Noch nie habe er das Wort „Überforderung“ so oft gehört wie in den vergangenen zehn Jahren, sagte Juul. Der 63-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren als Familientherapeut tätig.
Während die Rollen von Müttern und Vätern früher klar definiert waren, gibt es darüber heute keinen Konsens in der Gesellschaft. Die Väter bringen sich mehr ein und empfinden laut Juul fast alle ähnlich: „Sie wollen nicht werden wie der eigene Vater, sie haben viele Ängste, und sie fragen sich ständig, wie sie ihre Frauen überzeugen können, dass sie gute Väter sind.“
Für Mütter und Väter gebe es kaum Vorbilder, „Eltern sein muss von innen kommen“, sagt Juul. Und auch wenn viele Experten glauben, sie wüssten es per Definition besser als Eltern, sei das nicht richtig.
Kinder lernen nicht, weil man sie erzieht. Sie lernen, indem sie nachahmen. „Dabei müssen Eltern nicht immer gute Vorbilder sein, wie viele glauben. Das geht gar nicht. Am besten lernen Kinder von positiven und negativen Vorbildern“, sagt der Familientherapeut, der die meisten Fünfjährigen für Erziehungsopfer hält, weil sie viel zu viel erzogen werden.
„50 Prozent von dem, was Eltern zu ihren Kindern sagen, ist nicht notwendig, etwa 20 Prozent sind schrecklich, und 30 Prozent sind angenehm zu hören“, so analysiert Juul Familien heute mit einem Augenzwinkern. Das bedeute, dass Eltern zu 70 Prozent nur reden, um sich besser zu fühlen, „was nicht kriminell ist, aber es ist gut, wenn man es weiß“.
Was die Zukunft bringt, ist unklar. Deshalb sei es Aufgabe der Eltern, Kinder zu starken Individuen zu machen. „Sie brauchen ein starkes Selbstwertgefühl“, sagt der Therapeut und rät Eltern, sich zu überlegen, was ihre Ziele für die Kinder sind. Welche Qualitäten soll das Kind mit 18 Jahren haben?
Geschwister müssen streiten
Stattdessen geht es Eltern oft nur um zwei große erzieherische Projekte: Kinder dürfen nicht aggressiv sein, und sie müssen teilen. Juul sagt dazu: „Um eine ausgereifte Beziehung zu bekommen, müssen Geschwister 14 Jahre lang streiten. Und Kleinkinder zum Teilen zu zwingen, ist eine Demütigung. Dazu sind sie sozial gar nicht in der Lage.“
Kinder zu lieben sei keine Leistung, Respekt müsse man sich aber erarbeiten, sagt Juul und gibt allen Eltern noch einen Rat mit: „Versucht bitte nicht, perfekt zu sein, nicht alles richtig zu machen. Versucht nur, Verantwortung für eure Fehler zu übernehmen.“
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat bereits viele Bücher geschrieben („Elterncoaching“, „Pubertät“, „Dein kompetentes Kind“). 2004 hat er das Elternberatungsprojekt „FamilyLab International“ gegründet – mit einer Zweigstelle auch in Österreich (www.familylab.at).
Hier einige seiner Aussagen über Kinder:
•Die Reaktion von Kindern ist immer sinnvoll.
•Kinder sind mit sozialer Kompetenz geboren.
•Kinder können verantwortlich sein.
•Bis sie fünf Jahre alt sind, brauchen Kinder keine Erziehung, nur empathische Begleitung.
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