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Wo geht’s hier zum Glück?

Jeder will es haben, und an der Schwelle zum neuen Jahr wünschen wir es einander: das Glück. Claudia Riedler, Bernhard Lichtenberger und Volker Weihbold machten sich mit der Linzer Psychologin und Kabarettistin Isabella Woldrich und dem Bad Ischler (Lebens-)Künstler B.S. Stucka auf die Suche danach.

Wo geht’s hier zum Glück?

Bild: OÖN

Hoamatland: Was ist Glück?

Isabella Woldrich: Erasmus von Rotterdam hat gesagt, dass ein glückliches Leben immer mit einer Portion Verrücktheit verbunden ist. Verrückt heißt: nicht gerade, anders sein. Unglücklich bin ich dann, wenn ich einen Plan habe, der nicht aufgeht. Also bedeutet Glück, das Leben so zu nehmen, wie es kommt und daraus das Beste zu machen. Meine Hündin macht das so lieb: Sie geht, stößt wo an und sagt sich, dann geh’ ich eben woanders und wedelt genauso mit dem Schwanz. Glück ist eine innere Haltung und hat nur selten mit den äußeren Bedingungen zu tun.

B.S. Stucka: Ich hatte das Glück, dass ich geworden bin, was ich werden wollte. Wir hatten in der Schule einen Berufsberater, der ist durchgegangen und hat gefragt: Was möchtest du werden? Wie er zu mir gekommen ist, habe ich gesagt: nix. Er: Nix gibt’s nicht, Spengler, Dachdecker, irgendwas. Worauf ich sage: Das rostige Zeug werd’ ich angreifen. Er: Aber irgendwas! Ich: Dann Gärtner. Er: Hast einen Bezug zu Blumen? Ich: Blumen sind mir wurscht. Er: Dann kannst nicht Gärtner werden. Ich: Dann werd’ ich Zuckerbäcker, da hab’ ich’s schön warm und kann Süßigkeiten fressen. Er: Aus dir wird ja sowieso nix. Ich: Das hab’ ich am Anfang eh gesagt. Und so bin ich heute in der glücklichen Lage, dass ich nix geworden bin. Aber das Glück ist ein Vogerl, und man muss schon ein bissl dahinter sein.

Sind die Salzkammergütler deshalb so glücklich, weil sie das Vogerl fangen?

Stucka: Wenn ich ein Vogerl bin, dann lass’ ich mich fangen, setz’ mich in die Voliere und lass’ mich den ganzen Winter durchfüttern, bis ich fett vom Stangerl falle, während draußen meine ehemaligen Gspan (Kameraden, Anm.) verhungern, weil’s so kalt ist.

Was macht Sie glücklich?

Woldrich: Wenn ich eben nicht in einem Käfig sitze. Ich bin ein Wassermann, ich brauch’s frei. Äußerliche Einschränkungen machen mich unglücklich. Wenn es mit Menschen, die einem nahestehen, gut funktioniert, ist das ein Wohlfühlfaktor. Glück ist ein Moment, das Schlagobers auf dem Kuchen. Aber man kann nicht ewig Schlagobers essen. Zufriedenheit macht glücklicher, als dem schnellen Glück nachzujagen.

Was sagen Sie Menschen, die Sie als Psychologin fragen, was sie tun sollen, um glücklich zu werden?

Woldrich: Als Erstes würde ich sie fragen: Woran erkennen Sie, dass sie glücklich sind? Jeder verbindet etwas anderes damit, viele zum Beispiel Geld. Warum? Weil sie glauben, dann endlich das tun zu können, was sie wollen. Aber dafür brauchten sie gar nicht viel Geld, denn das, was wir wollen – Zeit mit denen zu verbringen, die wir lieben – bedarf nicht des Materiellen.

Geld macht nicht glücklich?

Stucka: Das Sprichwort gibt es. Aber es trenzt sich leichter in einem Ferrari als im vollbesetzten Autobus. Wenn mich heute einer ansempert, dass er so unglücklich ist und dass es ihm so lab geht, dann sag’ ich: Weißt, was du jetzt tust? Du gehst heute Abend heim, drehst um halb acht "Zeit im Bild" auf, dann schaust du einmal zu, wie’s in der ganzen Weltgeschichte wirklich zugeht, und wenn du dann noch immer unglücklich bist, dann rufst du mich um acht noch einmal an. Bis heute hat mich noch kein Mensch angerufen. Was soll dieses Zum-Nachbarn-Ummischaun, weil der ein größeres Auto oder einen größeren Fernseher hat? Wenn ich heute sehe, dass sie um einen Kübel Wasser 20 Kilometer weit gehen müssen, dann brauch’ ich bei uns nicht unglücklich sein. Woldrich: Und die, die mit dem Kübel ums Wasser gehen, sind oft glücklicher als die, die nur dasitzen und die Wasserhähne aufdrehen müssen. Stucka: Wo sind denn die höchsten Selbstmordraten? In der Wohlstandsgesellschaft, nicht bei den Armen.

Woldrich: Weil die Gier nach Etwas unglücklicher macht als die Zufriedenheit mit dem, was du hast. Gewisse Grundlagen sind wichtig, denn wenn du gar nichts hast, ist es auch nicht schön.

Stucka, wie muss ein Tag beschaffen sein, damit Sie glücklich sind?

Stucka: Das fängt in der Früh mit meinem Nutella-Brot und dem Kaffee an. Da bin ich schon happy. Oft fragen die Leute: Stucka, wie geht’s dir denn? Dann sag ich: erschöpft, aber glücklich. Wieso erschöpft, fragen sie. Ja weil ich in der Früh aufgestanden bin. Dann fragen sie: Wieso glücklich? Ja weil ich mich auf d’Nacht wieder niederlegen kann. Man muss sich über Kleinigkeiten freuen können. Es sterben zig Tausende Menschen jeden Tag. Und ich bin noch nicht gestorben.

Der deutsche Philosoph Gerhard Hofweber sagt: Nur wenn man das Leben lebt, das man leben möchte, kann man glücklich sein.

Stucka: Man hat schon seine Vorstellungen, wie man leben möchte, und das probiert man. Aber du musst arbeiten gehen, hast Kinder, schaust, dass aus denen was wird. Möchten. . . Möchten möcht’ ich im Dezember nach Thailand fliegen und im April wieder heimkommen, und das Jahr für Jahr. Aber zwischen dem Möchten und was es oft spielt, liegt ein Unterschied. Ich bin mit meinem Leben recht zufrieden. Wenn ich es mir aussuchen könnte, käme ich noch einmal als Stucka auf die Welt – ein paar Sachen würde ich auslassen . . .

Woldrich: . . . die Frisur.

Stucka: Danke. Du hast gesagt, du hast zugenommen . . .

Woldrich: Das ist erotische Nutzfläche. Stucka: Und ich kann morgen zum Friseur gehen.

Frau Woldrich, wann hatten Sie zuletzt Glück?

Woldrich: Jeden Tag. Wenn du glücksaffin durchs Leben rennst, wirst du immer Glück finden. Es gibt auch einen schönen Spruch: Glück ist nicht, dass man immer tun kann, was man will, sondern dass man das, was man sowieso tun muss, gerne macht. Das ist auch eine Frage der inneren Einstellung. Jetzt kann ich etwa sagen, das Abwaschen geht mich voll an. Oder ich sage, machen wir doch eine kleine Abwaschmeditation daraus. Dann spüre ich das schöne Wasser, ich freue mich über die Bläschen und die Sonne, die darin strahlt. Stucka: So wascht ihr ab? Schön, da sind noch Essensreste drauf . . .

Die Österreicher tun sich mit dem Glücklichsein ohnehin schwer, sie sudern lieber.

Stucka: Ich glaube, die Schweizer und die Deutschen sind genau so. Aber natürlich sempern wir gerne. Es ist auch leichter, jemanden anzujammern und der kann dann sagen, schau, nach Regen kommt Sonne.

Von welchen Glücksbringern lassen Sie sich verführen?

Stucka: Ich hab’ Rauchfangkehrer gelernt – und mich gefragt, wieso mich die Leute immer angreifen. Nur weil ich von der Natur reich beschenkt und schön bin, deshalb kann es ja wohl nicht sein. Die greifen ja die anderen auch an, die schiach sind. Und da bin ich draufgekommen, dass der Rauchfangkehrer ein Glückssymbol ist. Das hat mir dann natürlich getaugt. Aber ich hab’ noch nie ein vierblättriges Kleeblatt oder ein Hufeisen gefunden – aber ich freu mich für jeden, der dran glaubt.

Woldrich: Wie ich noch klein war, hab’ ich vor einem Test gebetet, dass ich einen Einser kriege. Ein Zweier ist es geworden, und ich war böse auf den lieben Gott und habe nicht mehr gebetet.

Stucka: Wegen einem Zweier? Du Streberin! Ich hab’ nie einen Zweier zusammengebracht. Wenn ich einen Vierer heimgebracht habe, gab’s eine Watsch’n, weil ich geschummelt habe.

Woldrich: Aber so ist das mit den Glücksbringern. Man erwartet sich etwas davon. Ich bin dann draufgekommen, dass es gescheiter ist, wenn ich etwas lerne. Es ist wichtig, herauszufinden, wann hilft es, an Glücksbringer zu glauben, und wann ist es besser, selbst etwas für das Glück zu tun. Dann bin ich nämlich weg vom Jammern. Es heißt ja: Liebe es, ändere es oder verlasse es.

Schenken Sie zu Silvester Glücksbringer?

Woldrich: Aber nur, weil es sich gehört.

Stucka: Als wir Kinder waren, gab es bei uns als Glücksbringer so kleine Marzipanschweinderl. Und ich hab die ganzen Glücksbringer von meinem älteren Bruder z’sammgfressen – das hat mir wenig Glück gebracht, nachdem sie draufgekommen sind.

Stucka, glauben Sie, dass berühmte Menschen glücklicher sind?

Stucka: Überhaupt nicht. Die sind sicher anders glücklich. Dem schmiert halt wer in der Früh sein Nutella-Brot.

Was hat Liebe mit Glück zu tun?

Woldrich: Ganz viel. Sobald wir verliebt sind, werden Oxytocin und Endorphine ausgeschüttet, da darf man den körperlichen Effekt nicht außer Acht lassen. Wenn wir verliebt sind, sind wir glücklich, ungeachtet der äußeren Umstände. Nach dem Verliebtsein macht auch eine erfüllte Partnerschaft glücklich. Wenn ich aber anfange, Flöhe zu suchen, und alles, was der Partner macht, taugt mir nicht, dann wird diese Partnerschaft untergraben und irgendwann zusammenbrechen.

Stucka: Ihr verliebt euch in uns, dann verändert ihr uns, und dann lasst ihr uns stehen, weil wir nicht mehr so sind, wie wir früher waren.

Welches Glück wünschten Sie einander?

Woldrich: Der schlimmste Satz ist für mich: Bleib’ so, wie du bist. Das Leben besteht aus Entwicklung, aus Veränderung. Ich wünsch’ ihm, dass er sein Leben so leben kann, wie es ihm taugt.

Stucka: "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum" – das hat ja soooo einen Bart.

Woldrich: Oder: Nutze jeden Tag, als wäre er dein letzter. Da kriegst du einen Superstress! Da gefällt mir der Spruch von Ulrich Schaffer schon besser: Überlege, was dich aufblühen lässt, und dem gehe nach.

Stucka: Mit so einem Spruch bin ich völlig überfordert. Sag doch einfach: Lass’ es dir gut geh’n.

Zur Person

Isabella Woldrich:  Die in Schwertberg aufgewachsene 44-Jährige arbeitet in Linz als Klinische und  Gesundheitspsychologin. Seit 2010 behandelt sie klassische Paarprobleme auf der Kabarettbühne. Aus ihrer Feder stammen die Bücher „Artgerechte Männerhaltung“ und „Vom Macho zum Frauenflüsterer“.

B. S. Stucka: Der 50-jährige Bad Ischler ist gelernter Rauchfangkehrer. Der Künstler und Galerist veranstaltet alljährlich auf dem Siriuskogel das große Kinderfest „Zauberberg“ und in der Trinkhalle „Das kleinste Elvis-Festival der Welt“. Stucka ist auch Obmann des Vereins zum Schutz der gedemütigten Lederhose.

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Artikel 03. Dezember 2016 - 00:05 Uhr
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