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"Sie können mich einen Milch-Rebell nennen, das trifft auf mich schon zu!"

PRAM. Der Bauer Andreas Hetzlinger aus Pram nimmt nach der Debatte um den Film "Bauer unser" kritisch zur bäuerlichen Standesvertretung und zur Agrarpolitik Stellung.

"Sie können mich einen Milch-Rebell nennen, das trifft auf mich schon zu!"

Biomilch ist der Hauptproduktionszweig des Pramer Biobauern Andreas Hetzlinger Bild: rokl

"Sind Sie ein Rebell?" Für die Antwort auf diese Frage muss Biobauer Andreas Hetzlinger aus Pram nicht lange überlegen. "Ja, sicher. Ich sag alles heraus, so leicht fürcht ich mich nicht!"

Andreas Hetzlinger war Teilnehmer der Präsentation des Filmes "Bauer unser" (wir haben berichtet), die anschließende Diskussion und diversen Aussagen von Bauernvertretern hat der 48-Jährige mit "dickem Hals" verfolgt, wie er anmerkt. "Die diversen Ratschläge unserer Bauernvertreter sind schon fragwürdig", sagt der Biobauer und kritisiert auch, dass in der kammereigenen Zeitung der kritische Film mit keiner Silbe erwähnt worden sei.

"Wir schau´n brav alle den Film an, und dann halten wir uns wieder still – das kann´s doch auch nicht sein", sagt er und fängt an, aufzuzählen, was ihn an Agrarpolitik und Bauernvertretung stört: "Die Beratung der Landwirtschaftskammer läuft oft nur auf Größe und Spezialisierung hinaus. Ohne Größe kein Überleben, wird uns gesagt. Wohin soll das führen?" Vielfach werde übersehen, dass in den bestehenden landwirtschaftlichen Betrieben viel Kapital früherer Generationen stecke. "Irgendwann geht sich das alles nicht mehr aus!"

Auch mit der Landwirtschafts-Schulpolitik ist der Pramer Bauer nicht einverstanden: "Es heißt, wir haben in der Landwirtschaft zu wenig Akademiker. Und jeder soll alle Maschinen fahren können. Aber ein guter Bauer ist immer noch der, der über den Boden geht und ihn angreift und schaut – und dann bewertet." Österreich sei übermechanisiert, sagt Andreas Hetzlinger. In der Jungbauern-Ausbildung werde zu stark auf Intensivierung und Wachstum hingearbeitet, kritisiert er. "Die Jungen werden zum Schuldenmachen animiert."

Von der Milch erschlagen

"Ich bin mit Leib und Seele Bauer", sagt Andreas Hetzlinger. "Und ich will mich mit meiner Kritik auch nicht profilieren, mir geht es um die bäuerliche Zukunft." Die sehe er nämlich in Gefahr. Etwa durch den geringen Milchpreis, der an die produzierenden Landwirte weitergegeben werde. Es gebe auch zu viele Milch-Arten im Handel, glaubt Hetzlinger. "Wir brauchen nur drei Milch-Sorten. Eine ganz normale Milch, die darf ruhig einen Euro kosten. Eine normale Bio-Milch, die kann etwas teurer sein, und eine Bio-Heumilch. Aber die Konsumenten werden ja von einer unüberschaubaren Menge an Milchsorten fast erschlagen!" 1993 habe er für einen Liter Milch 7 Schilling (etwa 50 Cent) erhalten, 2016 bekomme er zwischen 49 und 53 Cent für seine Bio-Milch – die er gemeinsam mit 35 anderen Innviertler Produzenten ins bayerische Andechs liefert. Dass der Transportweg von rund 230 Kilometer das "Bio" in der Milch etwas schmälere, gesteht Hetzlinger ein. "Die zahlen einfach mehr", sagt er, warum er den "sicheren Hafen der Genossenschaft" verlassen habe.

Als Mitglied der Interessensgemeinschaft (IG)-Milch geht Andreas Hetzlinger mit Interessensvertretungen wie Bauernbund, aber auch mit den regionalen Bauernkammern nicht immer konform. Parteipolitik sei ihm nicht wichtig, sagt er und setzt in Richtung ÖVP an: "Wenn man die ÖVP heilen möchte, dann müssen – gerade im Agrarbereich – Kammer, Bauernbund und andere Bereiche getrennt werden. Und wir brauchen einen Landwirtschaftsminister, der nicht von der ÖVP kommt!"

Schon die Oma hat gewarnt

Es sei vielleicht naiv, aber ihm schwebe ein Miteinander von großen und kleinen Betrieben vor, die sich "nicht gegenseitig aufarbeiten und austricksen". Andreas Hetzlinger sagt, er wolle aber nicht nur kritisieren, sondern auch Änderungsvorschläge machen. Diese seien ident mit einem "Milch-Manifest" der IG-Milch (siehe nebenan). Und auf einige davon hätten schon seine Großeltern hingewiesen, von denen er 1993 die Landwirtschaft in der Pramer Ortschaft Rotten übernommen habe.

 

Das schlagen die Milch-Rebellen vor

„Wir haben in der IG-Milch unsere Vorschläge in zehn Punkten zusammengefasst“, sagt Andreas Hetzlinger. Diese seien:

  • Fairness gegenüber kleinen und extensiven Betrieben.
     
  • „Die hohe Arbeitsbelastung in der Milchviehhaltung muss beachtet werden.“
     
  • Investitionszuschüsse ausschließlich für Modernisierungen und Umbauten und keinesfalls für neue Produktionskapazitäten.
     
  • Weniger Leistung pro Kuh – mehr Gras in der Fütterung.
     
  • „Weniger Kraftfutter – Zuchtziel sollte sein, die Nutzungsdauer der Kuh zu erhöhen. Die Kühe sollten älter werden. Ich habe eine Kuh, die kriegt ihr 14. Kalb.“
     
  • Förderung der Umstellung auf biologische Milchproduktion und Wiedereinführung der Mutterkuhprämie.
     
  • Abkehr von Exportorientierung.
     
  • Fairer Preis für das Lebensmittel Milch.
     
  • „Milch wird weit unter ihrem Wert verkauft!“
     
  • Instrumente zur Mengen- bzw. Marktregulierung.
     
  • „Das hängt von der Politik und Gesetzgebung ab und ist notwendig. Wir sollen nicht mehr erzeugen, als wir brauchen.“
     
  • Reform der landwirtschaftlichen Ausbildung.
     
  • „Der Schwerpunkt muss auf Nachhaltigkeit, Kooperation, Veredelung und Wertschöpfung liegen.“
     
  • Bürokratie-Abbau in der Landwirtschaft.
     
  • „Derzeit ist es so: Je innovativer und vielseitiger, desto bürokratischer. Je spezialisierter, umso weniger Bürokratie.“
     
  • Milchdialog mehrmals pro Jahr.

     

„Die IG-Milch hat genau dieses Szenario, das wir jetzt haben, mit dem Fall der Milchquote vorausgesagt“, sagt Hetzlinger.

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Artikel Roman Kloibhofer 03. Dezember 2016 - 13:03 Uhr
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