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Autismus: Eigene Welt

Autismus ist unheilbar – trotzdem kann geholfen werden. Selten hat ein Film so viel Positives bewirkt wie „Rain Man“. Dustin Hoffmans Darstellung eines Autisten hat nicht nur vier Oskars eingebracht, sondern auch Wissen und Einstellung zu dieser Krankheit verändert. Autismus ist zwar nach wie vor unheilbar, aber mit gezielter Förderung und viel Verständnis kann man den Betroffenen helfenAutismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die die Verarbeitung von Sinneseindrücken im zentralen Nervensystem beeinflusst. Autisten sind nicht in der Lage, zu ihrer Umwelt eine normale Beziehung aufzubauen. Sie haben enorme Schwierigkeiten, die auf sie einwirkenden Sinneseindrücke zu einem stimmigen und sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Univ.-Prof. Dr. Ernst Berger, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie des Psychosozialen Dienstes Wien: „Das Netz von Selbstverständlichkeiten, auf das wir unser Sozialverhalten stützen, fehlt bei Autisten.“ Die auffälligsten Defizite haben Personen mit autistischen Störungen deshalb im Bereich des Sozialverhaltens und der Kommunikation. Dazu kommt das monotone Wiederholen von Handlungen. So können autistische Kinder nur schwer Beziehungen zu anderen Kindern aufbauen, leiden meist unter einer verzögerten Sprachentwicklung und sind unfähig, Mimik und Gestik adäquat als Ausdrucksmöglichkeiten einzusetzen. Typisch ist auch ein zweckentfremdeter und monotoner Gebrauch von Spielsachen – etwa wenn unentwegt das Rad eines Modellautos gedreht wird.Früher hat man die Krankheit in verschiedene Erscheinungsformen eingeteilt, etwa das nach dem österreichischen Kinderarzt und Psychiater benannte Asperger-Syndrom oder das nach dem ebenfalls aus Österreich stammenden Kinderpsychiater benannte Kanner-Syndrom. Aktuell dürfte sich eine etwas weiter gefasste Sicht etablieren. Professor Berger: „Heute spricht man von einem Autismusspektrum, in das auch andere verwandte Störungen eingerechnet werden.“

Erfolgreiches Projekt

Die wissenschaftliche Beurteilung von Autismus hat sich erst in den 1990er Jahren dem jetzigen Stand angenähert. Univ.-Prof. Ernst Berger: „Früher wurde Autismus unter den Psychosen klassifiziert. Erst der Film mit Dustin Hoffman hat das Problem populär gemacht und durch das öffentliche Interesse auch die Forschung beflügelt.“ Der Film hat aber auch die Einstellungen und das Verständnis für die Krankheit verändert. So wurde ab 1996 in Wien ein schulisches Integrationsprojekt möglich, dessen Erfolge internationales Aufsehen erregten. Der damalige Projektleiter Ernst Berger: „Vorher wurde in der Fachwelt die Meinung vertreten, dass autistisch behinderte Kinder niemals eine Schule besuchen können. Wir haben gezeigt, dass es zwar sehr aufwändig ist, aber dass man helfen kann.“ Durch problemspezifische Lehrerfortbildung und organisatorische Maßnahmen wurde das richtige Umfeld geschaffen. Professor Berger: „Dazu muss man verstehen, wie die Welt eines Autisten aussieht.“

Autisten sind kaum in der Lage, zwischen den Zeilen einer Botschaft zu lesen. Ein „kannst du mir das Salz geben“ wird etwa nicht als Bitte um den Salzstreuer verstanden. Sie können mit einer diplomatischen Ausdrucksweise nichts anfangen. Wenn ein Autist etwas sagt, dann meint er es auch so – und zwar im genauen Wortsinn. Das kann von Unwissenden leicht als Unfreundlichkeit oder Provokation aufgefasst werden. Univ.- Prof. Ernst Berger: „Das verlangt vom Umfeld ein hohes Maß an Verständnis.“

Während die Integration Fortschritte macht, weiß man noch immer wenig über die Ursachen der Entwicklungsstörung. Ernst Berger: „Vermutlich gibt es sehr unterschiedliche Ursachenzugänge. Wohl gibt es familiäre Häufungen, aber genetische Untersuchungen haben keine relevanten Fortschritte gebracht.“ Dass ungleich mehr Männer als Frauen von Autismus betroffen sind, hat bei britischen Wissenschaftlern zu der umstrittenen These geführt, dass Autismus eine extreme Form des Männlichen darstelle.

Heinz Macher
Juli 2010

Foto: Bilderbox

Kommentar:

„Autismus ist nach wie vor nicht heilbar. In einem gewissen Maß kann man den Betroffenen allerdings helfen. Dabei spielt die schulische Integration eine ganz bedeutende Rolle.“
Univ.-Prof. Dr. Ernst Berger
Leiter der Abteilung Jugendpsychiatrie des Psychosozialen Dienstes, Wien

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Artikel 30. Juli 2010 - 11:58 Uhr
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