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Oberösterreich

Über das Überleben des Gesamtsystems

Vor dem Start des "4. Biologicums Almtal" seziert Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal den Zugang von Mensch und Wolf zu Kooperation und Konkurrenz.

Über das Überleben des Gesamtsystems

Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal Bild: Brandstätter Verlag

Konkurrenz und Kooperation – sind beide Verhaltensweisen dem Menschen in die Wiege gelegt?

Kotrschal: Ja. Wobei Menschen nicht die ersten und einzigen Tiere auf der Welt sind, die miteinander kooperieren. Grundsätzlich gilt: Es wird kooperiert, wenn man gemeinsam mehr erreicht als alleine. Dann gibt es zwei Grundbedingungen: Die eine ist die Verwandtschaft. Kooperiert wird nach Maßgabe der genetischen Verwandtschaft. Das ist das Prinzip der inklusiven Fitness. Das zweite ist das Prinzip "tit for tat", also "ich tue für dich etwas, du tust für mich etwas".

Wie kamen das Miteinander und das Gegeneinander in die Welt?

Das Gegeneinander gab es immer schon. Interesse an derselben Ressource – und auch aneinander als mögliche Beute – existiert, seit es Tiere gibt, in verstärktem Ausmaß seit es Tiere mit echten Kiefern gibt, also seit 500 Millionen Jahren. Das Miteinander ergab sich evolutionär, als Vertreter von zwei Arten so aufeinander angewiesen waren. Ein Beispiel ist die den Marktgesetzen gehorchende Art der Kooperation von Putzerfischen im Riff und ihren Kunden.

Marktgesetze unter Fischen?

Beide haben etwas davon: Putzerfische bekommen von ihren Kunden Futter frei Haus geliefert, dafür verlieren die großen Fische ihre Parasiten. Aber so einfach ist das nicht. Denn die Putzerfische behandeln ihre Kundschaft unterschiedlich, abhängig davon, ob sie Lauf- oder Stammkundschaft und ob sie gefährlich oder harmlos sind. Einem Zackenbarsch zum Beispiel schwimmt man als Putzerfisch vorsichtig im Maul herum und behandelt ihn höflich, sonst wird man gefressen. Bei Laufkundschaften sind sie nicht sehr vornehm, sondern beißen mit den Parasiten ganze Stücke aus Haut und Flossen. Diese winzigen Fische mit ihrem noch winzigeren Hirn können hunderte Kunden auseinanderhalten und entsprechend behandeln.

Ein deprimierendes Sprichwort besagt, der Mensch sei des Menschen Wolf. Was sagt Wolfsforscher Kotrschal dazu?

Wölfe und Menschen kooperieren innerhalb der Gruppe gut. Aber sie kooperieren auch darin, andere umzubringen. Ein Großteil der freilebenden Wölfe stirbt durch die Nachbarn. In manchen Weltgegenden sterben Menschen noch heute ebenfalls durch ihre Nachbarn.

Was macht das soziale Umfeld aus, ob sich jemand für kooperatives oder konkurrierendes Verhalten entscheidet?

Sehr viel. Wenn wir gut sozialisiert sind, kooperieren wir nicht nur mit anderen Menschen, weil wir etwas davon haben, sondern einfach weil das Freude macht. Denken Sie an die vielen Leute auf dem Westbahnhof in Wien, die ankommende Flüchtlinge betreut haben. Das war die extremste Form von Kooperation: Ich helfe und bekomme nichts zurück – außer vielleicht eine schlechte Nachrede. Warum passiert das? Weil man sich als Mensch danach einfach gut fühlt. Geglückte Kooperation aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn.

Geht die Evolution grundsätzlich in Richtung Kooperation?

Nicht notwendigerweise. Wenn wir die für uns relevante Evolution mit der Entwicklung kiefertragender Fische beginnen lassen, haben wir jetzt gut 500 Millionen Jahre hinter uns. Damals gingen die Räuber-Beute-Beziehungen los. Bis ins Erdmittelalter herauf waren die Gehirne klein. Erst mit der Fürsorge für die eigenen Jungen unter Vögeln und Säugetieren entwickelte sich ein Gehirn, das die Basis dafür legte, was wir vertrauensvolle Kooperation nennen. Dazu kam das Zusammenschließen zu Gruppen gegenüber Raubfeinden. Spiegelneuronen sind entstanden, eine ganze biologische Werkzeugkiste, die später ein komplexes Sozialleben ermöglichte. Aber erst in den letzten 150 Millionen Jahren entstanden komplexe Kooperationssysteme auf Basis geistiger Leistungsfähigkeit.

Konkurrenz im Wirtschaftsleben soll beflügeln, aber kann das eine langfristige Strategie sein?

Man darf nie Konkurrenz gegen Kooperation ausspielen. Beides existiert und beides ist okay. Konkurrenz ist die Haupttriebfeder in der Evolution, in der Entstehung neuer Arten. Konkurrenz zwischen Unternehmen ist einer der wichtigsten Faktoren von Weiterentwicklung. Andererseits sind die meisten Interaktionen von Menschen in unserer Umgebung kooperativ. Es ist also vollkommen falsch zu sagen, Evolution funktioniere nur über Konkurrenz, über Klauen und Zähne. Auch Wirtschaft funktioniert so nicht. Das Beratergeschäft, in dem es um Teambildung geht, ist milliardenschwer. Und auch zwischen Wirtschaftseinheiten gibt es Kooperationen – durch Einsicht und auch durch Zwang.

Neigen Männer eher zur Konkurrenz?

Wirtschaftswissenschafter haben sich eine Situation angesehen, in denen Männer – potenzielle Konkurrenten – über etwas verhandeln. Daraus wird schnell ein Hahnenkampf. In einem Experiment wurde die Vertrauensbereitschaft manipuliert, indem man den Verhandlern das Bindungs- und Vertrauenshormon Oxytocin gab. Und siehe da: Es wurde plötzlich vertrauensvoller verhandelt.

Für das Überleben von Mensch und Biosphäre im "weltweiten Dorf" gebe es keine Alternative zur Kooperation, schreiben Sie im Biologicum-Folder …

… klar. Wenn jede Familie, jede Firma, jeder Staat nur die Optimierung der eigenen Interessen verfolgt, rasen wir ungebremst den Abhang hinunter. Danach schaut es ja aus. Das Zwei-Grad-Ziel in der Klimaschutzpolitik ist bereits gekippt, wir hätten vor 20 Jahren anfangen müssen, CO2 zu reduzieren. Und heute noch werden wirtschaftliche und staatliche Interessen über das Überleben des Gesamtsystems gestellt.

Wie lässt sich das erklären?

Das Aggressionssystem ist stärker und älter als jene Systeme, die hinter vertrauensvoller Kooperation stecken. Diese sind wesentlich fragiler und schwieriger zu trainieren. Zum Beispiel brauche ich von Kindern unter acht Jahren nicht zu erwarten, dass sie Mobbing als schlecht ansehen. Um diese aggressiven Mechanismen zu überwinden, braucht man eine geistige Reife, die Kinder erst mit zehn, zwölf Jahren erreichen, manche erst postpubertär und manche überhaupt nicht. Die negativen Mechanismen haben wir viel stärker drauf als jene, die nötig sind, um vertrauensvoll zu kooperieren. Die Zukunft hängt davon ab, ob Kooperation auf differenzierter Basis funktioniert, und damit von den Bildungssystemen – und zwar weltweit. Es muss extrem auf Bildung gesetzt werden, nur dann bekommen wir das Problem der Bevölkerungsexplosion und des weltweiten Ausgleichs der Interessen in den Griff. Daran hängt alles.

Ist es notwendig, dem Wirtschaftssystem Kapitalismus ein Mehr an Zusammenarbeit einzubauen?

Natürlich bedarf es eines Mehr an Zusammenarbeit. Aber das ist immer kontextabhängig. Kapitalismus begünstigt weder Konkurrenz noch Kooperation. Jeder Kapitalist, der seine drei Sinne beieinander hat, wird unter Umständen erkennen, dass eine Kooperation mit bestimmten Leuten oder in bestimmten Situationen günstiger ist als Konkurrenz. Und am besten kooperiert man mit Menschen in stabilen, wertvollen Langzeitsituationen. Es gibt zum Beispiel keine stabile Wirtschaftsbeziehung zu chinesischen Partnern, wenn man nicht immens viel in die Vertrauensbasis vorinvestiert. Eine nachhaltige Kooperation ist keine, in der man heute übers Haxl gehaut wird und sich morgen ausmacht, zusammenzuarbeiten. So geht es nicht.

 

Zur Person: Kurt Kotrschal (64) studierte Biologie in Salzburg, unterrichtete dort, an der University of Colorado Denver (USA) und am Departement für Verhaltensbiologie an der Uni Wien. Seit 1990 leitet der gebürtige
Linzer die Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. 2008 hat Kotrschal das Wolf Science Center in Ernstbrunn mitbegründet. Zahlreiche Sachbuchveröffentlichungen.

 

Zum Symposium: "Miteinander. Gegeneinander. Das Prinzip Kooperation", lautet der Titel des heurigen „Biologicum Almtal“ in Grünau im Almtal. Die wissenschaftlichen Erlebnistage für Jedermann, initiiert von Kurt Kotrschal, bestreiten von 5. bis 8. Oktober renommierte Universitätsprofessoren aus Biologie, Ökonomie und Psychologie. Nähere Informationen: www.biologicum-almtal.at

 

 

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Artikel Von Klaus Buttinger 26. August 2017 - 00:04 Uhr
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