Peuerbach-Gymnasium Linz, 10.30 Uhr. Die Pausenglocke hat kaum zu läuten begonnen, wird ihr schriller Ton schon von den Stimmen der Schüler absorbiert. Das Klassenzimmer der 2 t (Turn- und Sportzweig) verwandelt sich für die nächsten 15 Minuten zum Basar für Fußball-Pickerl. Die Kinder haben sich zu mehreren Trauben zusammengefunden und bieten ihre Waren feil: „Brauchst du Nummer 265?“ ... „Nein, 266.“ ... „Wer hat Messi doppelt?“ Eilig wird in den Fußball-Sammelheften umgeblättert und kontrolliert, ob ein Pickerl passt, oder nicht.
„Der Sammeltrieb ist in jedem Menschen verankert – er ist ein genetisches Muster“, sagt Anton Tölk. Er leitet das Institut für Psychotherapie und das Zentrum für Psychosomatik der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg. „Schon zur Zeit der Jäger und Sammler war es wichtig, Lebensnotwendiges anzuhäufen.“ Genauer gesagt, erklärt der Psychiater und Psychotherapeut, waren es ja Jäger und Sammlerinnen, denn Sammeln, im Sinne von Horten, oblag in erster Linie den Frauen. Kein Wunder also, dass beim Sammeln von Fußball-Bildern nicht nur Buben und Männer, sondern auch viele Mädchen und Frauen mitmachen.
„Wenn Erwachsene sammeln, dann kann das zwei Gründe haben“, sagt Tölk. „Zum einen, wie erwähnt, die genetische Veranlagung, und zum anderen die Sehnsucht nach der heilen Welt der eigenen Kindheit.“ Was jedoch nicht bedenklich sei: „In diesem Fall macht es ja Spaß – wenn es nicht extrem wird.“
Ursprung der Museen
Sammeln hat sowohl positive wie negative Auswirkungen. Die ersten Museumsgründungen, Archive und Bibliotheken fußen auf der Sammelleidenschaft. Die Exponate stammen nicht selten von bedeutenden und reichen Bürgern, die ihren Besitz der Allgemeinheit vermacht haben. Sammeln hat also einen pädagogischen Wert.
Eine Rolle spielt stets der Faktor Macht. „Erst durch das Sammeln erlangen viele Dinge einen ungeheuren Wert“, sagt Tölk. Heruntergebrochen auf Fußball-Pickerl bedeutet das: Wer als erster sein Album voll hat, hat gewonnen. Wer beliebte und begehrte Spieler doppelt oder öfter besitzt, bestimmt den Preis. Er kann im Gegenzug für das Pickerl mit dem Konterfei dieses Spielers zwei oder gar mehr Pickerl verlangen. „Es ist ein Phänomen, dass manche Sammelobjekte einen überdimensionalen Wert bekommen“, sagt Tölk.
In der 2 t wird zwar lautstark, aber ohne Streit gesammelt und getauscht. Warum machen überhaupt so viele Kinder mit? „Weil es Spaß macht.“ „Das Tauschen taugt mir.“ „Mir das Packerl aufreißen und das Einkleben.“ Lediglich Lukas macht nicht mit. Ihm ist der Spaß zu teuer: „Außerdem wurden mir beim letzten Mal alle Doppelten geflaucht.“ Bitter, denn ohne Tauschkapital ist es schwer, das Album voll zu bekommen.
Ohne Tauschen ist Sammeln eine teure Angelegenheit. 640 Pickerl passen in das Album bei einem Preis von zwölf Cent pro Bild, benötigt ein Sammler also mindestens 76,8 Euro. Allerdings hätte er dann kein einziges Bild doppelt. „Das ist jedoch ungefähr so wahrscheinlich wie ein Lotto-Sechser und dann vom Blitz getroffen zu werden“, sagt Andreas Quatember vom Institut für angewandte Statistik von der Kepler-Universität Linz. „Sehr vereinfacht dargestellt also ungefähr 1:880 Milliarden.“
Darum müssen bei diesem Hobby vor allem Mamas, Papas und Omas den Kindern finanziell unter die Arme greifen. Immerhin wurde Österreich mit 1,8 Millionen Alben überschwemmt und in einer ersten Auflage 18 Millionen Sticker-Packungen ausgeliefert, mit einem Gegenwert von 10,8 Millionen Euro. „Wir sind zuversichtlich, dass wir noch nachdrucken müssen“, sagt Jens Presche von Panini Deutschland. Zum Vergleich: Im Nachbarland wurden rund vier Millionen Alben und 75 Millionen Packungen ausgegeben.
Zwar bedeutet die Sammelleidenschaft für die Kinder, dass sie einen großen Teil ihres Taschengeldes investieren müssen, doch sind hier – im Einzelnen – vergleichsweise niedrige Summen, im Spiel. Und während für Kinder das Sammeln generell einen lustvollen und spielerischen Charakter hat, kann es bei Erwachsenen zu bedrohlichen Auswirkungen führen. Dann, wenn eine regelrechte Sammelwut vor allem auf teure und exotische Güter ausbricht. „Krankhaft ist es, sobald es zur Belastung wird und keine normale Lebensführung mehr möglich ist“, sagt Tölk. „Sammeln ist wie Salz“, sagt er. „Fehlt es, schmeckt das Essen fad, zu viel davon, dann ist es versalzen und ungesund.“
Eine „ungesunde“ Auswirkung ist das Messie-Syndrom – das bis auf die lautmalerische Parallele zu Lionel Messi nichts mit Fußball am Hut hat. „Menschen, die daran leiden, leben in einer vermüllten Wohnung. Sie wahren nach Außen oft die Fassade, können aber niemanden mehr einladen, weil man sich in ihrer Wohnung nicht einmal mehr umdrehen kann“, sagt Tölk. „Das kann einen 30-Jährigen treffen, meist sind es aber ältere, demente und vereinsamte Menschen. Sie leiden an einem krankhaften Nicht-wegschmeißen-Können. Hintergrund ist oft eine existenzielle Angst.“
Darauf zu hoffen, dass Gegenstände einen Sammlerwert bekommen, ist meist vergeblich. Allerdings haben es manche Fußball-Alben zu eben diesem gebracht: So kann im Internet auf eBay ein komplettes Album der WM 1974 um mehr als 250 Euro ersteigert werden. Oft werden Alben und Pickerl nach dem Turnier entsorgt und maximal doppelte Superstars, die Schulhefte und Kästen zieren, erinnern daran.
In der 2 t sind die Superstars übrigens Lionel Messi, Fernando Torres, „Mischi“ Ballack, Lukas Podolski, Thierry Henry, Christiano Ronaldo ...
Es läutet, die Pause ist aus.
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