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Nazi-Bonze Robert Ley spukt noch immer als Pate über der Stadt Steyr

STEYR. Über der Stadt liegt der Schatten einer Ehrerbietung: Wenige Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen hat der Bürgermeister von Steyr dem NS-Reichsarbeitsminister Robert Ley als Paten der Stadt erkoren. Im Rathaus weiß man nichts davon.

Nazi-Bonze Robert Ley spukt noch immer als Pate über der Stadt Steyr

»Reichsorganisationsleiter« Robert Ley Bild: Deutsches Bundesarchiv

Schenkt man der bereits braun umgefärbten und gleichgeschalteten „Steyrer Zeitung“ Glauben, dann war der Sonntag, 5. April 1938, ein ganz besonderer Festtag: Die Häuser mit Girlanden aus Tannenreisig geschmückt und alle Fenster mit Hakenkreuzfahnen beflaggt, fuhr der NS-Reichsarbeitsminister Robert Ley im Triumphzug in seinem Mercedes in der Stadt vor. Im Überschwang der Masse soll der damalige Bürgermeister Ransmayr dem Parteibonzen aus Berlin die Patenschaft über Steyr angetragen haben. Zwei Tage später schlagzeilte das Lokalblatt, dass Ley „erster Ehrenbürger des nationalsozialistischen Steyr“ geworden sei.

Im Steyrer Rathaus wusste man auch gestern von der damaligen Ehranbietung an einen Nazi, der sich vor dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess in seiner Zelle erhängte, nichts. „Es hat dazu eine Anfrage gegeben, aber im Stadtarchiv liegt nichts auf“, teilte Rathaussprecher Michael Chvatal mit.

Wer Bescheid wissen wollte, das waren die Grünen vor drei Monaten. Im Zuge der Debatte um Ehrenbürgerschaften Adolf Hitlers war der Grüne Parlamentarier Karl Öhlinger auch auf einen Hinweis gestoßen, dass in Steyr mit Ley eine weitere Nazigröße gewürdigt wurde. Wegen eines möglichen Makels in der Vergangenheit fragte der Steyrer Grünen-Chef Kurt Apfelthaler im Rathaus nach, was an der Geschichte wahr sei. „Mir hat die Magistratsdirektion mitgeteilt, dass man nirgendwo auf eine Ehrenbürgerschaft Leys gestoßen ist“, ärgert sich Apfelthaler jetzt über die Auskunft.

An Ley haben sich Anfang April 1938 bei dessen Propagandareise durch Oberösterreich auch andere Gemeinden angebiedert. In Bad Hall hofierten die örtlichen Würdenträger den Abgesandten Hitlers, er möge doch bald über das Nazi-Reiseunternehmen „Kraft durch Freude“ viele Gäste ins Jodbad zuteilen. Die Ehrerbietung Steyrs an Ley, der in seiner Rede den Fabriksarbeitern die Braunhemden als die besseren Sozialisten verkaufen wollte, ist jedenfalls verbrieft: Historiker und Vorstandsmitglied bei MAN, Karl Heinz-Rauscher, hat in seinem im Weishaupt-Verlag erschienenen Buch über die NS-Zeit in Steyr die Patenschaftsurkunde abgedruckt.

Woher das Dokument stammt, konnte er nicht sagen, als Bildquelle gibt er in den Fußnoten den „Steyrer Kalender“ aus dem Jahr 1939 an. Dass die Urkunde im Archiv von Steyr-Daimler-Puch lagert, zu dem er Zugriff hat, verneinte Rauscher: „Das kann ich nahezu ausschließen.“

Ley bislang kein Thema

Faktum ist, dass sich die Patenschaftsurkunde für Ley nicht von selbst in Schönschrift gepinselt hat. Die Stadt muss die Ausfertigung des Dokuments in mehrfacher Ausführung beauftragt haben. Stadtarchivar Raimund Locicnik ist dennoch nicht fündig geworden und musste bedauern: Sein Fundus reicht nur bis ins Jahr 1870. „Dokumente jüngeren Datums bewahrt die Registratur auf, die dem Amtsgeheimnis unterliegt“, beklagt ein Historiker, der namentlich nicht genannt werden will, den schlechten Zugang zu Quellenmaterial.

Zur damaligen Ehrerbietung Steyrs an einen führenden NSDAPler wie Ley hat die Rathausführung bisher wenig verlauten lassen. Nach dem Motto, dass nichts in den Akten vorliege, weshalb man sich auch mit nichts zu befassen brauche, war das Thema hinfällig. Für Grünen-Chef Apfelthaler ist es höchst an der Zeit, über einen etwaigen Widerruf nachzudenken: „Dieser Schatten soll nicht über uns liegen.“

 

Robert Ley, der „Reichstrunkenbold“

Robert Ley war Hitlers Mann an der „Arbeitsfront“: Der Bauernsohn und gelernte Chemiker leitete die Auflösung der Gewerkschaften und die Gleichschaltung der Arbeiterschaft in den NS-Staat. Ley hetzte in übelster Form gegen die Juden. Wenn er sich in Rage redete, forderte er die Vernichtung „Judas“, was er einen „heiligen Glauben“ nannte.
Ley stieg in den inneren Machtzirkel der NSDAP auf, konnte aber die Ernennung von Rudolf Heß zum Stellvertreter Hitlers nicht verhindern. Der Leiter der „Deutschen Arbeitsfront“, mit der auch das Nazi-Reiseunternehmen „Kraft durch Freude“ verquickt war, war auch für den NS-Wohnbau zuständig. Unter seiner Führung wurde die braun umgefärbte Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Krieges missbraucht. Im Volk war Leys Alkoholsucht kein Geheimnis, unter vorgehaltener Hand wurde er „Reichstrunkenbold“ genannt. Ley wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagt und erhängte sich in seiner Zelle.

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Artikel Hannes Fehringer 28. September 2011 - 00:04 Uhr
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