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Oberösterreich

„In der Empfehlung steht nichts von einem Abriss“

Innenminister Wolfgang Sobotka (VP) sagt, er folge mit seinem Vorstoß nach einem Abriss von Hitler Geburtshaus der Empfehlung der Expertenkommission. Das weisen Kommissionsmitglieder wie der Braunauer Bürgermeister Hannes Waidbacher (VP) im OÖN-Gespräch zurück.

Sobotka: "Das Hitler-Haus wird abgerissen"

Bild: Reuters

Der Innenminister hatte seine Präferenz für die Zukunft von Adolf Hitlers Geburtshaus in Braunau schon frühzeitig bekanntgegeben: "Ein Abriss wäre die sauberste Lösung", sagte Wolfgang Sobotka (VP) Anfang Juni.

Da erklärten das seine Mitarbeiter noch zur "persönlichen Meinung" des Ministers und verwiesen auf jene dreizehnköpfige Expertenkommission, deren Empfehlung man abwarten wolle.

Seit gestern steht für den Innenminister fest: "Das Hitler-Haus wird abgerissen", wie er gegenüber der Zeitung "Die Presse" sagt. Sobotka beruft sich dabei auf eine Empfehlung der Expertenkommission, die er vor wenigen Tagen erhalten habe.

Kein Wort von Abriss

"In der Empfehlung steht nichts von einem Abriss", sagt der Braunauer Bürgermeister Hannes Waidbacher (VP), Mitglied der Kommission. Was die Kommission tatsächlich empfiehlt, ist "eine tiefgreifende architektonische Umgestaltung", die den "Wiedererkennungswert und die Symbolkraft des Gebäudes dauerhaft unterbinden" soll. Zugleich warnen die Experten vor einer Leerfläche an der Stelle des derzeitigen Gebäudes. Dies könnte "eine Leugnung der österreichischen Geschichte implizieren".

Im Innenministerium interpretiert man das offenbar als Aufforderung zu Abriss und Neubau. "Die Kellerplatte kann bleiben, aber es wird ein neues Gebäude errichtet. Das Haus wird dann entweder einer karitativen oder einer behördlichen Nutzung durch die Gemeinde zugeführt", sagt Sobotka.

Unter Historikern umstritten

Umstritten ist ein Abriss unter Historikern. Einer ist der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der ebenfalls in der Kommission saß. Er sagte noch im Sommer, man müsse das Gebäude zwar "vom Nimbus des Geburtshauses Hitlers wegführen", ein Abriss sei aber "keine Option. Das hätten die Amerikaner 1945 machen müssen. Heute geht das nicht mehr." Gestern war Rathkolb nicht erreichbar.

Cornelia Sulzbacher, die Leiterin des oberösterreichischen Landesarchivs, zeigte sich im OÖN-Gespräch überrascht von der Abriss-Interpretation des Innenministers. "Wir haben empfohlen, das Geburtshaus in seinem Aussehen so zu verändern, dass es nicht mehr als Symbol verwendet werden kann und zu keiner Pilgerstätte wird", sagt Kommissionsmitglied Sulzbacher. Wenn Innenminister Sobotka daraus einen Abriss ableite, stehe ihm das frei. Wichtig sei ihr eine karitative oder administrative Nutzung des Gebäudes, sagt Sulzbacher.

In der Kommission saß auch Oberösterreichs Landespolizeidirektor Andreas Pilsl. "Das Gebäude muss das Gesicht verlieren, damit man es nicht wiedererkennen kann", sagt er im OÖN-Gespräch, "Es muss etwas Triviales sein, schlicht und unbedeutend." Die Entscheidung der Kommission lasse viele Varianten offen, darunter auch den Abriss. Er sei froh, dass sie so gefallen sei, sagt Pilsl. Eine museale Nutzung wäre falsch gewesen. Davon rät die Kommission in ihrer Empfehlung auch ab.

Zuerst muss noch die Enteignung und Entschädigung der derzeitigen Besitzerin des Hauses im Nationalrat beschlossen werden.

Heute, Dienstag, ist zunächst der Innenausschuss des Nationalrats damit befasst. Mit Inkrafttreten des Gesetzes können weitere Schritte folgen – einen Zeitplan hat man im Innenministerium derzeit nicht. Mit einem Abriss ist vor Anfang 2017 aber nicht zu rechnen.

Bei etlichen Braunauern kommen die Pläne des Innenministers nicht sonderlich gut an. "Ein Abbruch löscht die Geschichte nicht", sagte beispielsweise Ingo Engel, der Obmann des Stadtvereins Braunau. 

Ein Haus mit langer Geschichte - auch vor Hitlers Geburt

Ein Haus mit langer Geschichte - auch vor Hitlers Geburt

„Salzburger Vorstadt 15“ - im Haus mit dieser Braunauer Adresse wurde 1889 der spätere Diktator Adolf Hitler geboren. Die Geschichte verbindet das einstige Gasthaus, in dem sich auch Mietwohnungen befanden, nicht lange mit Adolf Hitler. Wenige Wochen nach dessen Geburt zog die Zollbeamten-Familie Hitler in Braunau um. Drei Jahre später übersiedelte die Familie Hitler nach Passau.

Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 kaufte der Hitler-Vertraute Martin Bormann im Auftrag der NSDAP das Gebäude zum Vierfachen des Verkehrswertes und richtete dort ein „Kulturzentrum“ ein. Nach Ende des Krieges ging das Gebäude ins Eigentum der Republik über, die es 1952 wieder an die ursprüngliche Eigentümerfamilie verkaufte.

Gleichzeitig wurde es vom Innenministerium angemietet und hatte danach verschiedene Verwendungen – Stadtbücherei, Schule, Tagesheimstätte für Behinderte.

Zuletzt verweigerte die derzeitige Besitzerin beharrlich Adaptierungen. Das Innenministerium ließ das Gebäude leer stehen, überwies der Besitzerin aber monatlich rund 5000 Euro Miete. Heuer wurde schließlich die Enteignung auf den Weg gebracht.

Unter Denkmalschutz

Die Geschichte des Hauses reicht lange vor Hitlers Geburt zurück. Erbaut wurden die außerhalb der Stadtmauern gelegenen „Vorstadt-Häuser im 16. Jahrhundert. Im frühen 19. Jahrhundert wurde das spätere Geburtshaus Hitlers im Biedermeier-Stil renoviert. Das Ensemble steht – wie die gesamte Altstadt Braunaus – unter Denkmalschutz.

Die Baugeschichte der Salzburger Vorstadt reicht noch länger zurück. Gebaut wurde dort schon im 14. Jahrhundert, weil viele Handwerker in die wirtschaftlich blühende Stadt zogen. Nach der Zerstörung während der Erbfolgekriege wurde Anfang des 16. Jahrhunderts wieder gebaut – in Stein statt Holz.

 

 

Reaktionen

  • "Der Innenminister soll bitte kommen und sich die denkmalgeschützte Innenstadt ansehen. Abreißen löst das Problem auch nicht." - Christine Baccili, Tourismusverband und Nachbarin
  • "Aus denkmalpflegerischer Sicht ist das ein völliges Unding. Das ist total überzogen. Der Satz ist schon oft gefallen, ich muss ihn wiederholen: Abbruch löscht Geschichte nicht." - Ingo Engel, Obmann Stadtverein Braunau
  • "In der Empfehlung steht nichts von einem Abriss. Über die Nachnutzung muss sich jetzt die Stadtpolitik Gedanken machen." - Hannes Waidbacher, VP-Bürgermeister von Braunau
  • "Es beeinträchtigt das Stadtbild, wenn man ein altes Haus, das unter Denkmalschutz steht, abreißen würde." - Christian Hofer, Gastronom, „InnWirtler“ Braunau
  • "Jede sinnvolle Nachnutzung ist besser als die jahrelange Nichtnutzung. Wir gehen verantwortungsbewusst mit Geschichte um." - Georg Wojak, Bezirkshauptmann Braunau

 

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Artikel (mst/win/rasch/rokl) 18. Oktober 2016 - 00:04 Uhr
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