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Oberösterreich

Heime: „Arbeitszwang bis in 70er-Jahre“

LINZ. Auch in Oberösterreich mussten Heimzöglinge arbeiten: nicht versichert, ohne Entgelt.

Heime: „Arbeitszwang bis in 70er-Jahre“

Baracken des Heimes in Linz-Wegscheid wurden von Zöglingen erweitert.  Bild: OÖN

Kinder in Heimen der Landes-Jugendfürsorge, die zwischen den 50er- und 70er-Jahren Arbeiten verrichteten, ohne Bezahlung und ohne Pensionsversicherungsschutz: Dieses Phänomen dürfte es nicht nur in Tirol gegeben haben, wo es Vorwürfe von Kinderarbeit gegen den Kristallkonzern Swarovksi gab. „Auch in Oberösterreich gab es Formen von Arbeitszwang, der gesetzlich erst zur Gänze in den 70er-Jahren aus dem System der Jugendfürsorgepraxis verschwand“, sagt der Linzer Historiker und Universitätsprofessor Michael John.

Es sei belegbar, dass Heimzöglinge ab den frühen 50er-Jahren „wirklich harte Arbeiten“ verrichten mussten. Den Begriff „Zwangsarbeit“ er wegen seiner eindeutigen Konnotierung mit der Nazi-Zeit aber nicht anwenden, sagt John. Besonders betraf das Arbeiten Zöglinge des Heimes in Linz-Wegscheid. „Das Heim bestand anfangs nur aus Baracken und wurde mit den Händen der Zöglinge umfassend zu- und umgebaut. Es gibt die Rede des damaligen Heimleiters aus dem Jahr 1962, in der betont wird, dass bei der Errichtung eine Million Schilling gespart wurde durch die Arbeit der Zöglinge“, sagt John. Auch in anderen Heimen mussten Jugendliche ohne Entschädigung bzw. ohne versichert zu sein, arbeiten. „Das waren keine Einzelfälle, es war aber auch kein genereller Zustand.“ Daher könne man nicht sagen, ob es sich um einige Hundert oder einige Tausend solcher Fälle gehandelt habe. So habe es auch Heimzöglinge gegeben, die als Lehrlinge Auftragsarbeiten verrichteten und dafür bezahlt wurden.

Bei der Opferschutzkommission des Landes, die vor allem Missbrauchsvorwürfe in Heimen aufarbeitet, melden sich laufend Ex-Zöglinge, weil ihnen für ihre Pension Versicherungsmonate fehlen. „Wo es möglich ist, kaufen wir bei den Sozialversicherungen fehlende Pensionszeiten nach“, sagt Antonia Licka, Chefin des Amts der Landesregierung.

Bisher sei dies in 14 Fällen geschehen. Doch sobald Ex-Zöglinge bereits in Pension seien, sei ein Nachkauf gesetzlich nicht möglich. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) müsste eine Reform herbeiführen. Doch im Sozialministerium trat man bisher auf die Bremse. Eine Erweiterung der Leistungen sei „in Zeiten der Einsparungen nicht möglich“, heißt es in einem Schreiben an die Bundesländer.

 

„Wir mussten Matratzen in Handarbeit fertigen“

STEYR. Der aus Steyr stammende Eduard Dormayr (67) kam mit 12 Jahren in oberösterreichische Erziehungsheime, ab 14 Jahren musste er schon schwere körperliche Arbeiten verrichten. Dafür hat er heute keinen Pensionsanspruch.

OÖN: Wie begann Ihre Laufbahn als Heimzögling?
Eduard Dormayr: Als ich zwei Jahre alt war, wollte meine Mutter meinen gerade zur Welt gekommenen Bruder erschlagen, dafür erhielt sie sechs Jahre schweren Kerker. Bis ich zwölf war, lebten wir beim Vater. Der hat sich aber dann das Leben genommen. So kamen mein Bruder und ich in die Jugendfürsorge: erst Leonstein, dann Gleink, dann Wegscheid. Dabei wurden mein Bruder und ich leider getrennt untergebracht.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Zwangsarbeit gemacht?
In Gleink musste ich Schlamm aus Wassergräben schaufeln, die sich rund um den Sportplatz befanden. Das war eine qualvolle und harte Arbeit für mich, weil ich sehr schmächtig war. Mit 16, 17 kam ich nach Wegscheid. Dort wurdest du gemustert, zu welcher Arbeit du taugst. Ich kam in die heimeigene Polsterei und half mit, in Handarbeit dreiteilige Matratzen zu fertigen. Die wurden verkauft, ich war bei einer Auslieferung nach Freistadt dabei. Ich habe dafür weder Geld bekommen, noch war ich versichert.

Wie ging Ihr Leben nach dem Heim weiter?
Ich ging nach dem Heer mit 20 nach München und baute mir eine Karriere als selbstständiger Unternehmensberater auf. In Deutschland krieg’ ich 200 Euro Rente, in Österreich nichts, obwohl mir nur ein paar Monate fehlen würden. Gott sei Dank bin ich noch fit und gesund und kann noch arbeiten.

 

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Artikel Robert Stammler 29. August 2012 - 00:04 Uhr
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