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Spielen, zuhören, loslassen

Lasst die Kinder spielen! Erzählt ihnen Geschichten! Hört ihnen zu! Mit klaren Botschaften begeisterte Festredner Primar Paulus Hochgatterer bei der Feier „Zehn Jahre Jugendpsychiatrie“ in der Linzer Landesnervenklinik.

Wir waren grob, laut und dreckig – und keiner hat unser Spiel mit der Realität verwechselt.“ Die Kindheitserinnerungen des Tullner Kinder- und Jugendpsychiaters Paulus Hochgatterer handeln von der Lust am Spielen. Als Kinder noch unendlich viel Zeit hatten, um ihre Phantasie in (Natur-)Räumen frei zu entfalten.

Den Kindern das auch heute zu gönnen, empfiehlt der Mediziner. Dabei ginge es nicht darum, möglichst effizient zu sein. „Der Weg des Spielens ist nicht immer der Weg des geringsten Widerstandes“, sagt Hochgatterer. Wichtig sei es hingegen, genügend Freiräume für Buben und Mädchen zu schaffen.

Erzählen als Bedürfnis

Als wichtigen Beitrag zur Entwicklung der eigenen Identität sieht Hochgatterer das Erzählen von Geschichten: „So wie der Mensch laufen, sprechen und Sex haben lernt, so will er auch erzählen und erzählt bekommen.“ Das sei schon bei Babys so, die vor allem mit Gestik und Mimik kommunizieren. Kinder hätten ein Bedürfnis nach Kontinuität. Sie sollten wissen, wie ihre Großeltern heißen, wo ihre Eltern in die Schule gegangen sind oder was diese für Ideale haben. Sich dafür Zeit zu nehmen, würde sich positiv auf das Leben der Buben und Mädchen auswirken. Das Erzählen von Lebensgeschichten brächte Sicherheit durch Erfahrung. „Zukunft braucht Herkunft“, so der Primar.

In der Jugendpsychiatrie trifft der Arzt oft auf Patienten, die nie Geschichten erzählt bekommen haben und bei denen es sich nicht bewährt hat, welche zu erzählen. Das Ergebnis: Die Kinder schweigen oder schreien. „Man muss bei ihnen die Fragen heraushören“, sagt Hochgatterer. Man müsse ihnen erzählen, bis sie selbst zu erzählen beginnen. Den Prozess der Abnabelung von den Eltern beschreibt der Mediziner, der auch einige Bücher verfasst und damit Preise gewonnen hat, als natürlichen und wichtigen Prozess.

Eltern zum Teufel jagen

„Der Job von Kindern ist es, die Eltern zum Teufel zu jagen. Der Job von Eltern ist es, sich darüber zu freuen. Und der Job von Kinder- und Jugendpsychiatern ist es, den Eltern zu erklären, dass das nicht so schlimm ist,“ so Hochgatterer. Einen wichtigen Stellenwert räumt der Psychiater sogenannten „Now Moments“ ein. Bei solchen blitzlichtartigen Ereignissen sind Kinder (und Erwachsene) zu außergewöhnlichen Erkenntnissen fähig. Der Arzt bezeichnet damit „heilsame Momente, in denen Identität kristallisiert“. Diese „Now Moments“ hätten wir in unsere Gesellschaft den Kindern abgewöhnt – genauso wie das Spielen und das Geschichtenerzählen. „Wir verstehen die Großen besser, wenn wir die Kleinen und die ganz Kleinen beobachten“, so Hochgatterer.

Kommentare
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Artikel 16. November 2011 - 00:04 Uhr
D. Hebestreit
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