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Oberösterreich

„Da hab’ ich mir geschworen, ich werde überleben“

WIENER NEUDORF. Franz Rechberger aus Hagenberg verbrachte vor siebzig Jahren die Kriegsweihnacht in Stalingrad.

„Da hab’ ich mir geschworen, ich werde überleben“

100.000 Wehrmachtssoldaten gingen in Stalingrad in Gefangenschaft. Nur jeder Zwanzigste kehrte heim. Bild: bpk

Wenn Franz Rechberger von seinen Kriegserlebnissen erzählt, klingt es, als spräche er von sich als einer anderen Person: nüchtern, emotionslos, protokollarisch. Aber dann wird doch Rührung in seiner Stimme deutlich – wenn sich der 90-Jährige wieder erinnert an Weihnachten vor 70 Jahren im Kessel von Stalingrad. Melder des Jägerregiments 54 ist er gewesen, einer der wenigen, die wieder heimkamen. Heute lebt der Bauernsohn aus Hagenberg mit seiner Frau Hermine in Wiener Neudorf bei Mödling (NÖ.).

 

OÖNachrichten: Am Heiligen Abend 1942 schwiegen auch in Stalingrad für ein paar Stunden die Waffen. Wie haben Sie damals Weihnachten verbracht?

Franz Rechberger: Es gab da ein schönes Holzhaus, das war noch ziemlich unversehrt. Da war unser Kriegstagebuchschreiber, der Feldwebel Thiel, untergebracht. Am Abend haben wir uns dort versammelt, die Melder und die Leute vom Verbandsplatz. Es herrschte tiefes Schweigen. Für jeden gab’s ein Stück Pferdebraten, Brotknödel und ein Vierterl Rotwein. Auch ein Klavier war da, darauf haben zwei Kameraden vierhändig Weihnachtslieder gespielt, gesungen hat keiner. Ich dachte an meine Mutter, die so viel für mich gebetet hat, und den Vater, dem ich immer meine Tabakrationen nach Hause geschickt habe. Aber an diesem Heiligen Abend hab’ ich selber wieder zum Rauchen angefangen.

OÖNachrichten: Was hat Sie dazu bewogen?

Franz Rechberger: Wir hatten erfahren, dass der Entsatzversuch der Panzergruppe unter Generaloberst Hoth gescheitert war. Unsere letzte Hoffnung war dahin. Da war mir klar, dass ich nie mehr ein Packerl heimschicken würde. Ich habe mir eine Zigarette genommen, ihren Rauch eingesogen und mir geschworen, dass ich diesen Krieg überleben werde.

OÖNachrichten: Wo war damals Ihr Quartier?

Franz Rechberger: Eine 73-jährige Kosakin hatte mich aufgenommen. Das war mein Glück, denn ich war ziemlich krank, hatte offene Beine von einem Infekt, konnte kaum gehen. Eigentlich sollte ich in ein Lazarett nach Polen, aber mein Freund Paul Klauer, ein Berliner, hat mir geraten, ich solle da bleiben, weil man mir im Lazarett nur die Weihnachtspackerl „zusammenfressen“ würde. Die alte Frau war oft beim Verbandsplatz, sie hat mich auf meine Bitte hin aufgenommen.

OÖNachrichten: Haben Sie diesen Entschluss später bereut?

Franz Rechberger: Nein, nie! Ich konnte Polnisch, so konnte ich mich mit ihr und ihrer zehnjährigen Enkelin halbwegs verständigen. Ich habe sie „Matka“ genannt, das heißt „Mutter“. Oft hat sie wo Pferdefleisch ergattert, das hat sie mir zubereitet, und ich habe bei der Essensvergabe etwas für sie und die Kleine mitgenommen. Wir waren wie eine Familie. In einem Winkel ihrer Hütte hat sie vor den Ikonen für mich gebetet. Für das Kind war ich wie ein großer Bruder, sie hat mich oft zum Spaß mit Schneebällen beworfen.

OÖNachrichten: Und nach Ihrer Genesung?

Franz Rechberger: Dann wurde ich wieder als Melder auf der „Höhe 102“ eingesetzt, wie schon nach unserer Ankunft am 25. September 1942. Wir hatten uns gleich am ersten Tag am Fuß dieses Hügels eingegraben, am 27. September begann der erste Angriff auf die Russen, die sich oben postiert hatten. Er war strategisch von zentraler Bedeutung, von hier aus hatte man die Stadt und die Fabriken im Blick. Nach zwei Sturmtagen waren von den 80 Mann der 7. Kompanie, der ich als Melder zugeteilt war, noch zwölf übrig.

OÖNachrichten: Wie war dort die Lage Ende Dezember 1942?

Franz Rechberger: Zu dem Zeitpunkt bestand das ganze Bataillon noch aus 300 Mann, die die Truppen, die oben am Hügel die Stellung hielten, unterstützen sollten. Die Kämpfe waren entsetzlich. Wir hatten uns auf dem Abhang eine Höhle gegraben, in der die Gefallenen wie Holzscheite aufgestapelt lagen. Ich habe bei dem Anblick nur gedacht: Gut, dass das unsere Mütter nicht sehen.

OÖNachrichten: Wie lange zogen sich die Kämpfe in Stalingrad hin?

Franz Rechberger: Das Ende kam am 26. Jänner mit dem Großangriff der Russen. Sie sind bis zur Wolga durchgestoßen, wir haben die Straßen geräumt und uns im Schnee vergraben. Neun Melder waren noch am Leben, wir sollten ein Holzhaus verteidigen, haben Munitionskisten hineingeschleppt. Ein deutscher Flieger hat noch Rindfleischkonserven abgeworfen, sieben habe ich erwischt und alle aufgegessen. Ich lebte damals nur für den Augenblick. Zwei Tage später haben wir uns ergeben.

OÖNachrichten: Wie haben Sie den langen Marsch in die Lager überlebt?

Franz Rechberger: Wir sind immer zu dritt marschiert, einer in der Mitte, der konnte ein bisschen schlafen. Wir haben uns eines Abends in einen Bunker geflüchtet, den die Deutschen gegraben hatten, da fanden wir Verpflegung und schliefen uns aus. Bemerkt hat es niemand. Tags darauf sind wir mit der nächsten Kolonne weiter. Mein bester Freund, der Paul Lotz, ein Schlesier, hat kurz vor dem Lager Rudnja aufgegeben. Er hat nur gesagt: Das ist das Ende. Er war ganz ruhig. Dann wurde er erschossen.

OÖNachrichten: Am 31. Oktober 1947 kamen Sie aus der Gefangenschaft heim.

Franz Rechberger: Wir wurden zu siebt in Urfahr abgeholt, eine Frau aus Pregarten hat uns im VW Käfer der Reihe nach heimgebracht. Um halb eins in der Früh habe ich am Schlafzimmerfenster meiner Eltern geklopft. Mein Vater ist vor Freude ohnmächtig geworden. Wir sind die ganze Nacht beisammengesessen. Meine Mutter war aus Sorge so stark abgemagert, ich habe sie kaum wiedererkannt.

OÖNachrichten: Empfinden Sie heute noch Hass auf die Russen?

Franz Rechberger: Nein, die Erinnerung belastet mich kaum noch. Sie haben uns in den Arbeitslagern nicht schlecht behandelt. Als ich im Lager Wolsk im Sterbebunker lag, hat mich eine Pflegerin wieder aufgepäppelt. Heuer zu Weihnachten schreibe ich wieder an die 70 Briefe, viele davon an russische Stalingrad-Veteranen, mit denen ich enge Kontakte pflege. Ich bin Ehrenmitglied des russischen Veteranenvereins und war zur Einweihung des Denkmals der „Mutter Russland“ auf dem Hügel 102 eingeladen. Seit 1983 war ich 15-mal im früheren Stalingrad und habe die ganze Tiefe der russischen Seele kennengelernt.

 

zur Person

Franz Rechberger wurde 1922 in Hagenberg geboren. Nach der Volksschule half er auf dem Bauernhof seiner Eltern, bis er im Oktober 1941 nach Wels in die Alpenjägerkaserne einberufen wurde. Nach der Grundausbildung ging’s mit dem Jägerbataillon 54 nach Russland. In Kalatsch am Don zum Melder ausgebildet, kam er am 25. September 1942 nach Stalingrad. Er überlebte, „ohne einen Tropfen Blut vergossen zu haben“. Nach seiner Heimkehr schloss er die HTL Steyr ab, arbeitete bis zur Pension 1982 in der Elektroindustrie. Seit 1956 ist er verheiratet, er hat vier Kinder und acht Enkel.
 

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Artikel Alfons Krieglsteiner 22. Dezember 2012 - 00:05 Uhr
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