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Oberösterreich

Linzer Jugend-Psychiater Merl kritisiert Life Ball Plakat

LINZ/WIEN. Scharfe Kritik übt der Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kinderklinik Linz am diesjährigen Life Ball Plakat: "Kinder und Jugendliche könnten Schaden nehmen - Plakate sollen verschwinden"

Life Ball Plakat

Life Ball-Organisator Gery Keszler mit dem umstrittenen Life-Ball-Poster Bild: APA

Mit einem offenen Brief hat sich der bekannte Kinder- und Jugendpsychiater Primarius Michael J. Merl direkt an den Veranstalter des Life Balls gewandt. Das Sujet des diesjährigen Plakates mache ihn betroffen und nachdenklich, schreibt der Mediziner an Organisator Gery Keszler.

"Jugendliche könnten Schaden nehmen"

Wie berichtet zeigt das umstrittene Plakat das Transgender-Model Carmen Carrera vollkommen hüllenlos - sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Geschlechtsteilen. Solche Bilder gehören nicht in die Öffentlichkeit und sind respektlos, meint Merl. "Viele Kinder und Jugendliche haben durch ihre Lebenserfahrung nicht die Distanz und Reflexionsfähigkeit, um mit derart expliziter Kunst umzugehen. Sie würden definitiv Schaden nehmen.", schreibt er. Entblößung in der Öffentlichkeit könne man nicht mit Toleranz gleichsetzen. Er fordert, dass die Bilder "im Sinne eines achtsamen und toleranten Umgangs miteinander" aus dem Straßenbild verschwinden.

"Toleranz nicht auf Sexualität reduzieren"

Gery Keszler sagt über das Plakat: "In dem Bild geht es nicht um Sexualität, wie man auf den ersten Blick vermuten würde. Es geht um Identität und darum, dass es für die menschliche Würde und gegenseitigen Respekt keine Grenzen gibt". Merl warnt davor, Toleranz auf die Freiheit der sexuellen Orientierung zu reduzieren. Außerdem täten sich viele Jugendliche, die bei ihm in Behandlung sind, schwer, zwischen Liebe und Sex zu unterscheiden und die Grenzen der Intimität einzuhalten. Solche Sujets verstärken dieses Problem.  

Ein neues Haus zum Gesundwerden für Kinder

Dr. Michael Merl

Das Plakatsujet hat in den vergangenen Tagen großen Wirbel ausgelöst. In sozialen Netzwerken setzen sich Promis, Privatpersonen und Organisationen für einen Stopp der Kampagne ein. Die Facebookseite "Stoppt die Life Ball-Plakate" hat binnen 50 Stunden mehr 1.500 Gefällt-Mir-Angaben bekommen. Eine entsprechende Onlinepetition hatte am Samstagabend rund 12.000 digitale Unterzeichnungen. 

 

Der Brief im Wortlaut: 

S.g. Hr. Keszler !

Das Plakatsujet des Lifeball 2014 macht mich betroffen und nachdenklich. Als Kinder- und Jugendpsychiater habe ich täglich mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die die Grenzen der Intimität nicht kennen und die oft nicht verstehen, was der Unterschied zwischen Sexualität ohne Liebe und Sexualität in einer Liebesbeziehung ist. 

Das Sich-Entblößen vor anderen ist Teil dieses Nichterkennens von Grenzen. Viele Kinder, Jugendliche und ich denke auch Erwachsene leiden darunter, dass andere diese Grenzen des Schamgefühls oder der Intimität nicht respektieren. 

Täglich arbeiten meine MitarbeiterInnen und ich daran, das jungen Menschen zu vermitteln oder wieder herzustellen, was zerstört wurde. Dieses Plakat ist respektlos v.a. den Schwächsten der Gesellschaft gegenüber. Durch Conchita Wursts Triumph haben wir gehört, dass Toleranz dort endet, wo jemand anderer Schaden nimmt oder nehmen könnte. 

Viele Kinder und Jugendliche haben durch ihre Lebenserfahrung nicht die Distanz und Reflexionsfähigkeit, um mit derart expliziter Kunst umzugehen. Sie würden definitiv Schaden nehmen. Die Entblößung vor anderen in der Öffentlichkeit als Instrument einer falsch verstandenen Toleranz darf nicht die notwendige Achtsamkeit im gesellschaftlichen Umgang außer Kraft setzen. Und Toleranz darf nicht auf die Freiheit der sexuellen Orientierung reduziert werden. 

Toleranz brauchen unsere Kinder und besonders die, die es nicht so gut im Leben hatten. Toleranz brauchen auch kranke, verzweifelte Menschen, was immer auch ihr Unglück verursacht haben mag. Im Sinne eines achtsamen und toleranten Umgangs miteinander sollte das Plakat aus dem Straßenbild verschwinden!

Prim. Dr. Michael J. Merl
Abt. f. Kinder- u. Jugendpsychiatrie Landes-Frauen- u. Kinderklinik Linz

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Artikel nachrichten.at (jup) 17. Mai 2014 - 18:18 Uhr
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