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Pension: Himmel oder Hölle?

Österreich ist anders: Eine große Zahl von Frühpensionisten träumt vom „wohlverdienten Ruhestand“. Auch wenn es in fast allen EU-Ländern anders ist: Hier träumen die Menschen von einem ewigen Urlaub, zählen die noch verbleibenden Tage, Wochen und Jahre und freuen sich auf den Eintritt ins Paradies.

Pension: Himmel oder Hölle?

Was machen die Österreicher in der Pension? Bild: Colourbox

Nichts mehr tun müssen, unbegrenzte Freizeit, das ist in den ersten Wochen nach der Pensionierung absolut attraktiv, aber nach einigen Wochen kommt bei vielen ein nicht geplantes Gefühl der Unzufriedenheit, denn alles, was sie vorher gestört hat, alle Belastungen sind jetzt ohnehin weg. Vor allem bisher beruflich stark engagierte Menschen stellen sich zunehmend die Frage nach dem Sinn ihres Lebens. Die Trennung von Funktion, die zurückbleibt, und der eigenen Person ist vorher kaum vorstellbar.

Planung fehlt

Menschen bereiten sich in der Regel auf die zweite Lebensphase – ihr Berufsleben – intensiv vor. Aber die dritte Lebensphase wird meist nicht geplant. Sprüche wie „Ich freue mich schon so auf meine Enkelkinder“ und „Ich habe ja so viele Hobbys“ hört man oft als einzige Vorbereitung. Vielfach können wir uns diese neue Phase nicht vorstellen. Wer früher das Pensionsalter erreicht hatte, war meist müde und bald pflegebedürftig.

Heute aber sind Menschen nach dem Pensionsantritt in der Regel noch 20 Jahre fit – vor der Phase der Pflegebedürftigkeit. Wir erleben erstmals in der Menschheitsgeschichte eine zusätzliche, die dritte Lebensphase, die noch nicht die letzte ist.

Gestresst und hilflos

Das „Paradies Pension“ sieht sehr oft so aus: Nach einer Phase der Erholung und Erledigung ewig aufgeschobener Arbeiten kommt eine große Leere. Die gefühlte Sinnlosigkeit schlägt brutal zu. Psychisch führt dies leicht zu einem unkontrollierbaren Dauerstress, mit Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen.

Im Gehirn kommt es dabei zur Aktivierung von Notfallreaktionen, zu einer dauerhaften Erhöhung des synaptischen und parasynaptischen Tonus, die zu einer starken Belastung des Herz-Kreislauf-Systems führt. Davon kann man über kurz oder lang krank werden – körperlich oder psychisch. Das wird meist erst später sichtbar, denn am Beginn dieser fatalen Reaktionskette steht zunächst oft eine durch hektische Betriebsamkeit überspielte Resignation.

Was tun Unternehmen?

Vor Jahren gab es in vielen Unternehmen spezielle Vorbereitungsseminare. Heute sind sie vielfach dem Rotstift zum Opfer gefallen. Nur wenige Unternehmen beobachten im Moment, wie viel Potenzial und Wissen ihnen mit den ausscheidenden Mitarbeitern verloren geht. Sie versuchen, gute und erfahrene Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten und zu nutzen. Für die Betroffenen eine – zunächst sinnvolle – Zwischenlösung, um die eigenen Potenziale zu entdecken und eine neue Perspektive für ein Leben nach der Pensionierung zu entwickeln.

Der Schlüssel zu einer erfüllten Pension liegt in den eigenen Potenzialen, Interessen und Kenntnissen: mit den eigenen Stärken etwas Neues anzugehen, das Alter nicht als Abstellgleis zu sehen. Der Übergang in die Pension braucht intensive Vorbereitung. Aber selbst Manager, die in ihrem Leben immer geplant haben, gehen derzeit vielfach planlos in die neue Phase.

Es gibt viele 80- oder 90-jährige Männer und Frauen, die Unternehmen leiten, großartige Erfolge als Künstler oder Berater haben. Ältere verfügen über Potenziale, die man oft nicht sieht, weil Klischees den Blick darauf verstellen. Diese Potenziale entdecken nur jene, die sich nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit noch einmal ernsthaft fragen, ob das, was sie bisher gemacht haben, wirklich das war, was sie in ihrem und aus ihrem Leben machen wollten.

Die dritte Lebensphase bietet die Chance, Erfüllung, Sinn und Bedeutsamkeit wiederzuentdecken und herauszufinden, was mit der eigenen Begeisterungsfähigkeit verbunden ist. In der Regel stehen etwa 20 Jahre zur Disposition, wenn sie gut geplant werden. Auch wenn uns noch Bilder, Vorbilder fehlen, wie dies gelingen kann.

Info: Der Hirnforscher Prof. Gerald Hüther, Leiter der Neurobiologischen Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, und Dr. Leopold Stieger, Pionier der Personalentwicklung und Gründer der Plattform www.seniors4success.at, befassen sich seit Jahren mit der Vorbereitung auf die Pension. In diesem Gastkommentar sind beide Perspektiven zu einer verschmolzen.

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Artikel 28. September 2009 - 00:04 Uhr
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