11. April 2015 - 00:04 Uhr · Jasmin Bürger · Oberösterreich

Der Hausmeister der Nation

Burghauptmann Reinhold Sahl führt über die Dächer der Hofburg in die mehr als 50 Meter hohe Michaelerkuppel, die über der Nordfassade thront. Bild: (Johannes Zinner)

HAID/WIEN. Burghauptmann Reinhold Sahl verwaltet die historischen Gebäude der Republik, darunter die Hofburg in Wien. Ein Porträt des Oberösterreichers zum Auftakt der neuen OÖN-Serie über unsere Landsleute in der Bundeshauptstadt.

Einst hießen sie Burggrafen. Als Michael von Maidenau im Jahr 1434 unter Kaiser Friedrich III. zum ersten Verwalter der kaiserlichen Residenz ernannt wurde, gehörten Rüstung und Schwert noch zur Dienstausstattung.
Fast sechs Jahrhunderte und 120 Verwalter später sind Grafen Geschichte. Ein Säbel liegt aber auch bei Burghauptmann Reinhold Sahl auf dem antikem Holzschreibtisch seines Büros parat. Er ist freilich nur ein Zierstück: Ein Geschenk seines früheren Dienstgebers, sagt Sahl, der es in 28 Dienstjahren beim Militär bis zum Oberst brachte.

„Das ist mir fast passiert“, kokettiert er: Zunächst hatte er sich zum Freiwilligenjahr gemeldet, dann fand Sahl an der Militärakademie Gefallen am Heer. Als Ausbildner machte er nebenher noch das Jus-Studium an der Kepler-Uni in Linz. „Ich empfand die Organisation im Heer als positiv und wollte zwar Jus studieren, aber nie Anwalt werden.“ Er war unter anderem Mitglied der Heeres-Reformkommission und leitete in Hörsching die Intendanzabteilung, zuständig etwa für die Kasernenerhaltung.

Wissen statt Waffe und Uniform

2010 wechselte der in Haid bei Ansfelden geborene 53-Jährige die Seiten. Statt Waffe oder Uniform braucht er als „Erhalter des historischen Erbes“ – Sahl verwaltet mit 160 Mitarbeitern 65 historische Liegenschaften, zig Parkanlagen und mehrere hundert Denkmäler in ganz Österreich – viel Detailwissen über Architektur und Geschichte.

Das sprudelt aus ihm heraus, als er, leger-elegant in dunkler Hose und Cord-Sakko, die OÖNachrichten im Schweizerhof, dem ältesten Burgteil, zum Rundgang empfängt. Er zeigt den einzigen steinernen Fensterstock aus dem 13. Jahrhundert und einen der ältesten Brunnen Wiens, datiert mit 1552. Dazwischen grüßt Sahl jovial aus Innsbruck angereiste Mitarbeiter – auch die Hofburg dort verwaltet er. Mühelos könnte der Jurist mit Schmäh und Wissen den Fremdenführer für die Touristengruppen geben, die Richtung Schatzkammer oder Sisi-Museum vorbeiziehen.

Sehnsucht, Glorie, verbotene Orte

Mit „Sehnsucht, Glorie und verbotene Orte“ hätte er sogar ein an glanzvolle Kaiserzeiten erinnerndes Motto für Burg-Visiten im Kopf. Wobei sich Touristen mit Erzählungen von „verbotenen Orten“ – dunklen Kellergängen oder mehrstöckigen Holzdachböden – begnügen müssten. Hier hat sonst nur die hauseigene Feuerwache bei ihren täglichen Kontrollgängen Zutritt.

Für uns macht Sahl eine Ausnahme: Übers Dach führt er zur prunkvollen, 1888 fertiggestellten Michaelerkuppel, die über der Nordfassade thront. „Die Burg ist über die Jahrhunderte gewachsen, jeder Kaiser hat dazugebaut“, erzählt er.

Ist man durch die kleine Luke in die Kuppel geklettert, entfaltet der Ort fast etwas Mystisches: Nur als fernes Gemurmel sind Stimmen von unten zu hören, ein Gitter gibt den Blick in den Hof frei, nach oben verschwinden schmale Holzleitern mehr als 50 Meter ins Halbdunkel.

Kurioses in Kremsmünster

„Ausgezeichnet, im doppelten Sinn“, fühle er sich in seinem Beruf, sagt Sahl: „Die Arbeit am historischen Erbe ist ein Privileg.“ Die Hofburg ist sein größtes Objekt, das „Denkmal mitten in der Welt“, Ausgangspunkt der theresianischen Landvermessung im Stift Kremsmünster, das kurioseste.

Sahls wichtigste Aufgabe ist eine Gratwanderung: „Wir müssen Wahrung des Originalzustands und moderne Nutzung in Einklang bringen.“ Das bedeutet im Schnitt 400 Baustellen im Jahr, wenn die historische Substanz bröckelt. Dabei müssen Opern- oder Museumsbetrieb in altehrwürdigen Häusern, Kongresse oder Bälle in der Burg – 22 jedes Jahr – gewährleistet werden. Dazu Großveranstaltungen am Heldenplatz wie etwa der Marathon-Zieleinlauf diesen Sonntag.

Nicht so gern spricht Sahl über den viel kritisierten Akademikerball der FPÖ. Eine Veranstaltung einer anerkannten Partei könne man nicht verbieten, zuständig sei aber das Kongresszentrum als Vermieter, gibt er sich diplomatisch.

1000 Nutzer hat die Burghauptmannschaft als Vertragspartner. Nicht immer läuft alles reibungslos. Vor dem Augarten in Wien steht seit Jahren ein Protestcamp gegen die private Nutzung von Teilen des Barockgartens durch die Sängerknaben. Sahl nimmt es hin. Die Nutzer in der Burg, Nationalbibliothek oder Präsidentschaftskanzlei, sind da unumstritten.

Wie fühlt man sich als Hausherr des Bundespräsidenten? „Ich sehe mich nicht als Hausherr, eher als Hausmeister der Nation“, sagt Sahl.

Wie viele Glühbirnen jährlich in der Burg getauscht werden müssen? „Unendlich viele.“ Manche Räume haben über tausend, „wo es geht, stellen wir auf LED um“ – Energieeffizienz, auch das muss der Burghauptmann im Blick haben.

Wohnung in der Burg

Sein eigener Hausherr ist Sahl jedenfalls; er hat eine von 25 Wohnungen im Schweizertrakt gemietet: „45 Quadratmeter, zum marktüblichen Mietpreis.“

Heimat ist Wien trotzdem nicht, der Lebensmittelpunkt liegt in Neuhofen/Krems. Mit Ehefrau Ulrike, einer Logopädin, und drei Kindern – die Zwillinge Anna und Matthias sind elf, Elisa acht Jahre alt – hat Sahl 2008 ein Haus gebaut und ist von Ansfelden übersiedelt. Sohn Johannes kam 2010 auf die Welt, mit seiner Ulli feiert Sahl heuer 20-jähriges Hochzeitsjubiläum. Im „modernen Haus mit Hühnerstall, den die Kinder betreuen“, fühlt er sich zuhause, sagt der stolze Vater. Sein Hobby: „Sport mit der Familie“.

Nach Wien pendelt er mit dem Zug. Familienbesuch gibt es manchmal auch, dann wird es selbst unter dem Burgdach etwas eng.

Sahls Vertrag läuft heuer aus, er hofft auf Verlängerung durch das Wirtschaftsministerium: „Ich hätte noch viel vor.“ Als Mammutaufgabe wartet die Beherbergung des Parlamentsbetriebs während der Sanierung ab 2017 oder der Tiefenspeicher der Nationalbibliothek.

Ganz nach Wien übersiedeln will Sahl nie, hat er doch im „Hoamatland“ zu tun: Seit sechs Jahren ist der VPler Vizebürgermeister von Neuhofen. Ein Comeback, denn auch in Ansfelden war er, bis zur Geburt seiner Zwillinge, Vize-Stadtchef. Ob er höhere Ambitionen hegt? „Bürgermeister wäre schön.“

Politisch aktiv ist Sahl, „weil ich finde, dass man sich engagieren muss“. Und wie engagiert ist der Herr der Hofburg bei der Arbeit im eigenen Haus? „Ja, da bin ich auch der Hausmeister“, sagt er lachend.

 

65 Liegenschaften betreut die Burghauptmannschaft für die Republik. In Wien neben der Hofburg unter anderem die Staatsoper, in den Bundesländern etwa die Festung Hohensalzburg, die Hofburg Innsbruck oder die Gedenkstätte Mauthausen.

2500 Räume auf 250.000 Quadratmetern machen die Hofburg zum größten Objekt der Burghauptmannschaft. Die Burg ist sogar der größte weltliche Baukomplex Europas.

400 Baustellen im Jahr werden von zehn Bauabteilungen betreut. Das Grundbudget für die Erhaltung beträgt 51 Millionen Euro. 136 Millionen Euro hat die letzte Großbaustelle, das Finanzministerium im 1. Bezirk, verschlungen. Ein Teil des Winterpalais von Prinz Eugen wurde dabei zum Museum adaptiert.

Nachgefragt

Heimat ist für mich … „Familie“

Heimweh nach Oberösterreich bekomme ich … „ganz selten, weil oft genug da“

Das gibt es nur in Wien ... „die Dichte an Kultur“

Mein Lieblingsplatz in Wien ... „der Schweizertrakt in der Hofburg“

Mostschädl oder Weana Bazi, das beschreibt mich eher ... „Mostschädl“

 

Neue Serie: Oberösterreicher in Wien

70.000 gebürtige Oberösterreicher und Oberösterreicherinnen leben in Wien – viele arbeiten in Schlüsselpositionen. Wir stellen diese Landsleute vor.

Wien sei die zweitgrößte Stadt Oberösterreichs, beliebt Landeshauptmann Josef Pühringer (VP) bei Besuchen in der Bundeshauptstadt stets zu scherzen. Tatsächlich sind 70.000 Oberösterreicher zuagroast. Nicht wenige von ihnen sind an Schaltstellen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur tätig – und nicht alle so präsent wie Pühringers Parteifreund, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner. Auch die Generaldirektorin der Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, der Rektor der größten Hochschule des Landes, der Uni Wien, Heinz Engl, oder der Direktor des Museumsquartiers, Christian Strasser, stammen aus Oberösterreich. Eine Liste, die sich beliebig fortsetzen lässt und die die OÖNachrichten mit einer neuen Serie, die prominente Landesleute in Wien vorstellt, in den nächsten Monaten ständig erweitern werden.

Verein der Oberösterreicher

Vielen Oberösterreichern ist die Verbindung zur Heimat wichtig, als „inoffizielle Vertretung des Landes“ bietet sich der schon seit 1885 bestehende „Verein der Oberösterreicher in Wien“ an. Vereinsobmann ist seit April 2014 der aus Attnang stammende Othmar Thann, Präsident des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Mehr als 1200 Mitglieder hat der Verein, mit Veranstaltungen will Thann ein bisschen „Hoamatgefühl“ bieten: Stammtische, Vereinsreisen, Vorträge, Lesungen – zuletzt von Autor Franzobel.

Höhepunkt ist der jährliche „Ball der Oberösterreicher“ im Jänner im Austria Center – „der größte Trachtenball Österreichs mit bis zu 5000 Besuchern“, sagt Thann, der seit 1977 in Wien lebt, mit seiner Frau, ebenfalls aus Attnang, aber auch noch ein Haus in der Heimat hat. „Als Wiener würde ich mich nie bezeichnen“, sagt Thann. Die Wiener Mentalität sei ihm noch immer fremd: „Da wird zu viel um den heißen Brei herumgeredet, wir Oberösterreicher sind mehr g’rad heraus, nach dem Motto: Wås’ wiegt, des håt’s“.
 

 

Quelle: nachrichten.at
Artikel: http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/Der-Hausmeister-der-Nation;art4,1739675
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