23. Mai 2015 - 00:05 Uhr · Jasmin Bürger · Oberösterreich

„Wir haben die Freiheit für verrückte Dinge“

"Geld für die Wissenschaft und nicht für Tunnel oder Löcher in Banken"

Josef Penninger im Interview Bild: VOLKER WEIHBOLD

Aus Gurten im Innviertel stammt einer der renommiertesten Forscher des Landes: Josef Penninger flirtete mit dem Absprung nach Berlin, bleibt nun aber doch in Wien und ist der Entschlüsselung der Gene auf der Spur.

Die Frisur erinnert an Albert Einstein. Auch Josef Penningers Zugang zur Wissenschaft hält dem Vergleich mit dem Physik-Nobelpreisträger stand: „Wir haben die Freiheit, verrückte Dinge zu tun“, sagt der Direktor des Instituts für molekulare Biotechnologie (IMBA) über seine Arbeit.

Nur so kann Forschung „radikal Neues hervorbringen“, ist der Genetiker sicher. Und weil das in Wien möglich ist, hat er zuletzt das Angebot eines bekannten Berliner Forschungsinstituts ausgeschlagen.

Radikales ist dem Innviertler, der „untersucht, wie Gene bei Gesundheit und Krankheit funktionieren“, schon gelungen: Er hat ein Protein – RANKL – isoliert, das Osteoporose verursacht. Ein Medikament, das darauf basiert, ist bereits auf dem Markt. Nun will Penninger die Entstehung von Brustkrebs entschlüsseln und einen genetischen Weg zur Verhinderung finden. Dem US-Verteidigungsministerium war das schon 7,4 Millionen Dollar wert.

Zu den „Verrücktheiten“ zählt ein Herz-Projekt: „Wir wollen herausfinden, ob man Herzen reparieren kann.“ Die Erfolgschancen sind vage: „Fünf Prozent unserer Arbeit führen zum Erfolg.“ Nur wenn man mit „Leidenschaft“ Forscher sei, lasse sich Frustration vermeiden.

Penninger Lab: Gepflegtes Chaos

20 Wissenschafter hat seine Forschergruppe. Das „Penninger Lab“ am IMBA – Arbeitssprache ist Englisch – wirkt chaotisch: Überall Notizzettel, Pipetten, Flaschen, Boxen, dazwischen surren Maschinen. Auch auf Penningers Schreibtisch türmen sich Unterlagen. Wenn er spricht, rauft er sich oft die Haare, das erklärt das Chaos am Kopf.

Sein Flirt mit Berlin hat hohe Wellen geschlagen – Taktik für das Bonusgeld, mokieren manche in der Community. Penninger, der politisch durchaus gut vernetzt ist, sagt: „Es war kein taktisches Spiel“, dass das Angebot an die Öffentlichkeit gedrungen ist, sei ihm „unangenehm“. Mit dem Geld „stopfen wir unsere Löcher“, sagt er.

Für die „Champions League“, die er anpeilt, reicht es noch nicht: „Nur punktuell sind wir dort.“ Das sei wie im Fußball, erklärt der Hobbykicker, der unter anderen mit Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel spielt: „Wenn bei Bayern München die Hälfte ausfällt, spielen’s immer noch mit, weil sie groß genug sind.“

Gegen ein Life Science Center, losgelöst von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wie es sich Penninger wünscht, legt sich ÖAW-Präsident Anton Zeilinger quer.

Das Verhältnis der beiden Innviertler soll nicht das beste sein: „Er ist ein starker Charakter, ich auch, manchmal sind wir unterschiedlicher Meinung“, sagt Penninger, aber er schätze ihn sehr.
Umtriebig ist der Forscher bei der Einwerbung von Drittmitteln, Bedenken hat er nicht, „solange die Bedingungen stimmen“. Verträge, „die uns etwa verbieten, Forschungsergebnisse zu publizieren, sind ein No-Go“. Geschäftstüchtig ist er auch mit seiner Firma Apeiron Biologics, die derzeit ein Kinderkrebs-Medikament entwickelt.

Penningers Karriere war nicht vorgezeichnet: Die Mutter schickte ihn als einzigen der drei Söhne aufs humanistische Gymnasium in Ried. „Sie wollte selbst Lehrerin werden, das ist damals am Bauernhof aber nicht gegangen“. Er wollte Mathematik studieren. Bis zu jenem Tag in der achten Klasse: „Ich bin im Rieder Stadtpark g’sessen, die Sonne hat g’scheint, die Vögel haben g’sungen, und ich wollt’ die Welt retten.“ Oder zumindest die nähere Umgebung – Hausarzt war nun das Ziel. Am Ende des Medizinstudiums in Innsbruck entschied er sich für eine Doktorarbeit über Immunologie und setzte damit den ersten Schritt zur Forscherkarriere. Menschen zu helfen blieb als Ziel.

Schicksalsschlag in der Familie

Antrieb ist auch ein Schicksalsschlag: Die Mutter lag nach einem Schlaganfall fast neun Jahre im Wachkoma, vor zehn Jahren ist sie gestorben.

Den Vater – „er geht mit 88 noch dreimal in der Woche ins Wirtshaus“ – besucht der Gurtner oft. Daheim tankt er Kraft: „Hier liegt mein Herz. Wenn man viel unterwegs ist, verliert man sich auch in der Welt.“

1990 hatte es ihn nach Übersee verschlagen: „Ich habe mich in Paris in ein Mädl aus Kanada verschaut.“ In jugendlichem Übermut bewarb er sich um ein Schrödinger-Stipendium, das einen Platz am Ontario-Krebsinstitut sicherte. Die Beziehung floppte, die Karriere florierte.

Der junge Österreicher heimste bald erste Auszeichnungen ein. Dabei hätte eine Mäusephobie den Aufstieg fast verhindert: „Ein Jahr hab ich nur Molekularbiologie nachgelernt“, dann musste er sich den Labormäusen stellen: „Ich habe gewusst, ich muss sonst die Karriere aufgeben.“

Dazu kam es nicht, Penninger, der in Innsbruck an Hühnern experimentiert hatte, wurde 1999 Professor an der University of Toronto.

Auch die Liebe fand er in Kanada noch, bevor er 2002 für das IMBA nach Wien kam: 1997 heiratete er Liqin Zhang, die sich auf ihre heimatliche Chinesische Medizin spezialisiert hat. Drei Kinder hat das Paar: Gabriel, 17, ist in Kanada im Internat, die zwei Töchter (16, 13) leben mit der Familie in Hietzing.

Träumt er vom Nobelpreis? Er sagt „Nein“, wenn, dann sei IMBA-Co-Direktor Jürgen Knoblich, der „aus Stammzellen ein menschliches Gehirn gezogen hat, prädestiniert“. Selbstlosigkeit ist in der Forscherwelt unüblich. Der Wettstreit um Fördergeld und Publikationen „fördert soziales Denken nicht gerade“, gibt Penninger zu. In Harvard, heißt es, kommt es bisweilen gar zu Faustkämpfen. Der Boxsack in seinem Büro sei „nur für die eigene Gesundheit“, lacht der IMBA-Chef. Er folgt einem Rat von Nobelpreisträger Oliver Smithies: „Wenn man mit zehn Leuten über eine Idee redet, stehlen zwei diese Idee, aber acht geben einem eine bessere.“

In der Jugend spielte Penninger bei Union Gurten, kicken tut er auch heute noch gern, wie hier bei einem Jubiläumsspiel gegen SV Ried. (Bild: Furtner)

 

Nachgefragt...

Heimat ist für mich … 
... „wo mein Herz ist, im Innviertel.“

Heimweh nach Oberösterreich bekomme ich …
... „oft. Das Innviertel ist mein mystischer Platz, wo die Nebelschwaden einziehen, da fühle ich mich daheim, und gerade wenn man so viel in der Welt unterwegs ist, braucht man so einen Platz.“

Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich ...
... „der Most“

Mein Lieblingsplatz in Wien ...
... „Der Lainzer Tiergarten, wo ich abends gerne zwischen Wildschweinen meine Laufrunden drehe.“

Mostschädl oder Weana Bazi, das beschreibt mich eher...
... „Mit Stolz Mostschädl, ein oberösterreichischer Querkopf.“

 

 

29,8 Millionen Euro betrug 2014 das Budget des Instituts für molekulare Biotechnologie (IMBA), davon kommt die Hälfte von der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ein großer Teil auch von privaten Unternehmen. Für die nächsten fünf Jahre hat IMBA-Direktor Penninger ein Zusatzbudget von 22,5 Millionen Euro von der öffentlichen Hand herausgeholt.

418 Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitungen hat IMBA-Direktor Penninger bisher publiziert. Er war damit zweimal in den Top 10 der meist zitierten Wissenschafter weltweit.
Das am Rande des 3. Bezirks angesiedelte IMBA, das 2003 eröffnet wurde, hat mit 211 Mitarbeitern bisher 706 Arbeiten publiziert.

2014: Im Vorjahr wurde Penninger mit dem Wittgenstein-Preis, der als österreichischer Nobelpreis gilt, ausgezeichnet. Die Liste mit allen Auszeichnungen Penningers ist zwei Seiten lang.

 

 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Wir-haben-die-Freiheit-fuer-verrueckte-Dinge;art4,1813565
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