Auf großes Echo stieß das Angebot der OÖNachrichten, zwei Expertinnen vom Diakoniezentrum Spattstraße zum Thema ADHS online zu befragen. Betroffen sind immerhin fünf bis zehn Prozent aller Kinder, viermal mehr Buben als Mädchen. Kompetent und einfühlsam gingen Psychologin Irene Hanke und Ergotherapeutin Elisabeth Führlinger auf die Anliegen der Chat-Besucher ein.
Besonders die Themen Ritalin und „Akzeptanz in der Gesellschaft“ kristallisierten sich als Spannungsfelder heraus.
Das gesamte Chat-Protokoll mit allen Fragen und Antworten finden Sie hier!
ADHS-Diagnose
Ob ein Kind ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung, ohne Hyperaktivität)
hat, können Ärzte oder Therapeuten diagnostizieren. Anlaufstellen sind Krankenhäuser oder Beratungsstellen (www.familienberatung.
gv.at).
Der Verein für hyperaktive Kinder bietet Selbsthilfegruppen in Linz, Grieskirchen, Steyr, Freistadt und Timelkam an: www.hyperaktivekinder.at
ADHS-Medikamente
„Bevor Medikamente verschrieben werden, sollten alle anderen Möglichkeiten genützt werden“, sagt Primar Michael Merl von der Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz, der bereits mehrere hundert ADHS-Patienten behandelt hat. Erst wenn strukturelle Maßnahmen und Therapien (Ergotherapie, Psychotherapie, ...) nicht greifen, seien Medikamente sinnvoll.
„Sie wirken wie ein künstlicher Filter. Kinder werden ruhiger und trotzdem wacher“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Betroffene könne sich besser auf einzelne Sachen konzentrieren, der Bewegungsdrang nimmt ab, die Kinder tun sich mit sozialen Kontakten leichter. Leistungen verbessern sich – je nach Begabung. Medikamente heben die Lebensqualität, führen aber nicht zur Heilung.
Ritalin: wirkt drei bis vier Stunden. Depotpräparate wie Ritalin LA oder Concerta geben den Wirkstoff Methylphenidat (ein Amphetamin) sechs bis zehn Stunden lang ab. Häufige Nebenwirkung: Appetitlosigkeit. „Die Kinder holen das Essen dann aber oft am Abend, wenn das Ritalin nicht mehr wirkt, wieder auf“, sagt Merl. Manchmal verstärkt das Medikament Ticks (z.B. Augenzucken). Erprobt seit 50 Jahren.
Strattera: Das Antidepressivum wird seit zirka sechs Jahren bei ADHS angewendet. Es wirkt erst nach mehreren Wochen, dafür aber ganztags. Wie auch bei Ritalin besteht keine Suchtgefahr. Im Gegenteil: Mit Medikamenten und anderen Therapien behandelte Patienten sind weniger anfällig für Alkohol- oder Nikotinsucht.
Omega3- und Omega6- Fettsäuren: Sie sollen bei Aufmerksamkeitsproblemen ohne Hyperaktivität helfen. Diese Therapie wird erst seit zwei bis drei Jahren erprobt. „Die Erfolge sind – nach der Erfahrung meiner Patienten – eher mäßig“, sagt Merl.
Ich zitiere aus einem eigenen Fachartikel: "Nach Friedrich (…) werden pro Jahr etwa 2500 Kinder vorgestellt. Darunter sind etwa 20 mit einem echten ADHS, also knapp 10 Promille. Somit besteht der Verdacht, dass die meisten Kinder, die auf Ritalin gesetzt werden, das Leiden gar nicht haben, das diese Verordnung begründen könnte (…). Die Behandlung von Kindern mit hyperkinetischen Störungen sollte daher nur erfolgen, wenn sie sich auf eine Diagnostik stützt, die sich auf Untersuchungsbefunde zu störungsrelevanten körperlichen, kognitiven und psychischen Funktionen sowie sozialen Bindungen bezieht. Deshalb sind eine somatischneurologische Untersuchung (Körpergröße, Körpergewicht, Herzfrequenz, Blutdruck), eine Labordiagnostik (Differenzialblutbild, Elektrolyte, Leberstatus, Schilddrüsen und Nierenfunktionswerte) ein Ruhe-EEG und eine kognitive Leistungsdiagnostik unerlässlich. Ergänzend notwendig ist eine orientierende Familiendiagnostik und Verhaltensanalyse."
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