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Oberösterreich

Zu Gast bei den Staatsleugnern: Die Erde ist flach und die Republik eine Firma

LINZ. Kurios oder gefährlich? Wenn der "Staatenbund" lädt, kommen Hunderte Gäste.

Zu Gast bei den Staatsleugnern: Die Erde ist flach und die Republik eine Firma

Die Exekutive kennt bei den Staatsleugnern keinen Spaß. Bild: Symbolfoto: vowe

"Richter und Staatsanwalte gehören hinter Gitter. Alle Banken müssen geschlossen, Verwaltungsbehörden umgehend aufgelöst werden. Der Staat ist eine Mafia! Die Revolution muss her!", fordert die korpulente Vortragende mit dem gewinnenden Lächeln. Die Steirerin Monika Unger ist die Präsidentin das Staatenbundes Österreich. Wenn sie in Linz zum Infoabend lädt, reisen mehr als 200 Revolutionäre in spe an.

Kühnen-Gruß und Birkenstock

Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Ältere Herren, die sich einander mit dem rechtsradikalen Kühnen-Gruß willkommen heißen, sitzen neben vollbärtigen Mittdreißigern in Birkenstock-Schlapfen. Hier haben sich aber nicht nur die Vertreter der Extreme versammelt. Mitten drinnen Bürger, die so wirken, als seien sie 35 Jahre Parteimitglied der ÖVP. Doch dieser Eindruck täuscht. Die Abneigung gegen den Staat eint hier fast alle.

In den Augen der Präsidentin ist die Zweite Republik nicht mehr als "eine Kapitalgesellschaft, die acht Banken gehört". In Ungers Welt kennt die kriminelle Energie dieser Banken, die eine "Staatssimulation betreiben", keine Grenzen. "Wer ist denn von euch heute zum ersten Mal da", fragt die Präsidentin. Etwa 70 Hände heben sich. Für die Neulinge gibt es von den Alteingesessenen begeisterten Applaus. Die Bewegung wächst. Die Revolution, die den Übergang ins "goldene Zeitalter" (Unger) markiert, stehe unmittelbar bevor.

Die Erde ist eine Scheibe

"Als erstes werden wir alle Banken schließen", ruft das kuriose Staatsoberhaupt. Die Besucher jubeln. Die Rock‘n’Roll-Musik der Tanzveranstaltung im Nebensaal übertönt die Präsidentin bei ihren Ausführungen immer wieder. In Kreksi’s Schwagerwirtschaft in der Linzer Lunzerstraße ist um 19 Uhr kaum ein Sitzplatz frei.

Erwin K. (Name geändert) ist zum ersten Mal dabei. Vollbart, krauses Haar, Übergewicht. "Es gab da immer viel, das ich nicht verstanden habe", sagt er. Deshalb begann er sich selbst im Internet zu informieren. Schließlich stieß er auf eine Verschwörungstheorie, die sein Leben verändern sollte. Die Erde ist, davon ist K. inzwischen überzeugt, eine Scheibe.

Mehr als sieben Millionen Videos, die sich mit der flachen Erde befassen, lassen sich im Internet finden. "Dort wird alles ganz logisch erklärt. Da kommst du schon ins Grübeln. Sie wollen uns einreden, dass wir nichts wert sind", sagt er. Wer "Sie" genau sind, vermag K. nicht zu konkretisieren. Die da oben. Die Eliten. Die Korrupten. "Sie" haben viele Namen. Leichtgläubige wie K. sind die Zielgruppe der Staatsverweigerer. Jemand, der die Erdkrümmung leugnet, ist auch dafür zu haben, dem Staat jedwede Legitimation abzusprechen. Derart skurrile Theorien wie jene der flachen Erde sind, das sei der Fairness halber betont, selbst in den Kreisen der Staatsleugner eine Seltenheit.

Journalisten sind beim Staatenbund keine willkommenen Gäste. "Die Massenmedien sind dazu da, um das Volk zu verblöden", stellt Unger klar. Der Applaus lässt keinen Zweifel, dass die Besucher das mehrheitlich ebenso sehen.

Das Landesamt für Verfassungsschutz hat seit Jahren ein Auge auf die Szene, auch an diesem Abend hat sich ein Beamter in Zivil unter die Gäste gemischt und protokolliert. "Was diese Menschen betreiben, ist staatszersetzendes Verhalten", sagt Verfassungsschutz-Chef Michael Tischlinger (siehe Interview rechts). 300 Menschen bilden "den harten Kern" der Gruppierung in Oberösterreich. Österreichweit schätzen die Behörden ihre Zahl auf etwa 900 bis 1000.

Von dieser "lächerlichen Propaganda der Polizei" lässt Unger sich freilich nicht vom Weg in das "goldenes Zeitalter" abbringen. Die Präsidentin weiß genau: "Wir sind inzwischen Hunderttausende."

Alles andere sind "Fake News".

 

3 Fragen an ... Michael Tischlinger, Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz

Seine Beamten beobachten die Szene bereits seit Jahren.

1. Mehr als 200 Gäste kommen, wenn der Staatenbund einlädt. Ein Grund zur Sorge?

Nein. Wir gehen sogar eher davon aus, dass der Staatenbund bereits auf dem absteigenden Ast ist. Es kommen viele Leute, die sich das einmal ansehen wollen, weil es halt kurios ist. Von den Neuen bleiben aber nur die allerwenigsten dort hängen. Der harte Kern sind in Oberösterreich etwa 300 Menschen.

2. Der Staatenbund verkauft Ausweise und Phantasiekennzeichen für Autos zu stolzen Preisen. Fällt das nicht unter Betrug?

Diese Dinge zu verkaufen, ist nicht strafbar. Das Autokennzeichen, das sie verkaufen, ist im Grunde ein lustiges Pickerl mit einem Herzerl drauf. Wenn ein Autolenker mit einem solchen Kennzeichen erwischt wird, gibt es aber eine Anzeige.

3. Wie intensiv werden die Staatsleugner vom Verfassungsschutz überwacht?

Kollegen protokollieren die Veranstaltungen und schicken Berichte an die Staatsanwaltschaft.

 

Messianismus

Ethnologe Christian Kreil beobachtet die Szene der Staatsverweigerer seit längerem. Er sagt, die Anführerin des „Staatenbundes“ habe „deutlich messianistische Züge“.
Darin stecke auch die Gefahr: „Der Messias wird nicht kommen, der Staatenbund wird keine einzige Erwartung erfüllen können. Die Enttäuschten und Wütenden könnten irgendwann die Dinge selbst in die Hand nehmen“, sagt Kreil.
Bei aller „Mütterlichkeit der Frau Unger“ dürfe man nicht vergessen, dass „sie einen kleinbürgerlichen Faschismus propagiert, der auf Irrationalität mit spirituellen und esoterischen Einzügen setzt und auf eine angebliche Ohnmacht gegen eine völlig entrückte, unnahbare Elite“.

 

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Artikel Philipp Hirsch 11. Februar 2017 - 00:05 Uhr
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