
Dann ergriff ich eine Chance und ließ mir mein linkes Bein im OS amputieren. Seitdem bin ich ein neuer Mensch, glücklich, zufrieden, endlich ich selbst. Die jetzige Behinderung ist ein Witz gegen das Leiden unter BIID. BIID ist jetzt komplett verschwunden.
Als Betroffener kann ich mich fast zu 100% in diesem Artikel wiederfinden. Seit Jahrzehnten kämpfe ich mit dieser Störung. Das Doppelleben hat mich bereits in tiefe Depressionen gestürzt und wurde wegen Burnout wochenlang behandelt. Hätte ich nicht ein so verständnisvolles Umfeld, das ich über mein Problem informiert hatte, wäre ich vermutlich schon nicht mehr am Leben. Mir bliebe nur ein Suizid, weil der Druck im Alltag wie ständige heftige Kopfschmerzen wirkt. Es nützt mir kaum etwas, wenn in der Forschung nichts vorangeht und jeder nur vertröstet. Könnte die Pharmazie an uns BIID´ler etwas verdienen, dann gäbe es sicher auch Forschungsgelder.
Deshalb habe ich jetzt meinen eigenen Weg gefunden, den ich konsequent "gehe" bzw. fahre. Seitdem bin ich glücklich,zufrieden und entspannt, kann wieder arbeiten. Als mein Arzt mir vor einigen Wochen einen Fragebogen zum Thema Depressionen zur Beantwortung gab, konnte ich ihn mit einer nie dagewesenen Leichtigkeit ausfüllen.
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