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Ein Mann, ein Horn

Der 70-jährige Vorchdorfer Walter Gstettner baut Alphörner, radelt damit auf dem Jakobsweg und stellt Weltrekorde auf.

Ein Mann, ein Horn

Walter Gstettner sitzt in seinem Rekord-Almhorn und hält sein kleinstes Alphorn in der rechten Hand. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Wenn der Morgen graut, zwischen fünf und sechs Uhr früh, zieht es Walter Gstettner hinaus in seine Garage. Für ein Auto ist darin kein Platz. Da stapeln sich Hölzer, Stangen, Stecken und Werkzeug. In seiner speckigen Krachledernen, die er auf einem Flohmarkt erstanden hat, setzt sich der 70-jährige Vorchdorfer an seine Hoanzlbank. Er greift sich ein kleines Stück Weidenholz, das er in einer halben Stunde in ein immerblühendes Edelweiß verwandelt, das er sich an den Strohhut neben ein Buchsbüschel steckt.

Für den gelernten Textilkaufmann, der bis zu seiner Pensionierung vor sieben Jahren als Vertreter in der Konfektionsbranche durch ganz Österreich gondelte, ist das quasi eine Aufwärmübung. Denn am liebsten wendet er sein handwerkliches Geschick Größerem zu. Walter Gstettner baut Alphörner. Sein erstes wuchtiges Instrument, mit dem sich Senner und Sennerin einst von Alm zu Alm verständigten, hat er vor 25 Jahren gefertigt. Ein Geschäft wollte er damals damit machen. Weil es keine Nachfrage gab, "hab’ ich gleich wieder den Hut drauf ghaut", sagt der gebürtige Gmundener.

850 Euro für ein Alphorn

Vor zwei, drei Jahren hat es ihn wieder gepackt, "weil jetzt ist es mir wurscht, ob’s einer kauft oder nicht". An die 30 Alphörner hat er bisher gebaut, ein Drittel davon hat Abnehmer gefunden. Für ein traditionelles Stück, an dem er zirka eineinhalb Wochen arbeitet, verlangt Gstettner 850 Euro. "Wenn man ins Internet schaut, werden solche um 1800 bis 2000 Euro angeboten", sagt der stämmige Vollbartträger und zieht sich eine Prise Schnupftabak in die Nase. Als Holz verwendet er Fichte. "Dass die ein gutes Klangholz ist, hat schon der Stradivari gewusst."

Auf einem Tisch liegen, fein drapiert, Maultrommeln, Mundharmonikas und Okarinas. Instrumente, die in jedem Hosensack Unterschlupf finden, "während das lange Trumm so bled zum Tragen ist".

Einem Tüftler lässt so etwas keine Ruh. "Oft werde ich in der Nacht munter, weil mir etwas eingefallen ist. Dann steh ich auf, nimm mir ein Stückl Papier und mach’ eine Skizze." So kam ihm die Idee, dem klingenden Holz Rundungen zu verpassen, die sich aus achteckigen, zusammengeklebten und schließlich glatt gehobelten Segmenten ergeben. Almhörner nennt Gstettner diese Kreationen. Den Prototyp hat er so konstruiert, dass er im alten Rucksack, den er sich 1958 von der ersten Lehrlingsentschädigung gekauft hat, Platz findet.

Auf der Hansl-Alm

Oft fährt er auf die Hengstpasshöhe, hängt sich sein seltsames Packerl auf den Buckel und marschiert eine Dreiviertelstunde hinauf zur Hansl-Alm, einer beliebten Anlaufstelle für Musikanten. Dort hockt sich Gstettner zu Christl und Werner Rainer, die "Rainers Zwoagsang" bilden, und spielt mit ihnen auf.

Vor mehr als 60 Jahren hat der Vorchdorfer mit dem Musizieren begonnen, als er einem Flügelhorn die ersten Töne entlockte. "Jetzt spiele ich etwa 15 Instrumente", sagt er stolz, darunter die Zither, das Raffele und besagte Hosensackinstrumente. Die Mundharmonika habe ihn aber ordentlich gefeigelt, "da hab’ ich geglaubt, das schaff ich sowieso nie. Während des Autofahrens habe ich trainiert, bis mir der Knopf aufgegangen ist".

Seine Hörner spielt Gstettner grundsätzlich nur im Freien. "Der mystische Klang eines Alphorns in der Natur ist für mich das Größte", schwärmt er. Eine Ausnahme macht er bei Kirchen. Unlängst schleppte er sein Instrument in den Wiener Stephansdom und stimmte das Marienlied "Glorwürdige Königin" an. "Das war ein ganz erhebendes Gefühl und eine tolle Akustik."

Dass manche Alphornbläser so ein Getue und Geheimnis um ihre Kunst machen, versteht Gstettner nicht. "Es ist gar nicht schwierig, man braucht nur ein bissl ein Gehör und ein Gespür." Ein Lungen-Kraftakt bringe gar nichts, denn "je leichter man hineinbläst, umso schöner kommt der Ton", sagt der Virtuose, der selbst aus alten Haglsteckn und nadelnden Christbäumen Blasinstrumente macht.

Es verwundert nicht, dass sich einer, der nicht daheimsitzen kann, bei einem Vortrag von der Aura des Jakobsweges verführen lässt. Mit dem Drahtesel, den er für 50 Euro auf dem Flohmarkt erstanden hatte, und einem aus Aluminium zusammengeschweißten Anhänger für ein in zwei Teile zerlegbares Alphorn, radelte Gstettner in 13 Tagen von Pamplona nach Santiago de Compostela. "Das Gefährt hat mit mir 165 Kilo gehabt. Die Zither, das Flügelhorn und die Kleininstrumente waren auch dabei. Ich habe jeden Tag musiziert, am Abend in der Herberge, auf den Passhöhen und draußen beim Leuchtturm am Kap Finisterre."

Weltrekord im Dauermusizieren

Fleißig geblasen wird auch in der Heimat, etwa auf dem Feuerkogel. Dort war der Pensionist drei Jahre lang ehrenamtlicher Wetterwart. Jede zweite Woche verbrachte er auf der Hütte, um von 6 bis 19 Uhr jede Stunde die Wetterwerte durchzugeben. Da blieb genügend Zeit, um zu üben und nachzudenken. Und zum Surfen im Internet. Dabei stieß er 2007 auf einen Amerikaner, der es mit 24 Stunden des Dauermusizierens ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hatte.

Hoch droben auf dem Berg, beobachtet von drei Juroren und drei Ärzten, hängte Gstettner mit zehn Instrumenten noch eine Stunde dran. Alle vier Stunden hätte er sein Programm wiederholen dürfen, "aber weil ich auch meinen Ehrgeiz, sprich Vogel habe, habe ich 500 verschiedene Stückl gespielt," sagt er, stellt sich in die Wiese gegenüber der Garage, setzt die Lippen ans Mundstück und spielt "Übern See kånn i net ummischwimma".

Ein mystischer Klang. 

 

Zahlen und Fakten

Riese: Walter Gstettners rundes Riesen-Almhorn misst 150 Zentimeter im Durchmesser, ist 3,65 Meter lang und besteht aus mehr als 200 Teilen in 32 Segmenten. Das winzigste Alphorn kommt mit ein paar Zentimetern aus.

Marathon: Mit 25 Stunden stellte der Vorchdorfer im Oktober 2007 auf dem Feuerkogel einen Weltrekord im Dauermusizieren auf. Er spielte dabei 500 Stücke auf zehn Instrumenten.

Arbeit: An einem klassischen Alphorn werkt der 70-Jährige rund eineinhalb Wochen, am komplizierteren Almhorn arbeitet er etwa drei Wochen.

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Artikel Von Bernhard Lichtenberger 05. Juli 2014 - 00:04 Uhr
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