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Oberösterreich

Von wegen integriert: Tschetschenen und ihre Parallelwelt

LINZ. Landespolizeidirektor Pilsl: "Sie leben komplett an uns vorbei"

Bild: (Reuters)

Oberösterreichs Integrationslandesrat Rudolf Anschober kündigte gestern ein Nachschärfen von Maßnahmen im Umgang mit Problemgruppen unter den Zuwanderern an. Betroffen davon sind vor allem die meisten in Österreich lebenden Tschetschenen. Die meisten von ihnen sprechen auch nach zehn Jahren in Österreich noch kein Wort Deutsch, sie leben in ihren eigenen Clans und sind schlecht in den Arbeitsmarkt integriert.

Landespolizeidirektor Andreas Pilsl. „Sie haben heute eigene Communitys, die völlig an uns vorbei leben.“ Die meisten von ihnen leben in Linz und in Umlandgemeinden im Süden der Landeshauptstadt.

Gewalt war für Tschetschenen durch den grausamen Bürgerkrieg zuhause allgegenwärtig. „Und diese Gewaltbereitschaft begleitet sie auch hier“, sagt Pilsl. Der Islam-Kenner Efgani Dönmez sagt, dass ein beträchtlicher Teil der 300 Österreicher, die sich dem sogenannten „Islamischen Staat“ anschlossen, aus Tschetschenien stammt. Bis zu 60 Prozent sollen es sein.

Auch in der türkischen Community gibt es Probleme. Beim türkischen Verfassungsreferendum stimmten 50 Prozent der Wahlberechtigten in Österreich mit, 73 Prozent von ihnen waren für den Abbau von Demokratie in ihrem Heimatland. Legt man die Wahlbeteiligung und den Prozentsatz auf Oberösterreich um, haben hier mehr als 4000 Türken eine „Ja“-Stimme abgegeben. „Das bestätigt, dass es auch bei schon länger hier lebenden Migrantengruppen noch Integrationsbedarf gibt“, sagt Landesrat Rudi Anschober (Grüne). Insgesamt leben laut Statistik Austria 25.000 türkischstämmige Menschen in Oberösterreich, davon haben 15.000 den türkischen Pass.

Auch andere Indikatoren weisen für Anschober darauf hin, dass es bei türkischen Zuwanderern Aufholbedarf gibt: So liegt die Erwerbsquote bei türkischstämmigen Frauen nur bei 42,3 Prozent, bei Österreicherinnen sind es 71,4 Prozent (siehe auch Grafik).



PDF Datei (1.56 MBytes.)

Deutschkurse für Frauen

Der Landesrat will diese Gruppen besser integrieren. Ziel sei es, türkischstämmige Frauen besser in den Arbeitsmarkt zu bringen. Ein Kernpunkt sind Deutschkurse, die mit Orientierungsschulungen gemischt werden sollen.

Vor allem Frauen, bei denen das Fehlen deutscher Sprachkenntnisse oft zu Ausgrenzung führe, sollen mit verschiedenen Angeboten gelockt werden. Im Projekt „Mama lernt Deutsch“ können Frauen beispielsweise im selben Gebäude, in dem ihre Kinder zur Schule gehen, in Gruppen von acht bis zehn Teilnehmern Deutschkurse mit Orientierungsschulungen besuchen. „Das wird super angenommen“, sagt Anschober. Auch die Kontrolle des neuen Islam-Gesetzes ist für Anschober ein Schlüssel. „Dabei geht es vor allem um die Finanzierung von Imamen.“

„Türken sind durch ihre Vereinsstruktur anders zu betrachten als Tschetschenen“, sagt Pilsl. Aber auch hier gebe es oft kein Interesse, am österreichischen Geschehen teilzunehmen. In der aktuellen Fluchtwelle sieht er bei Afghanen Integrationsbedarf. „Wenn nichts passiert, werden sie zu den zweiten Tschetschenen.“

Integrationsoffensive

  • Anschober will auch Zuwanderer, die schon vor Jahren nach Österreich gekommen sind, besser integrieren.
  • Zu den Maßnahmen zählen Deutschkurse, gezielte Qualifizierungs- und Bildungsarbeit, eine Werteorientierung zu Demokratie und der Gleichstellung von Mann und Frau, die effiziente Kontrolle des Islamgesetzes, Maßnahmen für das Aufbrechen von Parallelstrukturen und die Öffnung der Migrantenorganisationen und Vereine.
  • Anschober will künftig auch eine bessere Steuerung der Integrationsarbeit erreichen.

 

OÖN-Leitartikel vom 28. April

Blick auf die Realität: Wie Integration nicht klappt

von Markus Staudinger

Ihr Zuzug setzte Mitte der 90er Jahre ein: Tausende Tschetschenen kamen nach Österreich und suchten um Asyl an. In ihrem Land herrschte ein brutaler Krieg um die Unabhängigkeit von Russland. Auf beiden Seiten gab es massive Menschenrechtsverletzungen. Rund 4000 Menschen mit tschetschenischen Wurzeln leben laut Statistik Austria derzeit in Oberösterreich.

Schön wäre jetzt, rund 20 Jahre nach Einsetzen dieser Fluchtbewegung, zu berichten, dass die Integration im Großen und Ganzen gelungen ist. Das ist leider nicht der Fall.

Unter jenen, die aus Österreich nach Syrien ziehen, um dort für den IS zu kämpfen, stellen Tschetschenen die größte Gruppe. Sozialarbeiter, die in Linzer Jugendzentren mit tschetschenischen Jugendlichen gearbeitet haben, berichten von Polizeischutz, den sie auf dem Weg nach Hause gebraucht hätten. Irgendwann hatte man es übersehen: Integration funktioniert mit Fördern und Fordern. In den 90ern – der Zeit des FP-Ausländervolksbegehrens und des Lichtermeers als Gegenbewegung – geschah weder das eine noch das andere.

Für die einen war nahezu jeder Einwanderer einer zu viel und schuld an multiplen Problemen. Für die anderen war auch nur die Andeutung, dass nicht alle Mitbürger ausländischer Herkunft den Geist von Aufklärung und Demokratie in sich tragen, ein Ansatz rechtsradikalen Gedankenguts.

Die Realität ist aber nicht schwarz oder weiß – das gilt nicht nur, aber auch in der Zuwanderungsdebatte. Unruhe löste zuletzt aus, dass von den Türken, die in Österreich beim Verfassungsreferendum stimmberechtigt waren, 73 Prozent auf der Seite Erdogans waren. Eine Überraschung ist das nur für jene, die sich nicht näher mit Erdogans Netzwerk in Österreich auseinandergesetzt haben. Der Umkehrschluss, jetzt in jedem türkischstämmigen Österreicher einen Diktatorenfan zu sehen, ist freilich genauso falsch.

Teile der türkischen Gemeinschaft und insbesondere der Tschetschenen haben noch großen Integrationsbedarf. Das nachzuholen wird schwierig, das Land Oberösterreich startet den Versuch (Bericht Seite 24). Umso wichtiger bleibt es, das Augenmerk auf die Integration der Zuwanderer aus der jüngsten Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten zu richten.

Bedauerlich wäre es, müssten wir auch da in zwanzig Jahren die Bilanz ziehen: Schade, war wohl nichts.

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Artikel mini 28. April 2017 - 07:37 Uhr
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