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Oberösterreich

Gefangen zwischen zwei Welten

Sie ist Pakistani und Österreicherin und sie ist in Sarleinsbach aufgewachsen: Sabatina James. Weil sie mit den Traditionen ihres Geburtslandes brach, wird sie mit dem Tod bedroht. Weil sie heimlich vom Islam zum Christentum konvertierte, sich der Zwangsheirat widersetzte, lebt die 28-Jährige auf der Flucht. Die OÖNachrichten haben mit ihr gesprochen.

Sabatina James

Sabatina James wird von Islamisten bedroht. Bild: privat

OÖN: 1600 Tote, 17 Millionen Menschen heimatlos. Was empfinden Sie, wenn Sie die aktuellen Pakistan-Bilder sehen?

James: Es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich sehe, dass fast alle Menschen, die ich 2008 in der Provinz Sindh getroffen habe, alles verloren haben und vor dem Nichts stehen. Noch mehr schmerzt es aber, wenn Leute in Europa einen politischen Grund brauchen, um Menschen in der Not zu helfen. Im Westen glaubt man, dass alle Pakistaner Taliban sind. Das stimmt nicht. Aber wenn wir Pakistan jetzt alleine lassen, werden die Taliban an Macht zunehmen. Und das wäre sogar für Europa bedrohlich, denn Pakistan ist Atommacht.

OÖN: Wie stark ist Ihre Verbindung zu Pakistan heute noch?

James: In Pakistan habe ich meine Wurzeln, und dort ist ein großer Teil meiner Familie. Ich sehne mich oft danach, nach Pakistan zu fliegen, aber zurzeit ist es viel zu gefährlich, und meine Familie dort würde mich mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso ablehnen.

OÖN: „Ich bin Österreicherin“ haben Sie in Ihrem Buch geschrieben. Empfinden Sie das noch immer so? Was ist Sabatina James heute?

James: Heute bin ich Europäerin und eine Frau zwischen den Welten.

OÖN: Wann haben/mussten Sie Österreich verlassen und warum?

James: Es war 2004. Ich hatte bei Zeichen der Zeit, einem Projekt von Xavier Naidoo, ein paar Zeilen mitsingen dürfen. Daraufhin nahm mich ein Musikmanagement unter Vertrag, und dafür musste ich nach Deutschland ziehen. Jetzt habe ich einige Songs aufgenommen, darf aber nicht auftreten, weil mein Opferschutzprogramm mir mitgeteilt hat, dass sie mich bei den Konzert-Auftritten nicht schützen können.

OÖN: Gibt es noch Verbindungen zu Oberösterreich oder nur noch Erinnerungen?

James: Ja, ich habe ein paar Freunde in Linz und mit denen bin ich ab und zu noch in Kontakt.

OÖN: Welche sind Ihre stärksten Erinnerungen an Sarleinsbach, an Linz?

James: Sarleinsbach habe ich fast paradiesisch in Erinnerung, weil das kleine Dorf in Oberösterreich mir den österreichischen Akzent beigebracht hat. Ich habe immer noch Hochachtung vor meinen Lehrern und meinen Nachbarn, die sich so sehr um mich gekümmert haben. Außerdem war damals noch kein Zeichen von Ehre oder Zwangsheirat in meinem Leben.

OÖN: „Die Bedrohung sitzt in meinem Kopf, ist so massiv, dass sie mich am Leben hindert“, schreiben Sie unter anderem in Ihrem Buch. Angst/Flucht/Bedrohung – wie sehr ist all das noch immer präsent?

James: Ich habe seit fast zehn Jahren keinen Kontakt zu meiner Familie. Damals haben mich meine Elten bedroht. Heute kommt diese Bedrohung noch mehr von Islamisten, die es nicht ertragen können, dass ich Missstände im Islam aufdecke. Und Allahs Wort darf bekanntlich nicht hinterfragt werden.

OÖN: Wie sieht das Leben der Sabatina James heute aus?

James: Heute helfe ich anderen Mädchen, die vor der Zwangsheirat flüchten wollen und hatte oft genug schlimme Droh-E-Mails an meine Organisation Sabatina e.V. Aber ich lasse mich weder von Islamisten noch von Vätern, die ihre 14-jährigen Töchter zwangsverheiraten, einschüchtern.

OÖN: Haben die Drohungen je aufgehört?

James: Jetzt sind es eher Beschimpfungen seitens meines Bruders, weil er sich gekränkt fühlt, dass ich meine Geschichte in den Talkshows erzähle. Aber es ist nicht nur meine Geschichte, sondern das Schicksal von über 60 Millionen minderjährigen Mädchen, die in einer Zwangsehe leben. Meine Botschaft an meinen Bruder ist: Ich kämpfe weder gegen ihn noch gegen den Rest meiner Familie, ich kämpfe für die Freiheit der islamischen Frauen.

OÖN: Wie oft sind Sie mittlerweile umgezogen? Wann zuletzt?

James: Zirka 16 Mal. Das letzte Mal vor einem Monat.

OÖN: Ist die Angst jemals weg?

James: Ich lasse mich nicht von der Angst bestimmen, aber immer dann, wenn ich mich an einem Ort unsicher fühle, ziehe ich weiter!

OÖN: Warum der Name James?

James: Er stammt von einer christlichen, pakistanischen Familie, die mich wie eine Tochter sieht.

OÖN: Sie führen ein Leben nicht nur zwischen zwei Kulturen, sondern auch zwischen zwei Extremen (einerseits sehr geheim, andererseits durchaus auch ein öffentliches Leben mit TV-Auftritten usw.).

James: Das Leben vieler islamischer Frauen läuft unter dem Motto: Unterwerfen, das Leid ertragen und darüber schweigen, ansonsten droht der Tod oder der Ausschluss von Familie und Gesellschaft. Die Öffentlichkeit muss erfahren, dass tausende islamische Frauen wie Sklaven in unserer Gesellschaft leben, und vor allem will ich durch meine Geschichte andere Mädchen ermutigen, denselben Schritt zur Freiheit zu wagen. Das könnte zwar mein Leben kosten, aber ich glaube, meine Zeit steht in den Händen Gottes.

OÖN: Haben Sie es manchmal nicht einfach satt, auf der Flucht zu sein, oder gewöhnt man sich irgendwann sogar daran?

James: Manchmal macht es mich sehr wütend, dass ich nicht einmal alleine joggen gehen kann. Dass ich bei fast jedem Auftritt Personenschutz brauche und vor allem, dass ich einige Träume nicht leben kann. Singen zum Beispiel. Ich wollte immer Sängerin oder Schauspielerin werden.

OÖN: Was vermissen Sie in Ihrem Leben am meisten?

James: Meine Familie.

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Artikel Von Roswitha Fitzinger 11. September 2010 - 00:04 Uhr
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