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Schach, aber nicht matt

TRAUN, LINZ. Mit 94 Jahren spielt Erwin Rauscher aus Urfahr täglich Schach. Der Denksportler tritt sogar bei den Landesmeisterschaften an.

Schach, aber nicht matt

Erwin Rauscher (l.) und Georg Kreischer bereiten sich auf die Landesmeisterschaften in Traun vor. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Es ist absolut ruhig. Nur das monotone Atmen zweier Männer durchschneidet die Luft. Das Gemurmel vor Beginn der Partie ist verstummt. Hochkonzentriert blickt Erwin Rauscher auf das schwarz-weiß gemusterte Brett vor sich, analysiert die Spielzüge seines Gegenübers Georg Kreischer. Der Pensionist aus Urfahr ist konzentriert, überlegt lange, schiebt die cremefarbigen Figuren mit dem Filzuntergrund flink vor sich her, sammelt braune ein. Freut sich.

94 Jahre ist Erwin Rauscher alt. Kaum zu glauben. Denn der gebürtige Steyrer, der 1942 in den Krieg geschickt wurde, den Einsatz an der Front in Russland unversehrt überlebte, die Gefangenschaft überstand und den Tod seiner Frau überwand ist trotz seines hohen Alters topfit.

Nur die rechte Hand will nicht immer folgen, hält nicht still. Und das mit dem Gehör sei auch so ein Kreuz. Aber das brauche der dreifache Urgroßvater beim Schachspielen sowieso nicht. Hauptsache, der Geist ist wach und das Gehirn fit und lässt ihn weiterhin Schach spielen. Denn der Denksport ist seine große Leidenschaft.

Schach in Gefangenschaft gelernt

Kein Turnier, keine Meisterschaft, kein Vereinstreffen lässt der aufgeweckte Senior aus. Die Pensionisten-Bewerbe in Maria Alm im Mai und die Landesmeisterschaften, die heute in Traun beginnen, auf die trainiert der Ehrgeizige täglich stundenlang hin. Geübt wird im Sommer im Parkbad, wenn sich kein Mitspieler findet, dann muss der Computer mit einem virtuellen Gegner her. So modern geht’s bei der älteren Schach-Generation zu. Und das, obwohl die Brettspieler von der breiten Masse oft als altmodisch und langweilig geschimpft werden. "Schach ist mein Leben. Und meine Therapie, hält mich fit und ist eine Vorbeugung gegen Alzheimer", sagt Rauscher. Seine ersten Züge mit König, Dame, Springer tat der gelernte Bäcker in Kalifornien, wo der zweifache Vater nach dem Krieg in einem amerikanischen Gefangenenlager für fast zwei Jahre festgehalten wurde.

"Wir mussten viel arbeiten, haben in Baracken geschlafen. Wir durften uns keine Fußballtore bauen, also haben wir Staubzucker als Bodenmarkierung genommen", erzählt der redselige 94-Jährige. Als der Sport mit dem runden Leder vermutlich zu langweilig wurde, packte einer der Kollegen, wie Erwin Rauscher die Mitinhaftierten bezeichnet, Brett und Figuren aus. Und Erwin Rauscher lernte seine zweite große Liebe – die nach seiner verstorbenen Frau – kennen. Träumt sogar immer wieder davon.

Zum 90er Tattoo stechen lassen

Wie tief er mit seinem Denksport verbunden ist, berweist er mit einem Tattoo, das er sich nach dem 90. Geburtstag auf dem linken Oberarm stechen ließ: ein Schachbrettmuster, ein Turm und die Aufschrift ASV Linz 1950. Das Jahr, an dem sich Erwin Rauscher seinem Heimatverband, dem Arbeiterschachverein Linz, anschloss. Dort ist er aber inzwischen selten anzutreffen, denn dort wird "geblitzt". Das schnelle Spiel, bei dem nur fünf Minuten Bedenkzeit gegeben werden, gefällt ihm nicht. Sei ihm mit 94 Jahren zu schnell. Also spielt er in Urfahr im Verein und gegen seinen Urenkel Marco. "Wenn da Bua zu Besuch ist, dann ist Schach Pflicht. Der Kleine is’ sehr vif. Aber den Urliopa haut’ er noch nicht rein", erzählt Rauscher mit einem verschmitzten Grinsen.

Dann setzt er die Partie fort. Es muss noch geübt werden. Denn Erwin Rauscher will sich bei den Landesmeisterschaften gut präsentieren. Was dabei am Ende herausschaut, ist ihm egal. Hauptsache der 94-Jährige darf Schach spielen.

Schachszene ist in Linz beinahe zum Erliegen gekommen

Eine Stunde pro Tag vor dem Schachbrett muss mindestens ins Training investiert werden, damit aus einem Hobbyspieler ein Profi werden kann. Ein Grund, warum viele, die in der Schule erstmals Schach spielen, im Jugendalter wieder aufhören, oder spätestens, wenn sie an die Universität wechseln.

Ein weiterer Grund, warum Schach in Oberösterreich wenig Popularität genießt, ist das Förderwesen. In Wien oder Kärnten, wo das größte Talent des Landes, Markus Ragger, aufwuchs und Schach lernte, beeinflussen vergleichsweise viele Gönner den stillen Sport. Dies sei auch historisch begründet, glaubt Schachlegende Erwin Rauscher den Grund zu kennen. In Oberösterreich seien die finanziellen Zuwendungen einfach sehr gering.

Drei Internationale Meister

Mager ist auch die Ausbeute bei internationalen Turnieren. Erst drei Oberösterreicher haben den Titel „Internationaler Meister“ für sich verbucht, Florian Schwabeneder aus Prambachkirchen könnte nächste Woche in St. Martin bei Traun in diesen elitären Kreis aufrücken. Dabei war früher der Boom enorm, erinnern sich Rauscher und Georg Kreischer vom Schachclub Traun zurück. „Nach dem Kalten Krieg erlebte Schach einen großen Aufschwung, in Oberösterreich gab es sogar eigene Damenmannschaften. Und in Linz wurden zwölf Vereine gezählt, inzwischen sind es nur noch vier“, sagt Kreischer. Er bemüht sich inständig, den Nachwuchs zu fördern, lädt immer wieder zu Schach-Trainingsnachmittagen ein. „Schach ist ein gutes Gedächtnistraining und man lernt zu verlieren und Pläne zu fassen, ruhig zu bleiben und Schritt für Schritt zu denken“, sagt Kreischer.

Kontakt: Georg Kreischer 0680 134 8279

 

Mehr über die beiden Turniere in Traun

  • 50 Jahr-Jubiläum feiert der ASKÖ Schach-Club Traun im heurigen Jahr. Aus diesem Anlass wird gemeinsam mit dem Schachlandesverband ab heute die Landesmeisterschaft im Turnierschach durchgeführt. Zudem haben sich die Veranstalter um ein Internationales Meisterturnier bemüht.
  • 70 Teilnehmer werden bei den Meisterschaften erwartet. Für das Meisterturnier sind zehn internationale Teilnehmer – darunter Florian Schwabeneder, Florian Mostbauer, Florian Sandhöfer und Dietmar Hiermann aus OÖ – gemeldet. Hierbei werden die Titel „Internationaler Großmeister“, „Internationaler Meister“ und „FIDE-Meister“ verliehen. Beide Bewerbe finden im Volksheim St. Martin bei Traun statt.
  • 100 Minuten Bedenkzeit für 40 Züge und danach 30 Minuten sowie 30 Sekunden für jeden Zug sind vorgegeben. Gespielt werden neun Runden nach Schweizer System.
  • Beginn ist heute, Freitag, 18 Uhr, Nennschluss um 17.30 Uhr.
  • 94 Jahre alt ist Erwin Rauscher und damit der älteste Schachspieler des Turniers, der älteste Aktive in OÖ und einer der ältesten Turnierteilnehmer in ganz Österreich.
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Artikel Valentina Dirmaier 07. April 2017 - 00:04 Uhr
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