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Oberösterreich

"Wenn er ein neues Leben hat, dann will ich es nicht zerstören"

LINZ. Vor 17 Jahren verschwand Markus spurlos – Seine Mutter hat damit zu leben gelernt. Rund 150 Fälle vermisster Oberösterreicher liegen derzeit beim Landeskriminalamt.

"Wenn er ein neues Leben angenommen hat, dann will ich es nicht zerstören"

Markus Rohrhuber, ein halbes Jahr vor seinem Verschwinden. In einem Abschiedsbrief hat er seinen Neustart angekündigt. Bild: privat

Es ist Sonntagabend, 7. Mai 2000, als Brigitte Rohrhuber ihren Sohn Markus mit dem Auto zum Bahnhof bringt. Wie jedes Wochenende hat der 17-jährige Linzer das Wochenende bei seiner Mutter verbracht, danach soll es wieder ins Internat nach Hallstatt gehen. "Bis nächsten Freitag", sagt die damals 41-Jährige, wie sonst auch immer. "Nächstes Wochenende", sagt Markus aber diesmal, "komm ich nicht heim."

Der Linzer ist einer von rund 150 Oberösterreichern, die derzeit vermisst werden. Auch Gerhard B. gehörte seit Anfang dieser Woche dazu. Der 53-Jährige aus St. Agatha im Bezirk Grieskirchen war am vergangenen Montag ins Auto gestiegen und wollte zur Arbeit fahren. Angekommen ist er dort aber nie. Zwei Tage lang durchkämmten Suchtrupps die Umgebung, vorgestern meldete sich der Vermisste bei seiner Lebensgefährtin nach einer selbst gewählten "Auszeit" wieder zurück.

Kein Schnellschuss

Brigitte Rohrhuber hingegen wartet bis heute auf ein Lebenszeichen ihres Sohnes. Oder auch nicht mehr. Nach 17 Jahren hat die Linzerin längst akzeptiert, dass sich Markus für ein anderes Leben entschieden hat. Nach zehn Jahren des Bangens, der Mithilfe bei den Ermittlungen und zuletzt der intensiven Suche auf eigene Faust hat die Mutter dann eine für sie weitreichende Entscheidung gefällt, wie sie sagt: "Ich hab’ mich gefragt, was zählt mehr: mein Egoismus, dass ich wissen will, wo er ist und was er macht, oder sein Entschluss, sein Leben so zu gestalten, wie er es will." Brigitte Rohrhuber hat sich für Letzteres entschieden. Seither gehe es ihr wieder "sehr gut", wie sie sagt.

Auch deshalb, weil sie weiß, dass Markus’ Schritt trotz Problemen in der Schule kein kurzfristiger Schnellschuss gewesen ist, sondern er diesen bereits länger geplant hatte. In seinem Abschiedsbrief, den er im Internat hinterlassen hatte, hatte er seinen Neustart angekündigt. Seine Familie solle sich keine Sorgen machen, er würde sich schon durchschlagen, hieß es darin. Danach packte er ein paar Sachen sowie rund 1000 Schilling in einen kleinen Rucksack – den Pass ließ er zurück – und verließ am 11. Mai, einem Donnerstag, nach dem Frühstück das Internat. Danach verliert sich seine Spur. Welche Verkehrsmittel er benutzt hat, um von Hallstatt wegzukommen, ob er eine neue Identität angenommen hat, wissen nicht einmal die Ermittler.

Brigitte Rohrhuber geht sogar noch ein bisschen weiter, sie sagt: "Man kann nie sagen, was er mitgemacht hat, oder ob er überhaupt noch lebt." Sollte er morgen wieder vor ihrer Haustür stehen, würde sie ihn dennoch mit offenen Armen empfangen, sagt sie, räumt aber auch ein, dass das Zusammenleben vermutlich nicht so einfach wäre. "Es ist jetzt 17 Jahre her, wir wären Fremde füreinander."

Ungewissheit ist belastend

Thomas Löfler weiß, was Angehörige in einer derartigen Situation mitmachen. Seit dem Jahr 2005 ist er Vermisstenfahnder des Landeskriminalamts und hat seither unzählige Fälle bearbeitet. Die Ungewissheit sei das "Allerschlimmste, weil man nicht abschließen kann", sagt er.

Brigitte Rohrhuber ist das gelungen. Angehörigen von Abgängigen rät sie, "irgendwann so weit zu sein, es zu akzeptieren und sein eigenes Leben zu leben".

In zwei Jahren geht die Linzerin in Pension. Dann wird auch sie einen neuen Schritt in ihrem Leben setzen.

 

Vermisste in Oberösterreich

Rund 150 Fälle vermisster Oberösterreicher liegen derzeit beim Landeskriminalamt. Sieben Personen davon sind:

6.6. 2017 – Christine Schwarz: Die gebürtige Niederösterreicherin, die in Linz lebte, wurde zuletzt auf einem Wanderweg an der Grenze Bad Aussee-Obertraun gesehen. Eine Handypeilung verlief erfolglos, ihr Telefon ist ausgeschaltet.

 

12.9. 2015 – Andreas Leitner und Maximilian Baumgartner: Die beiden damals 27 Jahre alten Freunde aus Waxenberg bzw. Zwettl an der Rodl trafen sich am 11. September mit zwei Freunden, ehe sie sich in der Nacht in Baumgartners silbernen Citroen setzten und Richtung tschechische Grenze fuhren. Um 2.30 Uhr wurden der Kfz-Techniker und der gelernte Tischler bei Bad Leonfelden zuletzt gesehen. Seither fehlt jede Spur von ihnen, auch der Pkw ist verschollen.

 

12.8. 2009 – Karl Königseder: Der 65-jährige Pensionist, der zuletzt in der Schweiz wohnte, verbrachte seinen Urlaub in seiner Ferienwohnung in Unterach am Attersee. Um 22 Uhr wurde er als vermisst gemeldet, tags darauf wurde er noch mehrmals im Ort gesehen, seither ist er spurlos verschwunden.

60 Freiwillige und 25 Hunde auf der Suche nach vermisstem Schweizer

 

11.5. 2000 – Markus Rohrhuber: Der Internatsschüler aus Linz erschien nicht im Unterricht in Hallstatt, am Abend wurde sein Abschiedsbrief gefunden. Darin kündigte der 17-Jährige an, ein neues Leben anzufangen. Dann verliert sich seine Spur.

 

1991 – Roland Guttenbrunner: Der junge Mann verließ sein Zuhause in Freistadt und ist seither verschwunden. Ermittler gehen davon aus, dass er untergetaucht ist.

 

13.10. 1971 – Maria Varjai: Wegen schlechter Noten wollte die Steyrerin die Schule abbrechen und ins Kloster gehen. Die 16-Jährige geriet deswegen mit ihren Eltern, die ihr dies verbieten wollten, in Streit. Das Mädchen lief ohne Geld, Pass und Ersatzkleidung davon.

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Artikel Gerhild Niedoba 05. Oktober 2017 - 00:04 Uhr
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