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Beamtenforelle und der Baumeister der Republik

SEITENSTETTEN. Das Stift Seitenstetten zeigt zum 125. Geburtstag von Julius Raab eine Schau über Wirtschaft und Menschenmaß.

Beamtenforelle und der Baumeister der Republik

Bei der Sonderausstellung „Schau ma amoi“ im Stift Seitenstetten wird es um Julius Raab und die Knackwurst gehen. Bild: APA

Seine Leibspeise, die "Beamtenforelle", verzehrte der Staatsvertragskanzler Julius Raab jeden Tag, auch am Freitag. Der christlich-soziale Politiker, von frommen Katholiken wegen des gebrochenen Fasttages zur Rede gestellt, sagte darauf prompt: "Knackwurst gilt nicht als Fleisch, die gilt als Mehlspeis."

Diese Anekdote darf in der Sonderausstellung "Schau ma amoi – Wirtschaft und Werte 2.0" nicht fehlen, die am 1.April im Benediktinerstift von Seitenstetten eröffnet wird. Die Schau will die Geisteshaltung des einstigen Maturanten des Stiftsgymnasiums wiedergeben: Der St. Pöltner Baumeister der Republik, der die Ärmel aufkrempelt, aber kein Turbo-Kapitalist ist, der für seine Gewinne Menschen und Umwelt schonungslos ausbeutet. Abt Petrus Pilsinger sieht in der sozialen Marktwirtschaft, die Raab zeitlebens vertreten habe, auch eine späte Frucht der Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia und dessen "Bete und arbeite und lese!"

Dem Gründer der Benediktiner wird auch ein Kapitel gewidmet werden, allerdings in der Betrachtungsweise der heutigen Zeit. Die Klostergründung des Sohnes aus einer wohlhabenden Familie würde man heute ein "Start-up" nennen, sagt Peter Brandstetter, Pressesprecher des Stiftes: "Die ersten vier Klostergründungen Benedikts gingen wieder zugrunde." Der Mönch ließ sich aber nicht entmutigen, bis sein Werk gelang. Dementsprechend ist auch das Ausstellungsmotto "Schau ma amoi!" gewählt, der Mundartausdruck dafür, eine Unternehmung mit Gottvertrauen und den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Brandstetter: "Das ist die österreichische Herangehensweise, nicht die Preußische mit einem strengen Strategieplan, der Punkt für Punkt abgearbeitet wird."

So ein Begründer, der die Bodenhaftung nicht verloren hat, sei auch Julius Raab gewesen. Das Stift hat das Glück dessen Nachlass zu verwalten und kann mit Tagebüchern, Fotografien und Staatsgeschenken aus dem vollen Fundus für die Ausstellung schöpfen. Im Kontrast dazu wird der heutige Kapitalismus gestellt und gefragt, ob dieser schon völlig nur noch dem Geld und keinen anderen Werten mehr folgt. Aus Handys wird eine Kathedrale aufgebaut, das Allerheiligste im Tabernakel ist das neueste Smartphone. Die Dokumentation dazu beschreibt, wie viele seltene Erden und wie viel schlecht bezahlte Arbeit für das goldene Kalb vonnöten sind.

Und dann: die Knackwurst. Sie wird es als USB-Stick, Schlüsselanhänger, Maskottchen beim Merchandising geben. Die Gastronomie des Stiftsortes wird sich nicht scheuen, die klassische Maurerforelle nebst einer guten Virginia-Zigarre, an der der Altkanzler so gerne geschmaucht hatte, auf den Jausenteller zu legen oder in Essig und Öl anzurichten. Auch die regionalen Fleischer tüfteln schon an einer "Ausstellungs-Knacker". Man hat nicht nur vom heiligen Benedikt, sondern auch vom modernen Marketing seine Lektionen gelernt.

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Artikel Hannes Fehringer 26. Februar 2016 - 00:04 Uhr
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