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Vom Klang der Kreidelucke

Märchenerzähler Helmut Wittmann über eine sagenumwobene Höhle.

Vom Klang der Kreidelucke

Bild:

Das Steyrtal hat landschaftlich seine Reize. Wer kurz vor Hinterstoder beim Parkplatz rechts an der Bundesstraße Halt macht und am markierten Weg hinunter zum Wasser steigt, kommt zu einer besonders wildromantischen Stelle. Quert man dort über die Steyr und folgt dem Weg auf der anderen Seite flussaufwärts Richtung Hinterstoder, so tut sich bald darauf oberhalb am Berg eine Höhle auf – die "Kreidelucka". Der Überlieferung nach zieht sie sich von Hinterstoder durch den ganzen Gebirgsstock bis ins Almtal. In der Höhle sollen gewaltige Schätze zu finden sein. Das lockte Leute an. Besonders natürlich arme Schlucker, die außer Kraft, Mut und Entschlossenheit nicht viel hatten. Hier wollten sie schnell und einfach zu Reichtum und Wohlstand kommen.

Vierzehn Leute stiegen einmal bei Nacht ein, um etwas von den Schätzen zu heben. Nach langem Wandern, Klettern und "Schliafen" kamen sie im Dunkel der Höhle zu einem finsteren See. Ein dünner Baum lag als Steg darüber. Auf der anderen Seite war im Schein der Grubenlampen eine eiserne Kiste zu erkennen. Drauf saß ein schwarzer Hund. Der trug Schlüssel im Maul. Gleichzeitig kamen aus einer anderen Richtung vierzehn Leute aus der Steiermark. Auch die wollten den Schatz heben. Jetzt musste es also schnell gehen. Einer der ältesten Schatzsucher las eine Beschwörung. Kaum war er damit fertig, rief eine näselnde Stimme: "Dau hee! Dau hee!" – Immer wieder hallte es von den Felsen: "Dau hee! Dau hee!". Was sollte das jetzt bedeuten? – War mit "Dau hee! Dau hee!" gemeint "Da her! Da her!" oder gar "Dau-nee! Dau-nee!". Das würde das genaue Gegenteil heißen, nämlich "Weg mit euch! Fort!"

In diesem Moment rollte den Schatzsuchern eine Kegelkugel unter die Füße. Sie hoben sie auf und warfen sie ins Wasser. Da erklang eine Musik, die war wundersam schön und für die Schatzsucher irgendwie "türkisch". Darauf wurde es licht in der Höhle. Ja, es war so hell, dass der Schein auch außerhalb der Kreidelucke zu sehen war. Die Leute im nächsten Haus konnten trotz finsterer Nacht jede Tannennadel erkennen. Drinnen in der Höhle traute sich aber niemand über den schmalen Baum zu gehen. Der wackelte einfach zu sehr. Und dann war da ja noch der Hund auf der anderen Seite. Auch der schreckte viele ab. Was blieb also anderes übrig, als unverrichteter Dinge und mit leeren Händen wieder abzuziehen. Nach all dem, was sich da abgespielt hatte, waren sie froh, als sie wohlbehalten wieder herauskamen. Immerhin hatten sie ein ganz und gar nicht alltägliches Abenteuer erlebt.

 

Der Einstieg in die Kreidelucke ist auch heute noch ein Abenteuer. Allerdings empfiehlt es sich, dabei das Angebot des Nationalparks Kalkalpen zu nutzen: Mit einem erfahrenen Bergführer begibt man sich auf eine ausgiebige Runde durch die Höhle. Es heißt durch einen Schlund klettern und knietief im Wasser waten. "Durch Höhlen zu verborgenen Wassern" nennt sich das Programm für Kinder und Erwachsene, das nicht zu viel verspricht.

 

Helmut Wittmann: Seit mehr als 23 Jahren ist Wittmann Märchenerzähler von Beruf. Auf seinen Antrag nahm die UNESCO das Märchenerzählen in Österreich in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Wittmann veröffentlichte unter anderem bei Tyrolia "Sagen aus Oberösterreich" und bei Ibera "Das große Buch der österreichischen Volksmärchen".

Mehr unter maerchenerzaehler.at.

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Artikel 03. Juni 2017 - 00:04 Uhr
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