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Oberösterreich

Heinz Engl: Vom Mathematik-Missionar zum Uni-Chef

Mit 28 war Heinz Engl schon Uni-Professor für Industriemathematik, eine Fachrichtung, für die er Wegbereiter war. Heute macht er sich als Manager an Österreichs größter Hochschule, der Hauptuni Wien, verdient.

Vom Mathematik-Missionar zum Uni-Chef

Feierliche Inauguration: 2011 übergab Georg Winckler die Rektorskette an Heinz Engl. Bild: APA

Man muss schon sehr weit in die Geschichtsbücher der Alma Mater Rudolphina zurückblicken, um Vergleichbares zu finden: "Ich bin seit ungefähr 500 Jahren der erste Rektor, der nicht zuvor schon hier Professor war", sagt Heinz Engl. In seinen Worten schwingt mehr trockener Humor als Koketterie mit.

Dabei war der Aufstieg des gebürtigen Linzer Mathematikers an der mit 650 Jahren ältesten und größten Hochschule des Landes schon außergewöhnlich. 2007 holte ihn Rektor Georg Winckler als Vizerektor für Forschung nach Wien, 2011 wurde Engl zu seinem Nachfolger gewählt. Der Zuag’raste hatte sich trotz durchaus vorhandener Bedenken in den ansässigen akademischen Zirkeln auf dem Wiener Parkett bewährt. Heuer wurde er in seine zweite Amtszeit gewählt.

Der Rektor ist verantwortlich für 9700 Mitarbeiter, davon fast drei Viertel wissenschaftliches Personal – das macht die Uni nach Gemeinde und Stadtschulrat zum drittgrößten Arbeitgeber in Wien.

Engls Job ist der eines Managers: strategische Ausrichtung, Professoren-Bestellung, Forschungsschwerpunkte und heuer die Jubiläumsfeiern, die der Uni einen Werbewert von elf Millionen Euro brachten. Die Geschicke führt Engl von seinem Büro im ersten Stock mit Ring-Blick aus. Sein großer schwarzer Schreibtisch wirkt in dem prunkvollen Raum fast verloren. "Mir fällt das gar nicht mehr auf", sagt er über das opulente Flair, das sich auch im Festsaal des 1884 eröffneten Hauptgebäudes findet.

Die Fassade täuscht, die Uni ist mit ihrem Jahresbudget von rund 500 Millionen Euro "wie alle in Österreich unterfinanziert", sagt Engl. Das Budget für die nächsten Jahre ist "im Rahmen", große Sprünge sind nicht möglich, trotzdem "sind wir in einigen Bereichen in der Forschung Weltklasse". Engls Ziel: Das halten und "vernünftige Studienbedingungen anbieten". Nicht bewerben will sich der 62-Jährige um den ab 2016 vakanten Chefposten in der Universitätenkonferenz: "Meine Uni ist herausfordernd genug."

Vom Forscher zum Manager

Herausforderungen suchte Engl auch in der Mathematik. Spaß an Zahlen entwickelte der in Linz-Dornach aufgewachsene einzige Sohn eines Richters und einer Hausfrau relativ spät, in der Oberstufe. Motiviert von seinem Lehrer am BG Khevenhüllerstraße, errang der Maturant 1971 eine Medaille bei der Mathematik-Olympiade. Nur sechs Jahre später, mit 24, promovierte Engl an der Kepler-Uni sub auspiciis, also mit lauter Einsern. Nebenbei engagierte er sich als Studienrichtungsvertreter, "aber nicht parteipolitisch, das hat mich nie interessiert". Vier Jahre und mehrere Aufenthalte an US-Unis später war Engl Professor – mit 28 der damals jüngste Österreichs und der erste für Industriemathematik.

Mathematik ist für ihn Leidenschaft: "Wenn sie einen interessiert, fasziniert sie so, dass einen mathematische Probleme nicht mehr loslassen. Man denkt dauernd darüber nach, da kommt die Lösung auch einmal beim Spazierengehen."

Dieses Interesse habe ihn zum schnellen Lernen beflügelt, "Wunderkind" will er nicht sein. Und versäumt "habe ich in der Schul- und Studienzeit nichts, da gab es genug anderes", fügt er verschmitzt hinzu. Auch eine Hobby-Band: Neben Engl am Klavier war mit Bruno Buchberger an der Klarinette eine zweite Mathematik-Koryphäe in der Dixieland-Kombo. "Wir waren nicht sehr professionell, aber es hat Spaß gemacht", sagt Engl.

In der anwendungsorientierten Mathematik war er Pionier: "Es war in den 80ern eine missionarische Tätigkeit, den Leuten in der Industrie zu erklären, dass ihnen hochgestochene Mathematik etwas bringt", erzählt Engl. Heute ist sie bei Simulation und Optimierung industrieller Prozesse Standard.

Hilfe leistete einst Reinhold Mitterlehner. Der Wissenschaftsminister war damals in Linz in der Wirtschaftskammer, er rührte für Engls junge Mathematiker-Garde die Werbetrommel. Bei den Unibudgetverhandlungen hebt das zwar die Stimmung, nicht aber die Mittel.

2003, an seinem 50. Geburtstag, gründete Engl das heute renommierte Johan Radon Institute for Computational and Applied Mathematics (RICAM). Seither ist Engl Mitglied der Akademie der Wissenschaften, seit 2013 in der "Academia Europaea".

Ergebnisse von Engls Arbeit finden sich auch in der Autoindustrie. Der Gründer des Grazer Auto-Softwarelieferanten AVL, Hans List, meinte einst, jedes Auto sollte den Stempel "mathematics inside" tragen – "Engl inside" trifft es auch.

2007 krönte der Pioneer Prize, höchste Auszeichnung für angewandte Mathematik, die wissenschaftliche Karriere. Dass der Ruf nach Wien in diesem Jahr erfolgte, ist wohl kein Zufall. Managementerfahrung hat Engl als RICAM-Direktor und Dekan an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät gesammelt. Gescheitert ist ein erster Rektorsanlauf: 1999 unterlag er in Linz Rudolf Ardelt.

Privates Glück brachte ein Gastlektorat in Klagenfurt: Dort lernte Engl seine Frau Rosa kennen, seit 1980 ist das Paar verheiratet. Stolz ist der Vater auf Elisabeth und Magdalena (29 und 27). Die eine macht gerade einen PhD in London, die andere ist Ärztin und auch in Wien.

Die Engls leben seit 2007 im zweiten Bezirk in einer Wohnung mit Blick über den Augarten. "Wien ist eine tolle Stadt", bereut er den Umzug nicht, "obwohl ich aus Linz sogar öfter nach Wien zu Konzerten und Theater gekommen bin als jetzt". Seine Eltern in Linz besucht Engl regelmäßig: "Sie sind 91 und 89 und gehen jeden Tag ins Café Traxlmayr." Im Sommer ist er oft in der Kärntner Heimat seiner Frau, das Haus am Keutschacher See firmiert uniintern als "Rektorat Süd".

Mit 66 Jahren

Bis 2019 läuft Engls Amtszeit. Welches Leben fängt dann, mit 66 Jahren an? "Das Leben, das meiner Frau am besten gefällt, das private", lacht Engl. Wobei er hofft, zwischen Reisen und Relaxen "vielleicht Zeit zu finden, ein Buch zu schreiben". Zurück zu den Wurzeln, also.

 

Nachgefragt ...

Heimweh nach Oberösterreich bekomme ich … wenn ich zum Beispiel ans Mühlviertel oder an Gmunden denke.
Das fehlt mir in Wien aus Oberösterreich … schnell am Land zu sein und der Most.
Mein Lieblingsplatz in Wien ... der Musikverein
Der größte Unterschied zwischen Wienern und Oberösterreichern ... die Mentalität, obwohl ich das früher selbst nicht glauben wollte. In Oberösterreich ist man direkter.

 

1365 legt Herzog Rudolf IV. mit der Stiftungsurkunde für die Alma Mater Rudolphina den Grundstein für das österreichische Hochschulwesen. 650 Jahre später studieren 93.000 Studenten, davon 4000 aus Oberösterreich, an der Hauptuni. 19 Fakultäten bieten 180 Studienrichtungen.

Neun Nobelpreisträger hat die Uni Wien aus Forschung oder Lehre hervorgebracht, darunter Psychiater Julius Wagner-Jauregg (gebürtig aus Wels) und Biologe Konrad Lorenz. Dessen Arbeiten zur Verhaltensforschung waren Grundstein für die Forschungsstelle in Grünau/Almtal, die die Uni heute noch betreibt.

2007 wurde Heinz Engl als erster und bisher einziger Österreicher mit dem Pioneer Prize des International Consortium for Industrial and Applied Mathematics (ICIAM) ausgezeichnet.

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Artikel Jasmin Bürger 31. Oktober 2015 - 00:04 Uhr
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