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Oberösterreich

Im Kremstal schlägt ein Herz aus Kunststoff

KIRCHDORF. In Österreich sind 1,7 Prozent der Arbeitnehmer in der Kunststoffwirtschaft tätig. In Oberösterreich sind es fünf, im Bezirk Kirchdorf sind es 14 Prozent.

Im Kremstal schlägt ein Herz aus Kunststoff

Qualifizierte Mitarbeiter als Erfolgsbasis im Plastik-Valley Bild: Greiner

Wer mit dem Auto oder dem Zug das Kremstal aufwärtsfährt, passiert ab Kremsmünster eine Kunststofffabrik nach der anderen. Bis nach Micheldorf hinein sind rund zwei Dutzend Firmen aufgereiht, vom kleinen technischen Dienstleister bis zum Milliardenkonzern Greiner. Sie haben aus dem Kremstal im Laufe von 50 Jahren das Plastik-Valley gemacht. Ausgerechnet eine Region, die eine jahrhundertealte Tradition der Hammerherren mit ihrer Eisenwarenerzeugung hat.

Am Anfang stand die Firma Greiner, die bereits seit 1899 in Kremsmünster Korkstopfen erzeugte. Weil der Naturrohstoff Kork von den Lieferländern nach dem Zweiten Weltkrieg mit hohen Exportzöllen belegt wurde, stieg die Familie 1959 auf Kunststoff um. Den zweiten Anstoß, dass im Kremstal der neue Werkstoff einzog, gab der Trauner Brillenerzeuger Anger.

Wilhelm Anger gründete 1962 in Kirchdorf eine Fabrik. Sein Bruder Anton, ein genialer Erfinder, hatte eine „konische Doppelschnecke“ entwickelt, die die Endlosproduktion von Kunststoffprofilen ermöglichte. Das war der Start dafür, dass ganze Industriezweige weltweit auf den Rohstoff aus Erdölderivaten umstellten. Holz, Stahl und keramische Rohstoffe hatten einen übermächtigen Konkurrenten erhalten. Es sollte nicht die letzte Innovation sein, denn bald rüstete Wilhelm Anger die halbe Welt mit Fertigungsstraßen aus.

So nebenbei bildeten die Angers eine Menge junger, begabter Facharbeiter und Techniker heran, die sich selbstständig machten und den Bezirk mit einem Netz an Fabriken überzogen.

Das Plastik Valley war also ein Werk der Tüftler und mutigen Unternehmensgründer. Einer der Pioniere war Siegfried Politsch, der bei Anger als Lehrling begonnen hatte und gleich drei Firmen gründete, teils mit Partnern: Austro-, Techno- und Uniplast. Er verkaufte zwei an den Greiner-Konzern. „Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit in die richtige Branche zu kommen. Aber mir hat die Finanzkraft gefehlt“, so Politsch.

Er rührte weltweit um: „Wir haben 1983 in China als Erste Kunststofffabriken zur Fenstererzeugung verkauft. Sechs komplette Fabriken – die ganze Industrie hat gestaunt“, erinnert sich der Techniker an die Höhenflüge. Seine Technoplast, die er mit Josef Haidlmair in Micheldorf übernommen hatte, feierte große Erfolge. Heute gehört sie zu HTI.

Leitbetrieb Greiner

Zum Leitbetrieb des Plastik Valley entwickelte sich die Greiner-Gruppe, die bereits 1956 mit Spritzguss die Erzeugung von Verpackungen gestartet hatte – der Grundstein für die erfolgreiche Packaging-Sparte. Im Kremstal waren also beide erfolgsträchtigen Methoden etabliert. Beim Spritzguss wird der Rohstoff erhitzt, plastifiziert und in ein Werkzeug (in eine Form) gespritzt. Es entstehen fertige Teile, die in allen Wirtschaftsbereichen angewendet werden, nicht nur für Verpackungen.

Bei der Extrusion hingegen wird der Rohstoff von einer Schneckenpresse (Extruder) durch speziell geformte Düsen gepresst. Es entstehen in einem Endlosprozess Profile (zum Beispiel für den Fensterbau), Platten, Bodenbeläge, Rohre und vieles mehr. Viele Kunststoffarten wie etwa PVC, Polyethylen, Polypropylen sind einsetzbar.

Bald wurden im Kremstal Skibindungen und Surfbretter gebaut, und so manche Krise und Pleite war und ist zu durchtauchen. „Wir sind im harten internationalen Wettbewerb, mit unserer Innovationskraft und Qualität bestehen wir aber“, sagt Friedrich Kastner, der Geschäftsführer von IFW Otte und Sprecher der Unternehmer im Kunststoffcluster Oberösterreich.

Dieser Cluster steht heute als Entwicklungsknoten für 250 Firmen im ganzen Land mit 7,6 Milliarden Euro Jahresumsatz. Es gibt auch in anderen Landesteilen mächtige Unternehmen wie den Flugzeugteile-Erzeuger FACC im Innviertel oder Engel in Schwertberg, den Weltmarktführer bei Spritzgießmaschinen.

Das Herz aus Kunststoff schlägt aber im Bezirk Kirchdorf. „Dort wird die gesamte Wertschöpfungskette abgedeckt, vom Rohstoffhersteller über Maschinenbau, Werkzeug- und Formenbau über Recycling bis zum Endprodukt“, sagt Cluster-Manager Christian Altmann.

Die Chance: hohe Effizienz

Eine Erfolgsposition seien die guten Mitarbeiter. Firmen kooperieren, bieten eine Facharbeiterausbildung mit Lehre, haben mit der KTLA eine höhere technische Lehrausbildung geschaffen. Werkzeugbauer, Kunststofftechniker, Formgeber, Produktions- und CNC-Techniker werden ausgebildet.

Spannend sei die wachsende Konkurrenz aufsteigender Firmen aus China und Indien, sagt Kastner: „Wir sind gefordert. Mit modernen, intelligenten Produkten können wir aber punkten.“ Ein Erfolgshebel seien effiziente Verfahren und umweltfreundliche Produkte. „Wir arbeiten ständig an Verbesserungen, etwa nachhaltigen Verpackungslösungen wie neue Becher“, sagt Axel Kühner, Vorstandschef der Greiner-Holding. Mit dem Ölpreis sind die Rohstoffkosten im Kunststoffgeschäft massiv gestiegen; wer hier sparen hilft, hat Chancen.

Altmeister Siegfried Politsch ist seit 2009 mit neuer Firma wieder dabei, mit Kunststoffmaschinen, die gegenüber herkömmlicher Technik 80 bis 90 Prozent Energie sparen. „Wir haben gerade zehn Extrusionslinien um 2,5 Millionen Euro in die Türkei verkauft. Außerdem dürfen wir 30 Linien modernisieren.“ Im Plastik-Valley schlägt also noch immer ein starkes Herz.

3000 Mitarbeiter in rund einem Dutzend Firmen zählt das Plastik-Valley. Dazu kommt ein Dutzend kleinerer Firmen, die zuliefern oder technische Dienstleistungen erbringen.

Das Plastikvalley und seine Exponenten

Big Player in der Branche sind die Kremsmünsterer Greiner Gruppe mit Greiner Bio One, Tool Tec und Packaging, die TCG Unitech in Kirchdorf und Agru in Bad Hall. Weitere starke Spieler sind Haidlmair in Nußbach, Aluplast in Wartberg an der Krems, IFW Otte und High Tech Extrusion in Micheldorf, Mould & Matic sowie Topf Tooling in Kirchdorf.

Kunststoffpioniere: Mit ihnen überstand das Kremstal sogar die Eumig-Pleite vor dreißig Jahren. Diese Pioniere waren Siegfried Politsch, heute Ried/Tr., Josef Haidlmair, Nußbach, Manfred Otte und Siegfried Topf in Kirchdorf/Micheldorf, Siegfried Gruber in Pettenbach.

 

Einzigartig: Manager über die Dichte und Stärke der Kunststoffwirtschaft im Kremstal

„Allein im Kremstal beschäftigt Greiner 1500 Mitarbeiter. Im weltweiten Wettbewerb können wir mit gut ausgebildeten Fachkräften und einem umfassenden Know-How punkten.“

Axel Kühner, Vorstandsvorsitzender Greiner AG

„Unsere Unternehmen stehen international im Wettbewerb. Wir sind gefordert von großen Firmen, besonders aus China und Indien. Mit Innovationen und Qualität schaffen wir das.“

Friedrich Kastner,Sprecher des Kunststoffcluster OÖ

„Im Kremstal ist die Dichte an Kunststofffirmen einzigartig. Es sind im internationalen Vergleich kleine Unternehmen, aber sie sind hoch spezialisiert und bedienen jeder für sich Nischen.“

Christian Altmann, Manager Kunststoffcluster OÖ

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Artikel Josef Lehner 07. April 2012 - 00:04 Uhr
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