OÖN: Die Einstellung „Je mehr Geld ich verdiene, desto glücklicher bin ich“, bezeichnen Sie als Lügenmärchen. Wie das?
Münchhausen: Denken Sie an die Wirtschaftswunderjahre in den 1950er-Jahren. Sind die Menschen heute zufriedener als damals? Ich glaube nicht. Geld beruhigt sicherlich, aber glücklich macht es nicht. Als ich noch studierte, war ich glücklich mit 700 Mark im Monat, was wohl heute 700 Euro entspricht. Wir saßen zufrieden bei Pizza und einem Glas Rotwein beim Italiener. Heute verdiene ich mehr – bin deswegen aber nicht automatisch glücklicher!
OÖN: Dem gegenüber schrieb Berthold Brecht in „Die Ballade vom angenehmen Leben“: „Dann löst sich ganz von selbst das Glücksproblem: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.“
Müchhausen: Es gibt das Easterlin-Paradoxon in der Wirtschaftsliteratur, benannt nach dem amerikanischen Wirtschaftsforscher Richard Easterlin. Er kam zu der Erkenntnis: Trotz Wirtschaftswachstum und den damit einhergehenden Einkommenssteigerungen ist in den westlichen Ländern die Lebenszufriedenheit nicht gestiegen.
OÖN: Wie viel Geld braucht es zur Zufriedenheit?
Münchhausen: Ich möchte mich nicht mit einer Summe festlegen. Es ist jedenfalls so, dass wir den Nutzen von materiellen Gütern überschätzen. Deshalb arbeiten wir immer mehr, um uns immer mehr Wohlstand leisten zu können, der uns aber auf Dauer nicht glücklich macht. Man gewöhnt sich zu schnell an Geld.
OÖN: Ein sicherer Job sei ein guter – das verbuchen Sie als Lügenmärchen. Unsichere Jobs sind aber auch kein Honiglecken, etwa jene der Generation Praktikum, oder die der Scheinselbstständigen.
Münchhausen: Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis, aber Unsicherheit und Risiko gehören nun einmal zum Leben dazu. Hätten Sie mit 19 Jahren einen Job angenommen, bei dem jede Gehaltserhöhung und jeder Karrieresprung vorgezeichnet gewesen wäre bis zur Pensionierung? Oft lassen wir uns von unserer Angst leiten und verkriechen uns im Schneckenhaus, im alten Job, statt die Fühler nach etwas anderem auszustrecken. Das Glück aber muss man wagen und Niederlagen verkraften wir leichter als angenommen. Im Grunde muss sich jeder sein individuelles Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Risiko suchen. Die jüngere Generation hat die Generation Sicherheit abgelöst. Der Mensch scheint ja einen inneren Antrieb für riskantes Verhalten zu haben. Psychologen nennen das den Odysseus-Faktor.
OÖN: Je leichter der Job, desto leichter das Leben – auch ein Lügenmärchen?
Münchhausen: Im Gegensatz zum Burn-out gibt es den Boreout; wenn im Job nur noch Langeweile herrscht. Der Spaß an der Arbeit entsteht auf dem relativ schmalen Grat zwischen Überforderung, die uns stresst, und Unterforderung, die uns langweilt. Dauerhafte Über- und Unterforderung gilt es zu vermeiden. Nur im Flow, wenn Herausforderungen und Fähigkeiten zueinander passen, gedeiht auch die Kreativität. Was tun wir denn gerne? Wir wollen uns mit anderen messen, aber doch nicht mit demjenigen Tennis spielen, der uns 6:0 vom Platz fegt und umgekehrt; das langweilt oder frustriert uns. Wir freuen uns über jene Kunden weniger, von denen wir wissen, dass er den Auftrag ohnehin unterschreibt. Über Kunden, die wir nach zähen Verhandlungen gewonnen haben, freuen wir uns hingegen sehr.
OÖN: Sie kritisieren die Einstellung: „Ob mein Job Sinn hat oder nicht, ist doch egal.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wodurch wird der Sinn von Arbeit definiert?
Münchhausen: Laut Umfragen schieben 70 Prozent der Arbeitnehmer – zumindest in Deutschland – Dienst nach Vorschrift. Gleichzeitig finden es neun von zehn Arbeitnehmern wichtig, ihren Job als sinnvoll zu erleben. Kennen Sie die Geschichte von den drei Steinmetzen? Der erste erklärt: „Ich klopfe Steine für Geld.“ Der zweite sagt zufrieden: „Ich behaue ein Kapitell – und das kann ich wirklich gut.“ Und der dritte sagt mit leuchtenden Augen: „Ich arbeite mit an der Errichtung einer Kathedrale.“ Es ist schon klar, dass nicht jeder für heilige Hallen oder bei Greenpeace arbeiten kann. Der Sinn in der Arbeit sieht für jeden anders aus. Aber jeder kann ethische Einstellungen im Beruf verwirklichen; oft gerade aus der Art und Weise wie man mit seinen Kollegen und Mitarbeitern umgeht.
OÖN: Lügenmärchen Nr. 5: „Ohne mich läuft hier im Betrieb gar nichts.“ Gibt es sie tatsächlich noch, die unersetzbaren Einzelkämpfer für die Firma?
Münchhausen: Ja, aber auf lange Sicht ist der Mensch auf altruistisches und kooperatives Verhalten geprägt. Deshalb bringt uns Teamarbeit weiter. Anhand von Wikipedia sehen wir schon, wohin die Reise gehen kann. Je mehr Köche, desto besser der Brei.
OÖN: Wer sagt „ohne Lob kann ich nicht arbeiten“, unterliegt einem weiteren Lügenmärchen, schreiben Sie. Warum? Motivation ist doch etwas Feines. Funktioniert und kostet nichts …
Münchhausen: Anerkennung kann von oben, außen oder innen kommen. Von oben, das sind die Eltern, der Chef, der Auftraggeber. Diese Art von Motivation ist in der Kindheit verwurzelt. Ein „Super, Herr Huber“ aus dem Mund vom Chef funktioniert aber nicht lange. Lob sollte an bestimmte Tätigkeiten geknüpft sein. „Super Herr Huber, wie Sie die Sache X gelöst haben“. Dann funktioniert es. Lob von außen, etwa von Kollegen, oder das Erreichen einer Vorgabe, eines Qualitätsniveaus steigert auch das Selbstwertgefühl. Lob von innen, sich quasi selbst auf die Schulter zu klopfen, kann die wertvollste Motivation sein, denn es macht uns unabhängig von äußeren Faktoren. Geld ist übrigens kein Ersatz für Anerkennung.
OÖN: Märchen Nr. 7: „Ich habe doch längst ausgelernt, wozu Weiterbildung?“ Lebenslanges Lernen, pfiffig ausgelagert aus den Betriebsagenden in die private Coaching-Industrie, für die der engagierte Mitarbeiter auch noch selber bezahlt …
Münchhausen: Unter dem Stichwort „lebenslanges Lernen“ werden viele Euros verdient. Wer es fordert, trägt ein Schild mit sich her, auf dem steht: „Du bist nie genug!“ Viele flüchten deshalb aus der Lernhölle mittelmäßiger Angebote der Schulungsbranche. Lebenslanges Lernen könnte auch so verstanden werden: Nicht überall der Beste sein, sondern das Beste aus sich machen wollen – abhängig von der Lust am Lernen. Denn der Mensch strebt nach neuer Erfahrung, unser Hirn will gefüttert werden; durch gezieltes Lernen ohne Überforderung.
OÖN: Wie kann ich sicher sein, dass Sie nicht geflunkert haben, wie Ihr Vorfahre, der Lügenbaron?
Münchhausen: Das müssen Sie Ihre Intuition und Erfahrung entscheiden lassen.
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