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Kinderarbeit kommt beim Konsumenten nicht gut an

OSTERMIETHING. Buchautor Klaus Werner-Lobo spricht im Interview mit den OÖN über Ausbeutung, Image-Politur der Unternehmen und Chlorhühner.

Kinderarbeit kommt beim Konsumenten nicht gut an

Klaus Werner-Lobo gastierte im KultOs in Ostermiething. Bild: privat

Am Wochenende gastierte Autor und Politiker Klaus Werner-Lobo im KultOs, um die überarbeitete Neuauflage seines internationalen Bestsellers "Schwarzbuch Markenfirmen – Die Welt im Griff der Konzerne" zu präsentieren. Die OÖNachrichten sprachen mit dem gebürtigen Salzburger über skrupellose, multinationale Konzerne, was hinter dem geflügelten Wort "unternehmerische Verantwortung" steckt, warum Firmen nicht mehr Kinder, sondern Erwachsene ausbeuten und weshalb diese Form der Ausnutzung zu uns zurückkommt.

OÖN: Herr Werner-Lobo, 13 Jahre nach Erscheinen des Bestsellers ist die überarbeitete Version vor Kurzem auf dem Markt erschienen. Wie viele von den prominenten Markenfirmen, deren Missstände Sie im Buch aufzählten, haben sich seither bei Ihnen gemeldet oder Sie sogar bedroht?
Klaus Werner-Lobo:
Insgesamt haben sich zwei Firmen gemeldet. Die Firma Kraft Foods, heute Mondelez, sowie Puma wollten wissen, was sie verbessern könnten. Ich habe ihnen Vorschläge gemacht. Als die genannten Firmen jedoch feststellten, dass diese Änderungen ihren Profit mindern würden, sind sie wieder abgerückt. Es gibt heute auch kaum mehr eine Firma, die die Vorwürfe bestreitet. Heute wird Corporate Responsibility als unternehmerische Verantwortung betrieben.

Was bedeutet das?
Das funktioniert so, als würde ich eine Bank ausrauben, erschieße dabei fünf Menschen, habe einen schlechten Ruf und bin ein böser Mensch. Dann zahle ich zehn Euro in den Opferstock ein, alle applaudieren und sagen, ich bin ein toller Mensch. Das nennt man Corporate Responsibility, kurz CSR, also soziale Unternehmensverantwortung. Die Unternehmen leben von Ausbeutung, fördern aber kleine Sozialprojekte, um sich damit in der Öffentlichkeit besser darzustellen.

Welche ist Ihrer Meinung nach die skrupelloseste Firma weltweit?
Das ist nur subjektiv zu beurteilen. Das Problem ist, dass wir in einem Wirtschaftssystem leben, das den Kapitalismus belohnt. Unternehmen, die sich danach orientieren, haben mittlerweile einen so enormen Einfluss auf unsere Regierungen, die Konzernlobbys haben es geschafft, dass Regierungen Gesetze einführen, die ihren Profit begünstigen, aber nicht auf Menschenrechte oder ökologische Standards achten.

Gibt es noch Großkonzerne, die noch "ehrlich" arbeiten, ihre Mitarbeiter nicht ausbeuten oder Kunden übers Ohr hauen?
Es gibt Tausende, die sauber wirtschaften. Aber das sind alles Klein- und Mittelbetriebe. Die verfolgen andere Interessen, haben nicht nur den Profit im Kopf, weil sie dort arbeiten, wo die Mitarbeiter und Kunden leben. Multinationale Unternehmen, meist Aktiengesellschaften, wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst hohe Gewinne erzielen. Global gesehen funktioniert das nur mit Ausbeutung. Was sich in den letzten 13 Jahren geändert hat, sind die Strategien.

Welche?
Heute gibt es weniger Kinderarbeit. Die kommt beim westlichen Konsumenten nicht gut an und kann zu Protesten der Konsumenten führen. Die Unternehmen achten darauf, dass in den Betrieben wenig bis keine Kinder zu finden sind. Stattdessen werden halt die Erwachsenen noch mehr ausgebeutet, die ihre Familien nicht ernähren können und deren Kinder dann auf der Straße landen. Anderes Beispiel: Heute wird in China hinsichtlich Ausbeutung streng kontrolliert, also ziehen Unternehmen in Länder wie Bangladesch oder nach Afrika. Das ist nur eine Verschiebung, aber keine Verbesserung. Und diese Form der Ausbeutung kommt auch zu uns zurück.

Wie ist das möglich?
Früher gab es Ausbeutung zumeist in Asien oder Lateinamerika. Die Recherchen haben ergeben, dass es auch immer mehr Fälle in Osteuropa gibt. Vereinzelt auch in Industriestaaten. Und Konzerne kaufen unsere Regierung. Berühmtes Beispiel ist das Chlorhuhn. In den USA gibt es keine so strengen Lebensmittelvorschriften wie bei uns. Durch TTIP (Transatlantisches Freihandelsabkommen, derzeit in der Verhandlungsphase, Anm.) können amerikanische Konzerne europäische Länder verklagen. Das ist doch Wahnsinn oder? Wir müssen die Macht der Demokratie zurückerobern.

Abschließend, wie setzen Sie sich zur Wehr und was können Konsumenten verändern?
Selbst gegensteuern und es anders machen. Nicht nur in puncto Konsum, sondern im täglichen Leben. Wenn ich zum Beispiel respektvoll mit anderen umgehe. Aber ich will kein Rezept für ein möglichst enthaltsames Leben geben. Sondern jeder soll für sich entscheiden, wie solidarisch er handelt. Ich wage zu behaupten, dass das im übrigen Leben auch glücklicher macht.

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Artikel Valentina Dirmaier 23. Oktober 2014 - 00:04 Uhr
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