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Überlebt: Der Hölle von Stalingrad entkommen

RIED. Im Jänner 1943 ging die Schlacht um Stalingrad in die entscheidende Phase, Überlebende schildern ihre Eindrücke

Überlebt: Der Hölle von Stalingrad entkommen

Die Gedenkfeier fand am Rieder Stadtfriedhof statt. Bild: Geiring

Wohl kaum eine Stadt hat sich so sehr in das kollektive Gedächtnis von Deutschen und Russen eingebrannt wie jener Ort 2800 Kilometer weit entfernt von der Heimat an der Wolga. Stalingrad steht heute als Synonym für die Sinnlosigkeit eines Krieges, für Blut und Tod. In einer Gedenkstunde vor dem Denkmal der 100. Jäger-Division in Ried/Oberösterreich erinnerte man sich vergangene Woche an der Kasernenstraße an die Gefallen der furchtbaren Schlacht auf beiden Seiten.

Wohl zum letzten Mal wird das Treffen in dieser Form zu einem runden Gedenkjubiläum stattfinden. Neun hochbetagte Mitglieder der ehemaligen 6. Armee nahmen den strapaziösen Weg nach Ried auf sich. Sie kamen aus ganz Österreich zu dem Treffen. Initiator Thaddäus Berneder von den Rieder Soldaten- und Traditionsverbänden konnte zu der ökumenischen Gedenkfeier eine große Anzahl von Ehrengästen willkommen heißen, darunter auch Vorstände anderer Traditionsverbände und Abordnungen aus dem benachbarten Bayern.

Einer davon ist Karl Osterberger aus Zell an der Pram. Am 26. September verbringt er den ersten Tag in Stalingrad in einem Schützenloch, wo er beinahe von einer russischen Fliegerbombe getroffen wird. Bekanntschaft machte er hier auch mit der berüchtigten Stalinorgel.

„Die Geschosse verfolgten uns mit Hall und Getöse, allerdings waren die Treffer oft unpräzise“, erinnert sich Osterberger. Später wurde seine Einheit in das Stadtzentrum verlegt, vor die hart umkämpfte Höhe 102, dem Mamajew-Hügel. Durch eine Granate wird er später an der rechten Schulter schwer verwundet und fünf Tage vor Heiligabend mit einer Junkers Ju 52 vom Flughafen Pitomnik aus in die Verwundetensammelstelle nach Tatsinskaya ausgeflogen. Der Hölle von Stalingrad war er nochmals entkommen.

Auch wenn militärisch zunächst alles nach Plan der Armeeführung verlief, scheiterte die Eroberung Stalingrads letztlich an der Verbissenheit der russischen Verteidiger, die sich in den zerstörten Häusern einen Kampf auf Leben und Tod mit den Deutschen und Österreichern lieferten. Rund 250.000 Soldaten steckten in der Falle. Am 31. Jänner 1943 fanden die ersten Übergabeverhandlungen im Südkessel statt.

An diesem Tag war auch für Franz Rechberger von der 100. Jäger-Division Schluss. Vor genau 70 Jahren ging er in Gefangenschaft. Der irrsinnige Kampf um jedes Haus ist dem 90-Jährigen noch bestens in Erinnerung: „Wir waren mit unseren Einheiten im Erdgeschoss und Keller, während sich die Russen im Kanalsystem der Häuser aufhielten.“ Am 31. Oktober 1947 kam er wieder aus der Gefangenschaft zurück. „Als mich mein Vater gesehen hatte, ist er vor lauter Freude ohnmächtig geworden. Meine Mutter hatte ich fast nicht mehr erkannt, da sie aus lauter Sorge stark abgemagert war“, erinnert sich Rechberger, der den anstrengenden Weg aus Wiener Neudorf von rund 300 Kilometern auf sich nahm, um an der Gedenkfeier dabei zu sein.

Viel Glück hatte auch Josef Mairinger aus Frankenburg. Zusammen ging er mit 25 Kameraden am 29. Jänner 1943 in Gefangenschaft, nachdem sie von ihrem Major dazu aufgefordert wurden, den sinnlos gewordenen Kampf zu beenden. „Als wir uns ergaben, standen an dem Platz schon viele deutsche Soldaten. Die Russen kamen jetzt zu uns mit Schlitten, die von Frauen gezogen wurden, auf denen Öfen montiert waren, um sich zu wärmen. Anschließend begannen die langen Tagesmärsche bei Temperaturen von oft über 40 Grad unter dem Gefrierpunkt. All jene, die nicht mehr konnten und am Straßenrand liegen blieben, wurden von den Russen mit einem Genickschuss erlöst.“

Zwei Tage später, am 2. Februar, kapitulierte der Nordkessel. Über 100.000 Soldaten gingen in Gefangenschaft, nur rund 5000 sahen nach dem Krieg ihre Heimat wieder. Darunter auch Mairinger und Rechberger. Auf dem hart umkämpften Mamajew-Hügel erinnert heute in Wolgograd die 84 Meter hohe „Mutter-Heimat-Statue“ an die Ereignisse vor 70 Jahren. „Es gäbe keinen deutschen Soldatenfriedhof in Russland, ohne die deutsch-russische Versöhnung zwischen Kanzler Helmut Kohl und Parteichef Michael Gorbatschow, beide waren geprägt vom Erleben, jeweils einen Bruder im Krieg verloren zu haben“, erinnerte Franz Pumberger in seiner Gedenkrede. In Rossoschka haben auch die vielen Österreicher ihre letzte Ruhe gefunden. Nach offiziellen Schätzungen kamen bei der Schlacht um Stalingrad rund 700.000 Menschen ums Leben. Die Gedenkfeier endete mit dem Stalingrad-Lied, das Rudolf Berger aus Neuratting nach seiner Heimkehr geschrieben hatte.

 

Stalingrad - die Vorgeschichte

Vor über 70 Jahren traten 300.000 Soldaten der 6. Armee unter Generaloberst Friedrich Paulus am 23. August 1942 an, um für das Großdeutsche Reich den Zugang zu den kaukasischen Ölfeldern zu sichern und den lebenswichtigen Wasserverbindungsweg auf der Wolga von den Russen nach Norden in die Hauptstadt des Landes unter Kontrolle zu bringen.

Nicht ohne Bedeutung war für den „Größten Feldherrn aller Zeiten“ (Gröfaz), wie Adolf Hitler auch gern unter Landsern genannt wurde, der Name der Stadt, die nach seinem ärgsten Widersacher benannt war und daher die Eroberung auch einen psychologischen Erfolg dargestellt hätte.

Der 6. Armee waren auch die 100. Jäger-Division, die 297. Infanterie-Division und die 44. Infanterie-Division unterstellt, die hauptsächlich aus Österreichern bestanden.

 

Zeitzeugen: Einige Überlebende berichten über ihre Erlebnisse während der Schlacht um Stalingrad

„Als wir uns ergaben, standen an dem Platz schon viele deutsche Soldaten. Die Russen kamen zu uns mit Schlitten, die von Frauen gezogen wurden, auf denen Öfen montiert waren, um sich zu wärmen.“
Josef Mairinger, Frankenburg

„Die Geschosse verfolgten uns mit Hall und Getöse, allerdings waren die Treffer oft unpräzise.“ Er wird später verwundet und aus Stalingrad mit dem Flugzeug ausgeflogen.
Karl Osterberger, Zell an der Pram

„Wir waren mit unseren Einheiten im Erdgeschoss und Keller, während sich die Russen im Kanalsystem der Häuser aufhielten.“
Franz Rechberger, Wiener Neudorf

Die Gedenkfeier in Ried endete mit dem Stalingrad-Lied, das Rudolf Berger aus Neuratting, Wippenham, nach seiner Heimkehr verfasst hatte. Berger starb am 14. Oktober 1998.
Rudolf Berger, Neuratting, hat das Stalingrad-Lied geschrieben


 

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Artikel Walter Geiring 19. Februar 2013 - 00:04 Uhr
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