Weil keiner gerne als überfordert abgestempelt werden will, verheimlichen oder verdrängen Betroffene Symptome von Angstzuständen etc. so lange, bis der Zusammenbruch oder lange Ausfälle im Job drohen.
Die OÖN befragten Univ.-Doz. Primar Werner Schöny über den Wert der Seele in Gesellschaft und Medizin.
OÖN: Jeder 16. Krankenstandstag ist auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Man hört immer von Burnout und Depression, welche weiteren Probleme sind zu nennen?
Schöny: Es gibt kaum eine Krankheit ohne seelische Komponente. Bis zum Burnout gibt es viele Vorstufen. Der Weg führt aber oft unerkannt in eine schwere Depression mit Suizidgefahr. Auch chronische Schmerzsymptome wie etwa Rückenschmerzen, unklare Magen- und Herzbeschwerden, Angststörungen sowie chronische Schlafstörungen haben oft seelische Hintergründe.
OÖN: Alles, wofür man keine körperliche Ursache findet, wird als seelisch betrachtet. Mit dieser Diagnose wird der Patient oft alleingelassen. Ist das nicht unverantwortlich?
Schöny: Es hat sich Positives in der Wahrnehmung psychosomatischer Beschwerden getan, an der Umsetzung evaluierter Hilfe fehlt es noch. Aber es stimmt schon, dass Ärzte wie Patienten die Seele auch oft noch übergehen. Die Medizin muss die Seele sozusagen noch viel mehr entdecken. Dazu braucht es psychosoziale Kompetenz der Mediziner und eine gelungene Arzt-Patient-Beziehung.
OÖN: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, damit seelische Beschwerden als „normale“ Krankheiten angesehen werden?
Schöny: Gehirn und Seele umfassen die gesamte Person, darum ist es nicht so außergewöhnlich, dass gelegentlich seelische Sörungen vorkommen. Es soll keine Benachteiligung bei der Finanzierung der Behandlung von Angststörungen, Erschöpfungsdepression etc. geben. Seelisches spielt in die gesamte Medizin hinein als Verursacher, Verstärker oder Begleiter von Krankheiten und muss daher in das Basisversorgung hineingenommen werden. Ich denke an Konsiliardienste in Spitälern am Land und den Ausbau dezentraler Versorgung außerhalb des Spitals. Wir kennen ja alle, dass man leichter krank wird, wenn man sich gemobbt oder erschöpft fühlt oder nicht mehr zur Ruhe kommt. Wir wissen auch, dass Genesung schneller passiert, wenn sich der Kranke gut betreut und wertschätzend behandelt fühlt.
OÖN: Läuft im Gesundheitssystem und bei den Einsparungen nicht etwas falsch: immer mehr Hightech und Bürokratie auf Kosten von Zuwendung und Zeit für den Patienten?
Schöny: Die alten medizinischen Systeme passen nicht mehr ganz. Die moderne Gerätemedizin ist unabdingbar, aber wir alle müssen lernen, die Psyche zu pflegen. Psychische Gesundheit, dazu gehören auch Spiritualität, der Umgang mit sich selbst und anderen, ist ein gesellschaftlicher Auftrag. Man sieht am Zulauf zu paramedizinischen und esoterischen Strömungen, dass High-tech-Medizin nicht alles ist. Viele Menschen sind von der Schnelllebigkeit, von der Reizüberflutung überfordert, besonders ältere Menschen. Wesentlich wird auch sein, Selbstheilungskräfte zu fördern und zu mobiliseren. Menschen mit weniger Sorgen, Zweifeln und Ängsten zeigen stabilere Gesundheit. Leider leben wir in einer angstgeschwängerten Zeit.
OÖN: Was kann jeder selbst für seine seelische Gesundheit tun?
Schöny: Nicht jeder ist gleich krisenanfällig und gefährdet, seelisch krank zu werden. Selbstvertrauen zu stärken, Nein sagen zu können, Probleme rechtzeitig anzusprechen, sich anzunehmen, wie man ist, Gedankenhygiene, Aktivität, Entspannung und einfühlsame Beziehungen sind wichtig. Wer sich selbst gut spürt, nimmt Hilferufe der Seele früh wahr, kann gegensteuern oder Hilfe suchen.
Frontalzusammenstoß - drei Schwerverletzte
General Motors unter Druck: Aus für Bochum?
Englischer Teamchef nach Streit zurückgetreten
Erste Details zu Griechenland-Sparpaket