Erfolgreiches Projekt
Die wissenschaftliche Beurteilung von Autismus hat sich erst in den 1990er Jahren dem jetzigen Stand angenähert. Univ.-Prof. Ernst Berger: „Früher wurde Autismus unter den Psychosen klassifiziert. Erst der Film mit Dustin Hoffman hat das Problem populär gemacht und durch das öffentliche Interesse auch die Forschung beflügelt.“ Der Film hat aber auch die Einstellungen und das Verständnis für die Krankheit verändert. So wurde ab 1996 in Wien ein schulisches Integrationsprojekt möglich, dessen Erfolge internationales Aufsehen erregten. Der damalige Projektleiter Ernst Berger: „Vorher wurde in der Fachwelt die Meinung vertreten, dass autistisch behinderte Kinder niemals eine Schule besuchen können. Wir haben gezeigt, dass es zwar sehr aufwändig ist, aber dass man helfen kann.“ Durch problemspezifische Lehrerfortbildung und organisatorische Maßnahmen wurde das richtige Umfeld geschaffen. Professor Berger: „Dazu muss man verstehen, wie die Welt eines Autisten aussieht.“
Autisten sind kaum in der Lage, zwischen den Zeilen einer Botschaft zu lesen. Ein „kannst du mir das Salz geben“ wird etwa nicht als Bitte um den Salzstreuer verstanden. Sie können mit einer diplomatischen Ausdrucksweise nichts anfangen. Wenn ein Autist etwas sagt, dann meint er es auch so – und zwar im genauen Wortsinn. Das kann von Unwissenden leicht als Unfreundlichkeit oder Provokation aufgefasst werden. Univ.- Prof. Ernst Berger: „Das verlangt vom Umfeld ein hohes Maß an Verständnis.“
Während die Integration Fortschritte macht, weiß man noch immer wenig über die Ursachen der Entwicklungsstörung. Ernst Berger: „Vermutlich gibt es sehr unterschiedliche Ursachenzugänge. Wohl gibt es familiäre Häufungen, aber genetische Untersuchungen haben keine relevanten Fortschritte gebracht.“ Dass ungleich mehr Männer als Frauen von Autismus betroffen sind, hat bei britischen Wissenschaftlern zu der umstrittenen These geführt, dass Autismus eine extreme Form des Männlichen darstelle.
Heinz Macher
Juli 2010
Foto: Bilderbox
Kommentar:
„Autismus ist nach wie vor nicht heilbar. In einem gewissen Maß kann man den Betroffenen allerdings helfen. Dabei spielt die schulische Integration eine ganz bedeutende Rolle.“
Univ.-Prof. Dr. Ernst Berger
Leiter der Abteilung Jugendpsychiatrie des Psychosozialen Dienstes, Wien
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