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Als die Industriestadt Steyr bankrott ging ...

STEYR. In der Ausstellung "Vom Boom zum Bürgerkrieg" zeigt das Museum Arbeitswelt, was von 1914 bis 1934 geschah.

Die Jugend hungert

Die Jugend hungert. Bild: MAW

1931 war es, als gegen Ende des Jahres der junge Journalist Hans Habe nach Steyr kam. Bürgermeister Sichelrader hatte die Stadt zuvor für bankrott erklärt. Sie galt als die ärmste Stadt Europas. Habe, der eigentlich János Békessy hieß, machte sich ein Bild vom Leben der Menschen, das in vielen Fällen nur noch ein Vegetieren war. Sein Bericht, der am 4. Jänner 1932 in der Wiener Sonn- und Montagszeitung unter dem Titel "Die Hölle von Steyr" erschien, wurde von 80 ausländischen Zeitungen nachgedruckt, löste eine internationale Hilfswelle aus und gilt in Journalismus-Kreisen heute noch als Vorzeige-Reportage.

Zwölf Leute in einem Zimmer

Im Stadtteil Steyrdorf hatte Habe die Familie Schaufler besucht. Zu zwölft bewohnte sie ein einziges Zimmer, nass und kalt. Die meisten der zum Teil schon erwachsenen Kinder fand er schlafend oder dösend vor, ebenso die Eltern. Ähnlich die Situation in den Behausungen auf der Ennsleite. "Fast in allen Baracken liegen die Leute in den Betten. Zusammengepfercht. Heizen können sie nicht", so Habe wörtlich. "Sie halten sich umarmt, um einander Wärme zu geben."

Die Jahre 1914 bis 1934, denen sich das Museum Arbeitswelt in einer neuen Sonderausstellung widmet, waren zunächst geprägt vom Wirtschaften für den Krieg, dann von einer langen Krise, in der sich ein Riss durch die Gesellschaft zu ziehen begann und die politischen Parteien sich bewaffneten. Steyr ist das wohl beste und gleichzeitig traurigste Beispiel dafür.

Als Industriestadt war Steyr von der europaweiten Rezession voll und ganz erwischt worden. Bereits 1916 hatte die Waffenfabrik Pläne entwickelt, nach Ende des Krieges Autos zu produzieren. Die Fahrzeuge aus Steyr liefen in der Folge zwar zuverlässig und wie geschmiert, nicht aber der Verkauf. So gut wie niemand konnte sich in Zeiten, in denen Arbeit Mangelware und die Löhne niedrig waren, ein derartiges Luxusgut leisten. Vom Steyr Zwölfer, der als erstes Auto in Europa auf Fließband produziert wurde, konnten Mitte der 20er-Jahre etwas mehr als 11.000 Stück abgesetzt werden, vom Steyr-Baby, das zehn Jahre später zum frühen Vorläufer des VW Käfers werden sollte, 13.000 Stück.

1934 war die logische Folge

1929, nachdem die Hausbank der Steyr-Werke zusammenbrach, kam es zur Katastrophe. Die Automobilfabrik musste vorübergehend den Betrieb einstellen. Sie erholte sich nur langsam. Die Arbeitslosenzahlen schnellten in die Höhe. Viele Steyrer Familien wurden ausgesteuert und lebten von Almosen. Die Kluft zwischen Arm und Reich war bald nicht mehr überbrückbar, auch jene zwischen den Parteien nicht. Fast logisch, dass Steyr zu einem der Hauptschauplätze der Februarkämpfe von 1934 wurde ...

In der Ausstellung, die den Titel "Vom Boom zum Bürgerkrieg" trägt, sind nebst anderem eine begehbare Wohnbaracke und eine Schützenstellung aus 1934 nachgebaut. "Wir stellen auch einige historische Gewehre und ein altes Waffenrad aus", sagt Katrin Auer vom Museum Arbeitswelt.

Von den 22.000 Einwohnern der Stadt Steyr waren Ende 1931 etwa 11.000 vollkommen erwerbslos, 90 Prozent der Kinder waren unterernährt. "Wir müssen helfen", schrieb Habe, zurück in Wien.

 

Die Ausstellung

„Vom Boom zum Bürgerkrieg“, die neue Sonderausstellung im Museum Arbeitswelt, wird morgen, Dienstag, 8. April, eröffnet. Auf 600 Quadratmetern wird die Geschichte Steyrs von 1914 bis 1934 nacherzählt. Als Kurator war Florian Wenninger vom Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien, im Einsatz.

Die Schau bleibt bis Jahresende zugänglich. Alle Infos gibt es auf www.museum-steyr.at

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Artikel Kurt Daucher 07. April 2014 - 00:04 Uhr
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