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Abgefahren

Er ist längst nicht Schnee von gestern. Zum alten Eisen gehört er auch nicht, schließlich besteht er aus Holz. Der Schlitten, daran ist kaum zu rütteln, hat nach wie vor Saison. Das freut Martin Riesinger. In der Werkstatt des 35-Jährigen in Geboltskirchen nehmen die flotten Flitzer Gestalt an. Bernhard Lichtenberger und Volker Weihbold (Fotos) sind auf die "Schlitten made in Oberösterreich" abgefahren.

Abgefahren

Martin Riesinger mit einer Auswahl seiner Schlitten- und Rodel-Modelle Bild: VOLKER WEIHBOLD

Die Nadelbäume auf dem Hausruck hat der erste Vorbote des Winters zart angezuckert. Bis zu den Wiesen um das betagte Fabriksgebäude hat sich das Weiß noch nicht hinabgewagt. Seit gut 100 Jahren wird hinter diesen Mauern Holz in Form gebracht. Als sich die Kutschen langsam aus dem Alltagsbild verrollten, sah sich die Wagnerei nach Alternativen um. Und so fährt man in der Ortschaft Polzing seit etwa 80 Jahren auch auf den Bau von Schlitten und Rodeln ab.

Schlitten und Rodeln? Wo liegt da der Unterschied? "Zu den klassischen Modellen sagen wir Schlitten. Bei den sportlichen Geräten, die lenkbar sind, spricht man von Rodeln", sagt Martin Riesinger. Der 35-Jährige, der in Weibern wohnt, hat den Familienbetrieb im Jahr 2014 vom Vater übernommen. Davor war der Herr der Kufen als Informationstechniker mit der Programmierung von Vertriebssoftware befasst. "In der IT- Branche wird man nie fertig, das ist immer eine Baustelle. Da ist ein richtiges Handwerk schon etwas anderes", erklärt er den Umstieg. Der fiel nicht so schwer, schließlich arbeitete der Hausruckviertler schon als Bub mit. Und wenn es sein muss, darf er jederzeit auf den Erfahrungsschatz des Vaters zurückgreifen.

In der Halle kreischen die Maschinen. Druckluft verbläst die feinen Späne, die von der präzise programmierten Fräse der hölzernen Kufe abgenommen wurden. Es wird gesägt, gebohrt, geleimt, getackert, geschmirgelt und geschraubt. In einer Ecke stapeln sich die Schlitten-Rohlinge, fast hielte man die Ansammlung für eine künstlerische Skulptur.

Mit zwei Mitarbeitern schupft Martin Riesinger den Laden, in dem auch Gartenmöbel, Heurigenbänke, Sprossenwände, Jausenbretter und modische Accessoires gefertigt werden. Rund 60 Prozent des Umsatzes fahren aber Schlitten und Rodeln ein. In den besten Jahren schickte der Betrieb 30.000 Stück in eine Wintersaison. Wie das Geschäft läuft, hängt stark von der Schneelage des Vorjahres ab. Schüttelt Frau Holle vor Weihnachten ordentlich ihr Bettzeug über der Landschaft aus, füllen sich im Jänner die Auftragsbücher. Rieselt das Weiß nur zaghaft oder gar nicht, täte der Rodelmacher mit den himmlischen Verantwortlichen wohl am liebsten Schlitten fahren.

Nur Esche und Buche

Das Holz, aus dem die fahrbaren Untersätze geschnitten werden, bezieht der Handwerker stämmeweise bei heimischen Bauern. Als Bäume kommen nur Buche und Esche in Frage. Das Buchenholz kommt bei geraden Teilen zum Zug. Bei der Esche geht es rund, weil sie sich so wunderbar biegen lässt. Ein halbes Jahr lang werden die mit der Bandsäge geschnittenen Bretter luftgetrocknet und dann in der Trockenkammer der Restfeuchte beraubt. Die Hölzer für das Kufenrund werden mindestens zwei Stunden in Dampf gelegt, ehe ihnen im Modell mit Presse und Schraubzwinge die Geradlinigkeit ausgetrieben wird.

Natürlich war Martin Riesinger bereits als Bub begeistert, wenn er mit dem Schlitten die abschüssige Privatstraße neben der Firma hinunter gepfiffen ist. "Obwohl wir es nicht so geschätzt haben wie andere Kinder,  die sich gefreut haben, wenn sie eine Rodel geschenkt bekamen. Wir haben uns halt einfach eine genommen, und schon ist es losgegangen", sagt er. Das Lässige am Rodeln ist für ihn die Geschwindigkeit, "denn ich bin eher auf der sportlichen Seite unterwegs". Allein das Hinaufziehen an der Leine sei "eine fade G’schicht".

Eine harte Angelegenheit

Auf den Kufen lässt sich ordentlich Tempo machen. "Im Internet kursiert ein Video, das einen zeigt, wie er mit unserer Davoser Rodel 80 km/h erreicht. Das ist schon wild", sagt der 35-Jährige. Besagte Davoser Rodel schaut eigentlich recht spartanisch aus. Auf ihr muss sich der Rodler mit den in Längsrichtung verlaufenden Kanthölzern anfreunden, da kein Stoffbezug das Sitzfleisch schont. Das Naturprodukt verkauft sich ausschließlich in die Schweiz, wo man traditionell darauf abfährt. Der Davoser wurde im 19. Jahrhundert aus leichten norwegischen Schlitten, die damals zu den Eidgenossen eingeführt wurde, weiterentwickelt. Der Name stammt vom ersten historisch belegten Schlittenrennen, das 1883 in Davos stattfand und bei dem dieser Rodeltyp zum Einsatz kam.

Mit einem einzigen Modell ist es natürlich nicht getan. Die Beliebtheitsskala führt nach wie vor der Standardschlitten an. Für die meisten Kinder ist er das erste Wintersportgerät, mit dem sie in Berührung kommen. Eingepackt in dicke Schneeanzüge und von der runden, anschraubbaren Rückenlehne vor dem Hinunterplumpsen bewahrt, werden die Kleinsten von Mama und Papa durch den ersten Winter kutschiert. Der Klassiker kostet 50 Euro.

"Mammut" hat Martin Riesinger seinen Mercedes unter den Rodeln getauft, der erst seit 2014 zu seiner Palette gehört. Die massive Konstruktion, die durch Flämmen einen rustikalen Anstrich erhält, bringt etwa 15 Kilogramm auf die Waage. "Der Mammut eignet sich vor allem für befestigte Rodelbahnen, für Anfänger ist er nicht geeignet", sagt der Konstrukteur. 250 Euro muss man für das 126 Zentimeter lange, wuchtige Geschoss mit Doppelkufen und einer Sitzfläche aus reiß- und wetterfestem Kunstleder hinlegen.

Die niedrigste Sitzhöhe weist der "Schneeleopard" auf, der sich durch seine Wendigkeit auszeichnet. Dazu kommen noch der sportliche Bock, die putzige Babyrodel und der Grazer Familienschlitten, der so heißt, weil der Erste seiner Art in die steirische Landeshauptstadt geliefert wurde. Bei der Beschlagung der Laufflächen wird nicht gespart. Das Eisen, das auf die Kufen kommt, ist so dick, dass es gerade noch zu biegen ist. Dadurch läuft der Schlitten ruhiger.

Abnehmer der Hausrucker Schlitten und Rodeln sind Großhändler, "wenn aber einer bei mir vorbei kommt, kriegt er auch etwas". Die Konkurrenz ist überschaubar und vornehmlich in den westlichen Bundesländern daheim, "aber da tut man einander nicht weh, denn jeder hat von den Modellen her sein eigenes Segment", sagt Riesinger. Gut an den Mann sind seit jeher Verleihrodeln mit stabilen Eisenfüßen zu bringen, die in den Wintersportgebieten benötigt werden. "Da gibt es einen Tiroler, der hat von uns schon 1000 Rodeln bekommen."

In der Werkstatt lärmen die Maschinen. Die Schlittenmacher haben alle Hände voll zu tun, denn am besten geht das Geschäft vor Weihnachten. "Selbst kommen wir halt nicht mehr zum Schlittenfahren", sagt Martin Riesinger. Er hat auf den Rodeln, die ein bisschen seine Welt bedeuten, ohnehin schon viel erlebt: "Wir haben geparkte Autos niedergefahren, weil wir es nicht mehr derlenkt haben, und Schlitten am Baum vernichtet."

Rodeln in OÖ

In Bad Goisern wurde erstmals im Jahr 1910 von einer Rodelbahn berichtet. Auf der ehemaligen WM-Strecke von 1992 geht es auf der beleuchteten Trockentann-Bahn zwei Kilometer talwärts.

Auch sonst mangelt es in Oberösterreich im Winter nicht an Möglichkeiten, sitzend und rutschend seinen Spaß zu haben. Eine Auswahl: Naturrodelbahn Zottensberg in Rosenau am Hengstpass (1,3 km), Naturrodelbahn in Tiefgraben am Mondsee bei der Jausenstation Hochserner, Rabenkogel-Rodelbahn in Gosau (1 km), Rodelbahn Steinbach am Attersee (auf der alten Großalmstraße), Traunkirchner Naturrodelbahn von der Hochsteinalm (3,5 km), Naturrodelbahn Hinterstoder (1,2 km), Waldrodelbahn Schwarzenberg

 

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Artikel 03. Dezember 2016 - 00:04 Uhr
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