OÖN: Frau Dick, Sie waren im Sommer 1935 die erste Mautnerin in Ferleiten, am Fuße der Großglockner Hochalpenstraße. Können Sie sich noch an Ihre erste Amtshandlung erinnern?
Dick: I war des Maut-Dirndl vom Großglockner. Es war schon ein Problem. Nämlich den Leuten zu erklären, dass sie jetzt plötzlich zahlen müssen. Mautgebühren hat man nicht gekannt. „Ah so, da muss man was zahlen?“ Die haben sich schon gewundert.
OÖN: Vor allem die Radfahrer.
Dick: Richtig, weil die waren ja arm. Wer ein Auto hatte, der war eh reich. Da kam einer mit dem Rad daher, der wollte die Glocknerstraße hochfahren. Der ist ja verrückt! Heute tät’ man sich gar nicht mehr darüber wundern, aber damals war das der Erste. Er ist bei mir stehen geblieben.
OÖN: Und Sie haben Ihr Sprücherl aufgesagt?
Dick: „Schaun S’, ich muss Sie leider aufhalten. Sie müssen Maut zahlen, sonst geht der Schranken nicht hoch.“ Da gab es keine Ausnahme, ja, da hat es nichts gegeben. Ich war streng.
OÖN: Und was wurde aus besagtem Radfahrer?
Dick: Ich habe nicht gewusst, ob der zahlen muss und sage: „Wissen S’ was, gehen S’ da hinüber zum Lukas-Hansl-Wirt, da sitzt der Hofrat Wallack.“ Der hatte damals ja die Idee, die Straße zu machen. „Fragen S’ den Hofrat!“
OÖN: Und der Hofrat?
Dick: Der hat in seinen Hosensack gegriffen und hat ihm einen Schilling gegeben. Aber der Fall war damit noch nicht erledigt.
OÖN: Warum nicht?
Dick: Ich musste eine Mautgebühr für Radfahrer festsetzen. Ich kann doch nicht alle zum Hofrat schicken. Wir haben uns auf einen Schilling geeinigt. Dann habe ich den Schranken in die Höhe geschupft, und er ist durch.
OÖN: Warum waren ausgerechnet Sie mit Ihren damals 21 Jahren die erste Mautnerin?
Dick: Das war ein Privileg. Das kam durch meinen Vater, der für den Hofrat die Finanzen gemacht hat. Den Wallack hat ja die Trasse, die Natur, das Technische interessiert, aber nicht das Geld.
OÖN: Am Sonntag wird auf der Franz-Josefs-Höhe die Eröffnung der Großglockner Hochalpenstraße vor 75 Jahren gefeiert. Werden Sie dabei sein?
Dick: Ich habe es schon im Sinn. Zur Sicherheit habe ich mir eine kleine Rede aufgeschrieben. Ich möchte da oben schon mit was G’scheitem aufwarten.
Frau Dick holt einen handgeschriebenen A4-Zettel und liest den Anfang vor.
Dick: Als junges Mädchen mit 20 Jahren durfte ich schon über die Glocknerstraße gehen – damals nur ein schmaler Bergpfad. Mit dem Wallack und den Ingenieuren. Wobei ich allerdings gestehen muss, dass mich die Route der Straße nicht so sehr interessierte, wie die flotten und geistreichen Ingenieure.
Frau Dick unterbricht.
Dick: Wissen S’, ich war damals ja unverheiratet. Das muss man doch verzeihen, oder?
OÖN: Aber sicher.
Frau Dick liest weiter.
Dick: Wir gingen um sechs Uhr Früh weg und machten den ganzen zwölf Stunden langen Marsch lang bis zur Franz-Josefs-Höhe keine Pause. Es gab auch nichts zu essen. Wallack trank drei Schnäpse. Das Genie brauchte nicht mehr, und …
OÖN: Das Genie?
Dick: Er war einmalig, nicht besonders freundlich, aber einmalig. Streng und herrschsüchtig. Mich hat er wohl nicht so besonders gern gehabt.
OÖN: Aber Sie waren hübsch, kokett?
Dick: Aber geh … Also, ja eh, schon ein bisserl. Bei der Eröffnung 1935 hat es was gegeben. Die Zeitung war da, „Das kleine Blatt“. Da war ich auf der Titelseite und nicht der Wallack. DAS war ein Malheur.
OÖN: Er war eifersüchtig.
Dick: Ich hatte ja kein Verdienst um die Straße. Da war er sehr sauer, der Herr Hofrat. Auf mich. Gesagt hat er nichts, aber ich hab’s gemerkt.
OÖN: Wie haben die Einheimischen auf den Bau dieser teuren Straße reagiert?
Dick: Ich glaube, sie haben sich Hoffnungen auf mehr Fremdenverkehr gemacht. Und Fremde sind natürlich viel mehr gekommen. Wer einmal auf der Glocknerstraße gefahren ist, der kommt wieder.
OÖN: Wie lange waren Sie Mautnerin?
Dick: In den Ferien. Ich war ja Lehrerin in Weißbach bei Lofer. Dann, nach der Hochzeit, wollte mein Mann, dass ich zu Hause bleibe. Wir wollten Kinder – leider nur eine Tochter. Wir sind in der ganzen Welt herumgereist. Wir waren auch viel bergsteigen. Da haben wir den Bundeskanzler getroffen. Wir wurden Bergfreunde.
OÖN: Welcher Kanzler?
Dick: Josef Klaus. Er ist immer ohne Begleitschutz gekommen und hat bei uns im Haus geschlafen. Seine Frau war nie dabei, die wollte das nicht. Wir sind oft um sechs Uhr Früh auf und hinauf auf die Schönfeldspitze. Wir haben viele Touren gemacht. Ich habe ihn sehr gerne mögen, den Klaus.
OÖN: Erstes Glockner-Maut-Dirndl, Freundschaft mit dem Kanzler: Aller guten Dinge wären drei?
Dick: Ja! Ich bin mit der Agathe Trapp, der ältesten Tochter der berühmten Trapp-Familie, ins Gymnasium bei den Ursulinen in Salzburg gegangen. Ich war auch zu Gast in der Villa. Wir schreiben uns alle heiligen Zeiten. Sie lebt sehr brav in Vermont, USA.
OÖN: Frau Dick, gibt es sonst noch Geheimnisse aus Ihrem Leben, über die Sie reden möchten?
Dick: Dass ich auch heute noch gerne bergsteigen gehen möchte und nicht mehr kann. Aber das ist ja kein Geheimnis.