Volkszeitung: Sie sind seit 30 Jahren als Schulpsychologin tätig und haben Einblick wie wenige. Sind unsere Schüler heute wirklich auffälliger als früher?
Mandl: Bestätigung dafür gibt es keine. Aber das subjektive Gefühl der Schulen gibt es, dass Auffälligkeiten bei Schülern zunehmen und mitunter auch die Härte der Auseinandersetzungen. Die Gesellschaft hat sich in diesen 30 Jahren total verändert. Die Schule hat sicher manche Entwicklung verschlafen. Heute gibt es unter den Schülern zunehmend Gewalt über neue Medien wie Cybermobbing oder Gewaltvideos via Handy. In Teilen der Lehrerschaft, aber auch bei den Eltern, herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, weil sie mit diesen Medien nicht so vertraut sind wie die Jugendlichen.
Volkszeitung: Gewaltvideos oder nicht jugendfreie Videos werden auf Handys hin- und hergeschickt, im Internet werden Mitschüler fertiggemacht. Was sollen Eltern und Lehrer tun?
Mandl: Eltern und Lehrer müssen den Jugendlichen klarmachen, dass das keine Kavaliersdelikte sind und dass das nichts mit Petzen zu tun hat, wenn sie die Vorfälle melden. Erwachsene kommen oft viel zu spät drauf, was läuft. Eltern sollen, wenn sie Veränderungen bei ihren Kindern bemerken, durchaus im Internet nachschauen, wo die Kinder surfen und wenn es Mobbing-Botschaften gibt, diese als Beweise ausdrucken.
Volkszeitung: Mit welchen Fällen sind Sie konfrontiert?
Mandl: Am häufigsten werden wir bei Lern- und Leistungsproblemen kontaktiert, Gewalt spielt auch eine Rolle. Vor kurzem hatten wir einen Fall, bei dem ein Hauptschüler sehr gemobbt wurde. Es war keine Gruppenarbeit mehr möglich. Der Schüler hat sich immer mehr abgekapselt. Eine Betreuungslehrerin wurde eingeschaltet, die sich große Sorgen um die Schülerin in Bezug auf Aggression gemacht hat. Daraufhin haben wir mit Eltern, Schülern und Lehrern gesprochen. Es hat Klassengespräche gegeben, die Lehrer sind öfter auf den Schüler zugegangen. Die Erwachsenen müssen klar einschreiten und sagen: „Wir dulden das nicht“, dann hört Mobbing in 90 Prozent der Fälle auf.
Volkszeitung: Wie kann man Gewalt in der Schule verhindern?
Mandl: Eine gute Schule ist die beste Gewaltprävention. Alle müssen sich wertgeschätzt fühlen: Schüler, Eltern und Lehrer. Es gibt viele sehr engagierte Lehrer, die mit Einzelmaßnahmen kurzfristig etwas bewirken, aber die Vernetzung mit den anderen Lehrern fehlt. Diese engagierten Lehrer laufen Gefahr auszubrennen.
Volkszeitung: Schulpsychologen sind meist Krisenfeuerwehr, was passiert aber an Präventionsarbeit?
Mandl: Es läuft eine Fortbildung für Hauptschul-Direktoren im Bereich Gewaltprävention. Dort passiert auch viel an Erfahrungsaustausch, welche Maßnahmen Erfolg bringen.
Volkszeitung: Gibt es an Hauptschulen mehr Probleme mit Gewalt als etwa an Gymnasien?
Mandl: Im Bildungsbericht des Psychologie-Institutes in Wien geht hervor, dass Hauptschulen tatsächlich mehr betroffen sind als die AHS. Die 12- bis 14-Jährigen sind am schwierigsten.
Volkszeitung: Wie oft sind Sie mit essgestörten Jugendlichen konfrontiert?
Mandl: Vor allem Bulimie hat zugenommen. Entdeckt werden Essstörungen sehr oft auch von Lehrern oder von Mitschülern, die die Lehrer informieren. Wir beraten hier und verweisen an therapeutische Einrichtungen. All jene Fälle bei denen es um inneren Rückzug geht, sind meist die dramatischeren. Diese Schüler fallen wenig auf, sind angepasst.
Volkszeitung: Kommen auch Schüler von sich aus zum Schulpsychologen?
Mandl: Ja durchaus. Durch die Nähe zum Rieder Schulzentrum kommen vor allem ältere Schüler, zum Beispiel dann, wenn Motivation und damit auch die Noten im Keller sind.
Volkszeitung: Ist völlige Schulverweigerung ein Thema?
Mandl: Ja, zunehmend. Sehr oft hängt die Schulverweigerung mit Trennungsängsten und schwieriger familiärer Situation zusammen. Da sollten Eltern und Lehrer nicht lange warten und Hilfe annehmen.
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