16. September 2017 - 00:04 Uhr · Roman Sandgruber · Oberösterreich

Flohzirkus

Flohzirkus

Bild: dpa

Das 20. Jahrhundert hat den Floh entzaubert. Wir kennen ihn nur noch vom Flohmarkt und in Redewendungen wie "jemandem einen Floh ins Ohr setzen" oder "einen Sack voller Flöhe hüten".

Oder man besucht den Flohzirkus am Münchner Oktoberfest, wo Flöhe winzige Kutschen ziehen und kleine Bälle ins Tor schießen. Aber eigentlich sind es gar keine Flöhe, sondern Flöhinnen. Denn die männlichen Exemplare taugen nicht für den Zirkus.

Die alte Welt war voller Flöhe. Die Strohsäcke, auf denen man schlief, begünstigten diese Biester. Generell war es die fehlende Hygiene, die diese lästigen Gesellen zu ständigen Begleitern des Menschen machte. Es war nicht einfach, sie fernzuhalten, solange moderne Bekämpfungsmittel und Sauberkeitsstandards fehlten. Flöhe können nicht fliegen. Aber ihre Sprungkraft ist riesig. Am beweglichsten sind sie, wenn es feucht und heiß ist. In der Kälte erstarren sie und überdauern auch sehr tiefe Temperaturen.

Meist hausten sie in den Wohnungen der Armen. Doch auch die Oberschichten waren nicht dagegen gefeit. "Es war einmal ein König, der hatte einen großen Floh", singt Mephisto in Auerbachs Keller. Und Heinrich Heine wurde auf seiner Italienreise untertags von der Sonne gebraten und des Nachts von den Flöhen verzehrt. Flöhe können nicht nur lästig sein, sondern auch Seuchen verbreiten. Die Übertragung der gefürchteten Beulenpest war ihr Werk.

Charles Rothschild, der von 1918 bis 1923 den Londoner Zweig des berühmten Bankhauses leitete, war nicht nur der wichtigste Bankier, sondern auch der größte Flohexperte seiner Zeit. Auf einer Flohsammel-Forschungsreise in den Karpaten hatte er 1907 die Ungarin Rózsika von Wertheimstein kennengelernt und spontan in Wien geheiratet. Seine Flohsammlung auf Schloss Ashton Wold umfasste mehr als 30.000 Exemplare. Weltweit sammelte und kaufte er Flöhe – aber nicht aus blinder Sammelwut, sondern aus ernsthaftem wissenschaftlichen Interesse. Er bestimmte und katalogisierte alle seine Flöhe selbst und erforschte den Übertragungsmechanismus der Beulenpest, die von Rattenflöhen verbreitet wird.

In unserer heutigen Zivilisation ist der Floh ziemlich selten geworden. Dafür ist die ganze Welt zu einem einzigen riesigen Flohzirkus und Flohmarkt geworden. Wie der Flohmarkt zu seinem Namen kam, ist wahrscheinlich einfach erklärt. Es waren die Flöhe. Und diese gab es nicht nur auf den deutschen Altwarenmärkten, sondern auch auf den englischen "flea markets" und den französischen "marchés aux puces". Aber keine Angst! Die Wahrscheinlichkeit, sich auf unseren Flohmärkten heutzutage einen Floh zu holen, ist sehr gering.

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Flohzirkus;art4,2677866
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