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Eine spannende Zeitreise in die Frauengeschichte

LINZ/WIEN. Frauen. Leben. Linz. Drei Worte, die Gabriella Hauch miteinander verbunden und nach einem "langen Forschungsprozess" in einem dicken Buch verewigt hat.

Eine spannende Zeitreise in die Frauengeschichte

Bild: Weihbold

Ein Gespräch mit der Historikerin und Professorin für Geschichte der Neuzeit – Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte – der Universität Wien über Linz und die Frauen in den vergangenen knapp zwei Jahrhunderten.

OÖNachrichten: Wie ist die Frauen- und Geschlechtergeschichte zur Wissenschaft geworden?

Gabriella Hauch: Die Frauen- und Geschlechtergeschichte ist vor 40 Jahren angetreten, die Geschichtslosigkeit der Geschichtsschreibung zu dekonstruieren. Diese war lange davon geprägt, dass nicht nach Frauen gefragt worden ist. Im Zuge des Aufkommens der neuen Frauenbewegung in den 1970er-Jahren in Österreich haben sich die Aktivistinnen dann gefragt, ob es eine Tradition an frauenbewegtem Aktionismus gibt. Gibt es eine Tradition an Frauen, die sich über ihre eigene Situation Gedanken gemacht haben, weil sie vielleicht nicht zufrieden damit waren? So ist aus dieser durchaus sehr politischen Bewegung auch ein Wissenschaftszweig geworden.

Die Frauen- und Geschlechterforschung ist also erst seit dieser Zeit ein Thema?

Ja. Man könnte sagen, dass die Frauen- und Geschlechtergeschichte die Mutter dieser wissenschaftlichen Forschung ist. Sie konnte analysieren, wie die Geschlechterverhältnisse waren, das heißt, wie die Positionen von Frauen und Männern zueinander, miteinander und gegeneinander im Laufe der Geschichte waren. Da hat man entdeckt, dass das etwas sehr Sensibles ist.

Inwiefern?

Man kann nicht sagen, dass Frauen immer die Unterdrückten waren. Man muss da sehr sorgfältig nicht nur nach dem Geschlecht schauen, sondern auch nach der sozialen Position, der Religion, der Nationalität, der Ethnizität. Das kann sich verändern, hat die Geschichte gezeigt. Es ist etwas Gewordenes und wenn etwas geworden ist, dann kann man es auch verändern. Von daher gibt es ein emanzipatorisches Potential in der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Das ist auch eine heiße Wissenschaft, weil alle davon betroffen sind und jeder irgendwie mitreden will.

Warum haben Sie sich in Ihrem Buch "Frauen.Leben.Linz" auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkt?

Der Beginn der bürgerlichen Moderne ist gekennzeichnet davon, dass das Geschlecht zu einer ganz entscheidenden Unterscheidungs-Kategorie wurde.

Wie ist das zu verstehen?

Wir haben in Österreich das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811. Darin haben wir das damals neue Familien- und Eherecht verankert, in dem die Geschlechterhierarchien klar festgelegt werden. Der Mann ist das Oberhaupt der Familie, ist zuständig dafür, Frau und Kinder zu ernähren. Die Frau ist zuständig, ihm gratis am Erwerb zu helfen, ist verpflichtet, ihm an den Wohnort zu folgen, ist ihm zum Beischlaf verpflichtet – alle Pflichten sind darin aufgelistet. Bis 1975 war es Gesetz, dass der Mann das Oberhaupt der Familie ist. Das hinterlässt Spuren. So waren Frauen bis 1918 von der Politik ausgeschlossen, weil es ihnen per Geschlecht verboten war. Sie haben schon Auswege gefunden und in Linz ist es mir gelungen, dies bei allen ideologischen Gruppen nachzuzeichnen. Dieses Linz-Buch ist eine Analyse und eine Rekonstruktion von Frauenleben in Linz in dieser bürgerlichen Moderne. Angefangen habe ich deshalb mit 1849, weil da der erste katholische Frauenverein in Linz gegründet wurde.

Wie kam es dazu?

1848, das Jahr der Revolution in Europa, war in Linz nur peripher zu spüren. In Wien waren die Frauen bereits sehr aktiv mit ihren Forderungen. Die katholischen Frauen in Wien, aber eben auch in Linz, haben Angst gehabt, dass die Sittlichkeit der Familien durch solch ein Engagement flöten gehen könnte. Deswegen haben die katholischen Frauen 1849 in Linz ihren ersten Frauenverein gegründet.

Das hat Sie dann gereizt, oder?

Die Geschichte der Frauenbewegung, immer mit dem Fokus auf Wien, ist relativ gut erforscht. Die ersten bürgerlich-liberalen Frauenvereine haben sich organisiert, um vor allem Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Das Telefonfräulein war der erste Frauenberuf mit Ausbildung für Bürgerliche. In Linz gab es auch adelige Frauen und auch die sozialdemokratischen Frauen waren sehr gut erforscht. Was mich aber besonders interessiert hat, war die große Masse der katholischen Frauen. Sie sind insgesamt wenig erforscht, weil sie wenig emanzipatorisches Potential haben. Bei der Entdeckungsreise habe ich viel gefunden.

Gab es darunter auch etwas Besonderes?

Mein Highlight war die marianische Frauenkongregation, die 1864 in Linz gegründet wurde. Diese Frauen haben sich als Kampfbund gegen die Burschenschaften verstanden. Das heißt, sie haben sich als aktiven Teil eines Kulturkampfes verstanden, der Ende des 19. Jahrhunderts zwischen den Katholiken, den Liberalen und den Deutschnationalen in Linz die politische Kultur geprägt hat. Das Bild von der unpolitischen, katholischen Frau stimmt also überhaupt nicht. Spannend habe ich auch gefunden, dass das Linz beherrschende deutschnationale und liberale Ende des 19. Jahrhunderts zu einem rassistischen, deutschnationalen Milieu wird, das von Anfang an ganz bewusst Frauen miteinbezogen hat. Nachdem es im politischen Vereinswesen Frauen verboten war, sich zu organisieren, ist 1901 der Deutsche Bund gegründet worden, explizit als nicht politischer Verein, damit man da die jüngeren Männer unter 24 Jahren und die Frauen hereinbringt.

Warum?

Die Meinung der deutschnationalen Eliten in Linz war, dass man ohne Frauen das Projekt deutsche Volksgemeinschaft nicht verwirklichen kann. Sie haben nicht ein neues Vereinswesen gefordert, aber sie haben einen Ausweg gefunden. Das fand ich spannend. Zudem ist klar geworden, dass es die Geschlechtergruppe Frau nicht gibt, obwohl sie in der bürgerlichen Moderne in Gesetze gegossen worden ist. Das hat zusätzlich mein Interesse geweckt.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Mich haben die Frauen in der Öffentlichkeit interessiert. Was haben sie getan, um die Gesellschaft zu prägen, zu verändern? Wie sind sie mit ihren Handlungsspielräumen umgegangen? Was haben Künstlerinnen gemacht? Nachdem mir klar war, dass Frauen verschiedener Herkunft und Weltanschauungen bei den Recherchen auftauchen werden, wollte ich möglichst viele unterschiedliche Frauen haben, um eine große Geschichte über Frauen in Linz zu schreiben. Am spannendsten wird dies in den Lebensgeschichten. Das war eine spannende Zeitreise.

Was kann man lernen und mitnehmen von den Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts?

Ich glaube, dass die Geschlechterverhältnisse in einer krisenhaften Bewegung sind. In den vergangenen 30 Jahren hat es eine spürbare Aufwertung der Frau gegeben. Das war bis in die 1970er-Jahre nicht der Fall. Diese Veränderung führt natürlich auch zu einer Verunsicherung der Männer. Wir leben in einer ähnlichen Situation wie im 19. Jahrhundert, als die industrielle Revolution kam. Wir leben heute in einer digitalen Revolution. Unsere Welt verändert sich zurzeit. Wir können nicht absehen, wohin das führen wird. Aber die Menschen spüren das. Das ist nicht nur am Aufkeimen von rechts- und linkspopulistischen Parteien abzulesen, sondern auch an psychischen Erkrankungen, an Bandscheibenvorfällen als Massenkrankheiten. Es gibt verschiedene Indikatoren. Unnötige Diskussionen in der Öffentlichkeit um das Binnen-I oder die Bundeshymne zeigen jedenfalls, wie groß die Verunsicherung ist. Zu tun gibt es noch viel.

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Artikel Reinhold Gruber 12. Dezember 2014 - 00:04 Uhr
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