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Oberösterreich

Der Unterschied bereichert uns

Demokratisch, liberal, sozial: Mit der Anwerbung des Bonner Philosophie- und Ethikprofessors Michael Fuchs kommt die Katholische Privatuniversität Linz aus der Ecke des Dogmatismus. Über die Wahl, ungerechtes Wirtschaften, Frieden und die Medizin sprach der Bioethiker mit Klaus Buttinger.

Der Unterschied bereichert uns

Kommt aus Bonn: Michael Fuchs, nunmehr Universitätsprofessor für Praktische Philosophie und Ethik an der Katholischen Privatuniversität Linz Bild:

OÖNachrichten: Haben Sie das Wahlergebnis in Oberösterreich mitbekommen? Ein starker Rechtsruck. Ein Argument für oder gegen Ihre Übersiedelung von Bonn hierher?

Ich sehe das Ergebnis mit Skepsis und bin nicht froh darüber. Aber das sind Veränderungen, die auch in anderen Teilen Österreichs drohen, auch in Deutschland. Darin drücken sich Ängste gegenüber Fremden aus – unbegründete Ängste, wie ich meine. Ich hoffe, dass sich eine gesellschaftliche Diskussion entwickelt, die solche Tendenzen in eine andere Richtung verändern kann.

Die Wählerinnen und Wähler haben offensichtlich auf die Flüchtlingskrise reagiert. Wie lässt sich diese Reaktion philosophisch einordnen?

Philosophen haben sich immer dafür interessiert, dass Menschen verschieden sind. Zum Teil haben sie die Verschiedenheit der Menschen und den Unterschied der Kulturen als Quelle der Bereicherung angesehen. Umgekehrt gab es auch immer die Sorge, dass man das Eigene in Frage stellen oder mit Gewohnheiten brechen muss. Ich glaube, dass Reflexion solche Ängste sichtbar machen und bewältigen helfen kann.

Sehen Sie hier einen Handlungsauftrag der praktischen Philosophie, deren Vertreter sie ja sind?

Es wäre ein Handlungsauftrag, mit solchen Einstellungen umzugehen, gemeinsam mit den Sozialwissenschaften. Zunächst müsste empirisch erhoben werden, was denn tatsächlich die Gründe für dieses Verhalten sind. Danach kann man Schwächen in den Begründungen erkennen und aufklären. Mit der Aufklärung kann man dann sozusagen therapeutisch wirken.

Inwieweit ist in unserem Kulturkreis die Angst vor Fremden deckungsgleich mit der Angst vor Muslimen?

Die muslimische Religion zählt zu jenen Religionen, die aus Sicht der christlichen Bevölkerung ein wenig intransparent sind. Denn wir wissen nicht, warum es im Islam so viele verschiedene Einstellungen gibt. Wir wissen auch nicht genau, ob es innerhalb dieser Religion Gründe dafür gibt, dass es immer wieder zu Gewaltbereitschaft und Fundamentalismen kommt. Eine genauere Betrachtung des Islam zeigt, dass er in diesen Hinsichten nicht zwingend anders ist als das Christentum. Aber er ist ein kompliziertes Geflecht, das für Außenstehende schwer zu überblicken ist. In der Tat ist es so, dass die Zuordnung zum Islam die Empfindung der Kommenden als fremd verschärfen kann.

Wie katholisch sind Sie?

Ich bin katholisch erzogen worden, ich habe katholische Theologie studiert, ich bin ganz und gar katholisch. Für mich war aber stets klar, dass mein akademischer Ort eher in der Philosophie als in der Theologie liegen würde.

Wo ordnen Sie sich ein zwischen den Polen Opus Dei und Befreiungstheologie?

Ich gehöre dem demokratisch, liberal und sozial eingestellten Katholizismus an. Ich bin weit entfernt vom Opus Dei. Mit der Befreiungstheologie habe ich mich sehr wohl auseinandergesetzt, als das eine starke Strömung war, einfach anschließen würde ich mich ihr aber nicht.

Welche drei ethischen Probleme sehen Sie als die drängendsten unserer Zeit?

Wirtschaft, Frieden und die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft und der Technik.

Wirtschaft zuvorderst?

Das wirtschaftliche Handeln muss ethisch und politisch-philosophisch bewertet werden, ob es gerecht und angemessen ist. Nach welchen Kriterien verteilen wir Erträge und Positionen? Wir müssen in unserer Gesellschaft darauf achten, dass alle die Chance haben, ein menschenwürdiges Leben zu leben. Ich glaube, dass die Schere zwischen Arm und Reich in einer Art und Weise auseinandergegangen ist, die nicht unbedingt gut ist.

Damit hängt auch das Thema Frieden zusammen, oder?

Ja, zum einen mit der ungleichen Verteilung der Güter auf der Welt, zum anderen mit den wiederentstehenden Blöcken und dem Phänomen der terroristischen Gruppen wie des IS. Nach der Auflösung des Eisernen Vorhangs gab es lange das Gefühl, wir hätten eine dauerhafte, friedliche Weltsituation. Nun ist sie in Gefahr – auch durch erstarktes nationalistisches Machtdenken in Teilen der Welt.

Punkt drei: Müsste nicht die Bioethik im Informationszeitalter auf eine neue Weise betrachtet werden, insbesondere hinsichtlich der Gentechnik? Und wie steht es mit der Kirche?

Die Kirchen haben sich sehr stark im Embryonenschutz positioniert. Bei der Gentechnik, auch in Fragen des Eingriffs in die Keimbahn, waren die Meinungen unterschiedlich. Es gab sogar Positionen, wonach man den Eingriff in die Keimbahn erwägen sollte, wenn man dadurch die Tötung ungeborenen Lebens verhindern könnte. Trotzdem haben wir weltweit lange einen Konsens gehabt, dass man Keimbahneingriffe nicht machen sollte, während man somatische Gentherapie sehr wohl anwenden solle, wenn dies von der Risikoerwägung her als möglich erscheint.

Die Diskussion geht heute weit darüber hinaus. Genetiker diskutieren Leben aus dem Labor, aus dem DNA-Drucker etc. Wie schätzen Sie das ein?

Es werden viel mehr Vernetzungen und Verbindungen zwischen Computer und Organismen möglich, etwa die Einpflanzung von Computerchips ins Gehirn. Das sind schwierige Fragen, weil manche Szenarien so Sciencefiction-artig sind, dass es uns schwerfällt, das Gedankenexperiment zu führen. Andererseits müssen wir uns diese Mühe machen. Die Gesellschaft muss sich zu einer Zeit positionieren können, in der man noch gut die Möglichkeit hat, zu sagen, wir lenken die Forschung in eine andere Richtung oder ziehen rechtliche Verbote ein.

Fühlen Sie sich als Ethiker von der Forschungselite ausreichend informiert?

Ich kann nicht sagen, es gebe eine Institution, die mich laufend über alles informiert, was ich vielleicht gerne wissen würde oder sollte. Am besten funktioniert das, wenn man sich konkret zu einzelnen Forschungsprojekten zusammenfindet und auch Forscher einlädt, die dieses gesellschaftliche Interesse nachvollziehen können und sich auf ein Gespräch einlassen. Die informieren dann genau über Weichenstellungen, die anstehen. Allerdings ist Interdisziplinarität schnell gesagt, aber in der Praxis schwer umzusetzen. Es ist zeitaufwändig; man muss sich über sehr unterschiedliche wissenschaftliche Sprachstile hinweg finden.

Finden Sie, dass die Philosophie heutzutage abgehoben ist, im Elfenbeinturm sitzt?

Ja und nein. Wenn Philosophie gut gemacht ist, muss sie sich nicht kompliziert ausdrücken. Es lassen sich Sprachformen finden, die komplex sind, den Sachverhalten gerecht werden und dennoch sprachlich nachvollziehbar sind für Leute, die sich für die Sache interessieren. Ich beobachte in Bahnhofsbuchhandlungen immer mit Staunen, wie viele Zeitschriften da präsentiert werden, die sich mit Philosophie auseinandersetzen. Deshalb würde ich nicht unbedingt die Forderung stellen, wir müssten jetzt unbedingt aus dem Elfenbeinturm heraus, denn große Teile der Philosophie sind schon draußen.

 

Michael Fuchs

Neben theologischen Studiengängen bietet die umorganisierte Katholische Privatuniversität Linz (KU) ab dem heurigen Wintersemester in der neu aufgestellten Fakultät für Philosophie und Kunstwissenschaft zwei neue Masterstudiengänge an: Kunstwissenschaft und Philosophie. Schwerpunkt wird Praktische Philosophie und Ethik sein. Lehren wird sie Univ.-Prof. Michael Fuchs, der von der Universität Bonn kommt.

Der 58-Jährige wurde in Duisburg geboren und studierte in Bonn Philosophie, katholische Theologie, Germanistik sowie Erziehungswissenschaften. Von 1997 an war er Geschäftsführer des Instituts für Wissenschaft und Ethik. Hauptaugenmerk seiner Forschungen ist die Bioethik, die sich mit den Fragen des medizinischen, insbesondere des gentechnischen Fortschritts auseinandersetzt. Fuchs ist Experte für den Deutschen Bundestag zum Thema „Moralischer Dissens in der Bioethik“. Darüber hinaus bringt er seine Expertise im Europarat zum Thema „Ethical issues in emerging technologies“ ein.

Mit der neuen Medizin-Fakultät der Kepler-Uni soll es eine Kooperation geben, was ethische Fragen in der Medizin betrifft, hofft KU-Rektor Franz Gruber.

 

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Artikel 03. Oktober 2015 - 00:04 Uhr
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