"Als Abt bin ich sehr betroffen und erschüttert über die Verletzungen und Traumatisierungen, die manche Schüler offenbar erlitten haben", so Hemmelmayr am Samstag. Alle Betroffenen sollten mit dem Stift Kontakt aufnehmen, "um das bisherige Schweigen zu durchbrechen und im Gespräch etwas Licht in die Vorgänge zu bringen." Das Kloster kündigte ebenfalls an, die Hilfe von Fachleuten für eine Aufarbeitung des Geschehenen hinzuziehen zu wollen. Dem Abt sei es "ein Anliegen, dass in Offenheit und Ehrlichkeit die dunklen Schatten der Vergangenheit aufgearbeitet werden." Er betonte allerdings auch, dass ein Großteil der jetzt Beschuldigten bereits verstorben sei. "Es ist eine menschliche Tragik, dass manche in kirchlichen Einrichtungen tiefe Verletzungen erlitten haben,", meinte Abt Hemmelmayr wörtlich.
Bereits 1990 wurde das Internat des Stiftes, in dem in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Missbräuche stattgefunden haben sollen, geschlossen. Derzeit werden im Stiftsgymnasium rund 480 Schülerinnen und Schüler von etwa 50 Lehrern betreut, berichtete das Kloster.
Am Freitag hatte die "Presse" über einen 64-Jährigen Mann berichtet, der von sexuellem und physischem Missbrauch in seiner Schul- und Internatszeit im Stift Wilhering erzählte. So sei er 1959 von einem Präfekten gequält worden, hätte Schläge mit dem Rohrstock erhalten und war gezwungen worden, vor dem Mann zu onanieren.
Erklärung von Abt Gottfried Hemmelmayr im Wortlaut
"In den letzten Tagen hat ein ehemaliger Schüler des Stiftsgymnasiums Wilhering und Zögling des Internates schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und körperlicher Gewalt durch einen Erzieher erhoben. Es geht dabei um die Zeit Ende der 1950er Jahre. Inzwischen haben sich weitere Betroffene aus den 1960er Jahren gemeldet.
Als Abt bin ich sehr betroffen und erschüttert über die Verletzungen und Traumatisierungen, die manche ehemalige Schüler offenbar erlitten haben. Ich stehe nicht an, mich im Namen unseres Konventes und der Schule bei den Betroffenen zu entschuldigen und sie für das, was ihnen widerfahren ist, um Vergebung zu bitten.
Wir laden alle Betroffenen ein, mit uns Kontakt aufzunehmen, um das bisherige Schweigen zu durchbrechen und im Gespräch etwas Licht in die Vorgänge zu bringen. Mit Hilfe von Fachleuten sollen - soweit dies möglich ist - die traumatischen Erlebnisse aufgearbeitet werden. Die Ombudsleute und Kommission der Diözese Linz gegen Missbrauch und Gewalt (www.dioezese-linz.at) stehen dafür als kompetente Ansprechstelle zur Verfügung.
Uns allen ist es ein Anliegen, dass in Offenheit und Ehrlichkeit die dunklen Schatten der Vergangenheit aufgearbeitet werden. Die meisten der Beschuldigten sind allerdings bereits verstorben, so dass man sie nicht mehr mit den Vorwürfen konfrontieren kann.
Es ist eine menschliche Tragik, dass manche in kirchlichen Einrichtungen tiefe Verletzungen erlitten haben, unter denen sie ein Leben lang zu leiden haben. Wenn sie jetzt das Schweigen durchbrechen, kann vielleicht manches aufgehellt und geheilt werden. Wir wollen alles tun, was in unseren Möglichkeiten liegt, um vergangene Wunden zu heilen, und in Zukunft solche Verletzungen auszuschließen.
Bei dieser Gelegenheit danke ich allen aus dem Kreis der Absolventen, die uns in diesen Tagen ihre schönen und erfreulichen Erfahrungen mitgeteilt haben. Dabei wurde das ehrliche Bemühen vieler Lehrer und Erzieher besonders hervorgehoben.
Die Situation am Stiftsgymnasium Wilhering stellt sich nach der Aufnahme von Mädchen und der Schließung des Internats im Jahr 1990 gegenüber früher heute wesentlich verändert dar. Die derzeit ca. 480 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums werden von ca. 50 Lehrerinnen und Lehrern nach christlich-humanistischen Grundsätzen unterrichtet.
Ich hoffe, dass die gegenwärtige, leidvolle Phase reinigend wirkt, und Licht in die Schatten der Vergangenheit bringt."
Stift Wilhering, am 13. März 2010 Abt Gottfried Hemmelmayr
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