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Christkindl von Beruf

Diesen Advent schnürt Magdalena Rechberger den Reifenrock, legt das smaragdgrün funkelnde Sternenkleid an und setzt sich die Lockenperücke auf. Hannes Fehringer war bei der Amtseinführung des neuen Steyrer Christkindls dabei.

Christkindl von beruf

Auftritt als Christkindl: Der Tourismusverband Steyr hat Magdalena Rechberger als Botschafterin von Weihnachten angestellt. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Weinköniginnen preisen die besten Tropfen der Winzer an, Faschingsprinzessinnen verbreiten Narrenlaune. Steyr hat eine besondere Botschafterin: Seit zehn Jahren schlüpft ein Mädchen aus der Stadt in das Gewand des Christkindls und tritt als die Repräsentantin der Weihnacht auf.

Die Figur hat solche Beliebtheit erlangt, dass das Christkind an der Seite des Bürgermeisters alle öffentlichen Anlässe und Empfänge mit seiner Anwesenheit schmücken muss. "Viele Leute glauben, dass unser Christkindl seit eh und je ein alter Brauch ist", sagt Tourismusdirektorin Eva Pötzl, "aber wir feiern heuer erst das Zehnjahresjubiläum."

Magdalena Rechberger strahlte über das ganze Gesicht, als Tourismus-Lady Pötzl bei der Anprobe an allen Falten zerrte und zupfte, die ihr Glitzerkostüm geworfen hatte. Das Lächeln der 19-jährigen Praktikantin, das sie vor der Kamera eines Privatfernsehsenders aufsetzt, hat dem Zuschlag, das Christkind verkörpern zu dürfen, sicher nicht geschadet. Zuvor aber musste Rechberger ein Casting meistern, bei dem sie den zugeschickten "Prolog" aufzusagen hatte, den das Christkind feierlich spricht, bevor der Weihnachtsmarkt eröffnet wird und im Postamt Christkindl die ersten Briefe gestempelt werden.

Rechbergers Stimme war sanft genug und ihre Aussprache glasklar wie eine Winternacht. Noch wichtiger aber für ihr Engagement war, dass die junge Dame nicht unter 1,75 Meter Körpergröße misst. Zu zierliche Frauen würden von dem großen Glitzerkostüm förmlich verschluckt und in dessen Ärmeln die Hände verschwinden.

"Zuerst musst du in den Reifenrock steigen", erläutert Sophie Landgraf. Die 21-jährige Schülerin der Krankenpflegeschule ist Rechbergers Vorgängerin als Christkindl und geht ihr bei deren Amtseinführung zur Hand. Dann wird an der Taille das Unterkleid verschnürt, bis Rechberger die Arme ausstreckt und das grün-weiße Gewand über den Kopf fallen lässt. Grün und Weiß, das sind auch die Farben des Steyrer Wappens. "Mit dem Kostüm versuche erst gar nicht zu gehen", rät Landgraf, "du kannst damit nur in kleinen Schritten schreiten." Der mit Glitzersternen bestückte smaragdgrüne Überzug und der Unterrock haben gute fünf Kilogramm Gewicht. "Mit der Last kommt ohnehin niemand in Versuchung, durch den Advent zu rennen", verspricht Rechberger lachend. Warum das samtene Tuch ein so dicker Wams geworden ist, ist eine eigene Geschichte: Die Vorlage, nach der das Christkindlgewand genäht wurde, ist ein gleichermaßen prunkvoll gefüttertes Puppenkleid, wie es ein Verkündigungsengel aus der historischen Sammlung der Lamberg’schen Krippenfiguren im Stadtmuseum trägt.

Rechberger hat selbst ausgesprochen schönes blondes Haar, das sich an die Wangen schmiegt und wunderbar fällt. Aber nichts da! Sie muss ihr Haar zusammenstecken, damit die Engels-perücke darüber passt. "Das Steyrer Christkindl soll immer das gleiche Erscheinungsbild haben", gibtTourismusdirektorin Pötzl vor.

Rechberger lässt die Stylisten in der Umkleidekammer, Pötzl und Landgraf, gewähren. "An das Christkind habe ich von allen Kindern am längsten geglaubt", erinnert sie sich. Als angehende Botschafterin der Weihnacht lernt sie die hohe Diplomatie im Umgang mit anderen Figuren, die im Advent auftauchen: Perchten und Krampusse. Die Steyrer Kaufmannschaft nimmt sich zwar auffallend zurück, vor ihren Geschäften Weihnachtsmänner Glocken läuten und "Ho, Ho, Ho!" rufen zu lassen. Gelegentlich kreuzen sich aber die Wege des Christkindls mit jenen des Santa Claus'.

"Unsere Linie ist, dass wir das als keine Konkurrenz sehen", gibt Pötzl den Verhaltenskodex vor, "in Österreich ist der Weihnachtsmann ohnehin meistens der Heilige Nikolaus, ein Freund des Christkindes." Weshalb der rote Zipfelmützenträger mit Rauschebart auch "für uns keine Persona non grata ist", wie Pötzl anmerkt. Mit einem Weihnachtsmann, den man dort "Knecht Ruprecht" nennt, wird Rechberger als Christkindl in Plauen Süßigkeiten verteilen. Der Besuch beim Advent der deutschen Partnerstadt gehört zum Reiseprotokoll des Christkindls.

Christkindl in Steyr zu sein, ist kein Ehrenamt, sondern ein richtiger Beruf. Die Verkündigung des Hallelujas und gleichzeitig der Sehenswürdigkeit Steyrs in der Vorweihnachtszeit geschieht also nicht bloß für Gotteslohn."Unser Christkindl ist bei der Krankenkasse angemeldet und hat einen ordentlichen Dienstvertrag", weist Eva Pötzl die neue Mitarbeiterin auch in arbeitsrechtlichen Belangen ein. Ein Auftritt als Christkindl wird mit 35 Euro entlohnt, erfordert die diplomatische Vertretung der Weihnachtsstadt Überstunden, wird sie mit der doppelten Gage von 70 Euro honoriert.

Ums Geld geht es Rechberger aber bei ihrem mit Heilige Drei Könige befristeten Job am wenigsten: "In der Ausbildung zur Kindergärtnerin habe ich immer schon mit dem Nachwuchs gerne gearbeitet." Mit der Kinderbetreuung, die auch die Obsorge von Erwachsenen einschließt, wenn hochrangige Wirtschaftsdelegationen in Steyr zu den Punschhütten drängen, will sich Rechberger auch ein wenig bedanken: "Ich habe jetzt die Gelegenheit, meinerseits einen Beitrag für meine Heimatstadt zu leisten, wo ich mich sehr wohl fühle."

Die lieben Knirpse und Dreikäsehochs, die Mädchen und Buben, die ans Christkind glauben, können auch ganz schön fordernd sein, gibt Landgraf ihrer Nachfolgerin eine Warnung mit auf den Weg: "Merke dir, so gut es immer möglich ist, jedes Gesicht. Versuche es, auch wenn dich eine Traube Kinder umringt!"

Landgraf ist das Hoppala passiert, dass sie als Christkindl ein Mädchen gefragt hat, was es sich unter dem Christbaum wünsche. Eine Stunde später habe sie die Kleine wieder getroffen und diese routinehaft wieder nach deren Weihnachtswunsch gefragt. Worauf das Mädchen in seinem kindlichen Glauben ziemlich erschüttert war: "Ja, liebes Christkind, das habe ich dir doch schon gesagt. Hast es denn vergessen?"

Zur Person: Magdalena Rechberger (19) aus Steyr absolvierte die BAKIP-Ausbildung zur Kindergärtnerin und machte Praxis bei einem Fernsehsender.

 

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Artikel Hannes Fehringer 03. Dezember 2016 - 00:04 Uhr
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