OÖN: Schwer vorstellbar, dass es Menschen gibt, die nicht richtig lesen und schreiben können, deren Umwelt das aber nicht mitbekommt. Wie gelingt es, sich so durchzuschwindeln, dass das niemandem auffällt?
Muckenhuber: Dieses Durchschwindeln erfordert viel Energie und Intelligenz. Natürlich gibt es auch diese klassischen Ausreden: „Ich muss mir das daheim in Ruhe durchlesen“ oder „Ich hab’ die Brille vergessen“. Es gibt aber auch dramatischere Folgen – bei Leuten beispielsweise, die sich selbst verletzen an der Hand, nur um nicht schreiben zu müssen. Wieder andere bleiben der Arbeit fern, wenn es um etwas Schriftliches geht, was allerdings den Job kosten kann. Viele halten sich auch einfach an andere – ein Kraftfahrer zum Beispiel hat sich vor jeder Tour zuhause von seiner Frau ganz genau den Weg und alle Ausfahrten erklären lassen. Andere lassen auch einfach ihre Frau lesen, Verträge zum Beispiel: „Geh’, les’ du dir das noch einmal durch, ob dir was auffällt.“
OÖN: Das heißt, die Frauen wissen auch nicht bescheid?
Muckenhuber: Oft, ja. Gerade Männer zwischen 30 und 40 haben ganz große Schwierigkeiten, es ihrer Frau zu sagen. Die haben Angst, dass ihre Frau enttäuscht ist und sich von ihnen trennt. Und man muss schon sagen: Eine Beziehung muss sehr tragfähig sein. Ich weiß auch nicht, was ich früher getan hätte, als ich noch nicht so drinnen war in diesem Thema, wenn mir ein Mann gesagt hätte, er kann nicht lesen und schreiben. Da hätte ich mir vielleicht auch gedacht: Lieber Finger weg. Und es glauben wirklich viele, dass dann eben etwas nicht stimmt mit demjenigen.
OÖN: Es könnte also auch sein, dass es jemanden in meiner Umgebung gibt, der nicht lesen und schreiben kann - und ich weiß es gar nicht.
Muckenhuber: Ja, ganz vielen merkt man das niemals an. Sehr oft sind es Menschen mit hoher Intelligenz, die einfach durch eine ungünstige schulische Situation nicht ausreichend lesen und schreiben können. Genau das sind aber auch die Leute, die am meisten leiden darunter, die wenig Kontakte haben, weil sie immer mit der Angst leben, entdeckt zu werden.
OÖN: Was sind die häufigsten Ursachen, dass jemand diese Grundfähigkeiten nicht erlernt?
Muckenhuber: Oft, weil die Familie nicht da ist als unterstützendes Element – durch Scheidung zum Beispiel, Krankheit oder Alkoholismus. Bei vielen unserer Kursteilnehmer hat es auch keine Bücher oder Zeitungen zuhause gegeben. Möglich, dass auch die Eltern schon nicht ausreichend lesen und schreiben konnten. Andere wurden von ihren Lehrern oft aus der Schulklasse geschickt, weil sie auffällig waren. Es gibt schon auch jemanden, der schuld ist an der Situation. Natürlich keinen einzelnen, sondern das Schulsystem. Das Schulsystem bevorzugt die, die schon gute Voraussetzungen haben.
OÖN: Sind es mehr Männer oder mehr Frauen, die zu Ihnen in die Kurse kommen?
Muckenhuber: Wir hatten bis zum Vorjahr eindeutig mehr Männer. Für sie ist einfach der Druck größer. Die Leute kommen, wenn der Druck größer ist als die Scham. Männer sind auch häufig noch die Familienernährer. Frauen können sich offenbar leichter einmal durchschwindeln. Seit wir einen Schwerpunkt auf Frauen gelegt haben, sind wir aber bei 50:50.
OÖN: Die Volkshochschule bietet Grundbildungskurse für lesen, schreiben und rechnen an. Es gibt auch das Alfatelefon, wo Betroffene Hilfe bekommen. Wenn ich in den OÖNachrichten diese Information schreibe – wie soll sie zu den Betroffenen kommen?
Muckenhuber: Alle Betroffenen haben Kollegen oder Angehörige, die ihnen weiterhelfen. Das heißt, dass sie auf irgendeine Weise dann darauf aufmerksam werden.
die zeit haben und die sich dem einzelnen schüler so zuwenden können, dass er/sie auch die chance haben, die kulturtechniken zu erlernen.nicht die lehrer tun zu wenig, sondern ihnen steht zuwenig zeit dafür zur verfügung. wenn kinder zuhause keine unterstützung haben, gelingt es nicht immer , das in der schule wettzumachen. das % der analphabeten steigt nicht, daher liegt auch kein schulversäumnis vor.
da warst du aber schon lange in keiner pflichtschule, weil du anscheinend keine ahnung hast, wie heute die lernbedingungen in den klassen ausschauen.auf den pelz rücken kannst du da niemanden, denn "überall lernt man nur von dem, den man liebt!"(j.w.goethe)
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