ePaper | iPad | 
Anmelden
 |  A A A

 
Donnerstag, 24. Mai 2012, 04:56 Uhr Linz  15°C ·  Wels  13°C ·  mehr Wetter »
Oberösterreich

Flüchtlinge versteckt - „Bei uns braucht’s nicht suchen“

ADLWANG. Gestern wurde Alfred Langthaler (85) am Friedhof von Adlwang (Steyr-Land) begraben. Dass er im kleinen Kreis zu Grabe getragen wurde, passte zum stillen Dasein jenes Mannes, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges sein Leben riskierte, um das zweier Flüchtlinge zu retten.

Das Leben schreibt viele kleine Geschichten. Die Geschichte von Alfred Langthaler ist eine besondere. Als 14-Jähriger verliert er bei einem Dresch-Unfall ein Auge, die Sehkraft am anderen betrug gerade einmal 20 Prozent. Deswegen musste der junge Mann aus Winden bei Schwertberg auch nicht einrücken. Aber für den Volkssturm, den die Nazis für die „Heimatverteidigung“ zusammengestellt hatten, reichte das allemal.

Eine Jagd beginnt

Am 2. Februar 1945 erhält der Volkssturm von der SS sinngemäß diesen Befehl: „Sucht die 500 aus dem KZ Mauthausen geflohenen Russen und tötet sie.“ Die Mühlviertler Hasenjagd beginnt (siehe Stichwort). Ein zynischer Terminus, denn die Hasen sind Menschen.

Mit diesem Befehl beginnt – im Schatten all der Tragik für die Gejagten – die besondere Geschichte von Alfred Langthaler. Tagelang ist er russischen Phantomen auf der Spur, „aber gesehen habe ich nicht einen, weil ich keinen sehen wollte“, sagt er später einmal zu seiner Schwester, Anna Hackl. In Wahrheit hat er zwei der Flüchtlinge gesehen. Aus nächster Nähe. Am 3. Februar 1945, gegen 6.30 Uhr, liegt „der Fredl“ am Diwan im Wohnzimmer des Langthaler-Hofes. Er hat nur wenige Stunden geschlafen. Spät in der Nacht war er von der Hasenjagd heim gekommen, bald muss er wieder hinaus. Weiter jagen.

Alles riskiert

Es klopft. Zwei ukrainische Offiziere bitten um Einlass. Sie seien Dolmetscher. Alfred Langthaler, seine Mutter Maria und seine Schwester Anna wissen, dass das keine Dolmetscher sind. Die Langthalers lassen die beiden Männer herein, geben ihnen zu essen, verstecken sie im Heuboden – alles bei Todesstrafe verboten. Dann macht sich der junge Mann wieder auf den Weg zu seiner Truppe. Die Horde SSler samt Hunden kommt ihm bald entgegen. „Wir drehen in Winden heute jedes Haus um!“

Beim Langthaler-Hof angekommen, riskiert der Fredl alles: „Kummt’s eini und esst’s wås bei uns. Bei uns braucht’s ihr net suchen, des håb’ eh i schon g’macht.“ Die Jäger essen, die Hunde schlagen nicht an, wittern die Hasen nicht. Der Langthaler Fredl schwitzt Blut. Die Ukrainer werden von ihren Jägern nie gefunden.

Nach dem Krieg heiratet Langthaler, führt in Linz einen Bauernhof, der wegen dem Bau der Eisenbahnbrücke weg muss. Langthaler zieht nach Adlwang, bewirtschaftet einen Hof, bekommt drei Kinder, feiert im Mai dieses Jahres Goldene Hochzeit. Eine schwere Krankheit macht den 85-Jährigen in seinen letzten vier Lebensmonaten zum Pflegefall. Seine Schwester Anna Hackl gibt noch heute als Zeitzeugin ihre Kriegserlebnisse in Vorträgen weiter und wurde dafür offiziell ausgezeichnet – Alfred Langthaler bleibt in der Öffentlichkeit stumm. Die 78-jährige Anna Hackl sagt: „Der Fredl war damals voll dabei. Ich bin sehr stolz auf meinen Bruder.“

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Artikel 26. September 2009 - 00:04 Uhr
Von Helmut Atteneder
Bild vergrößern „Bei uns braucht’s nicht suchen“

Anna Hackl, Alfred Langthaler, Michael Rjabtschinkij (v.l.) bei einem Wiedersehen im Jahr 1995.  Bild: Archiv

Neuen Kommentar schreiben

Betreff / Kommentartitel
Kommentartext:

Sie dürfen noch Zeichen als Text schreiben

Bitte beachten Sie die Forumsregeln


  Für nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.

Um sich registrieren zu können müssen Sie uns mindestens einen Benutzernamen, ein Passwort und Ihre E-Mail-Adresse mitteilen.
Gewünschter Benutzername

Gewünschtes Passwort

Wiederholung Passwort

E-Mail

OÖNcard


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 20 + 2? : 


 
Zuletzt kommentiert   mehr »