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Oberösterreich

Beten ist wichtiger als Blumen

Den Tod zu fürchten ist ganz normal, sagt Priester Leonard Ozougwu aus Afrika. Diese Angst sollte nur nicht dazu führen, das Unausweichliche zeitlebens auszublenden.

Beten ist wichtiger als Blumen

Wofür häufen wir Reichtümer an? Man muss unbedingt loslassen können. Wenn der Tod anklopft, können wir nicht Nein sagen.« Leonard Ozougwu, Kaplan in Sierning Bild: VOLKER WEIHBOLD

Für Leonard Ozougwu (36) ist der Tod seit frühester Kindheit präsent. Der Priester ist im Südosten Nigerias, 500 Kilometer von der Hauptstadt Lagos entfernt, aufgewachsen. Krankheiten wie Malaria, schwere Verkehrsunfälle oder eine hohe Kindersterblichkeitsrate gehören in seiner afrikanischen Heimat zum täglichen Leben. Der Tod ist Teil des Alltags und daher in Liedern, Sprichwörtern und sogar in Namen allgegenwärtig.

„Ich hatte selbst als Kind Malaria, da fragte man sich bange, ob man diesen Schub überleben würde. Ein Schulkamerad von mir ist während einer Sintflut ertrunken.“ Kein Einzelschicksal. Viele, teilweise noch sehr junge Menschen ereilt in Nigeria der Tod.

Seit drei Jahren ist der Priester als Kaplan in Sierning (Bezirk Steyr-Land) tätig, wirkt als Seelsorger auch in Aschach und in Christkindl. Seine Kernsätze zu Allerheiligen und Allerseelen: „Unsere lieben Verstorbenen brauchen weniger Blumen als vielmehr das Beten und die Erinnerung. Wir selbst brauchen weniger Hektik als Zeit zum Nachdenken über den eigenen Tod.“

OÖNachrichten: Gedanken an den eigenen Tod sind unangenehm. Ein offensives Auseinandersetzen mit dem Thema Sterben findet kaum statt. Welche Gedanken gehen Ihnen am 1. und 2. November durch den Kopf?
Pater Leonard:
Memento mori! – Sei dir deines eigenen Sterbens bewusst. Diese Aufforderung aus dem Mittelalter trifft es genau. Allerheiligen und Allerseelen bieten eine gute Gelegenheit, sich mit dem Tod einmal ganz bewusst zu befassen. Mein eigener Tod ist für mich da, wartet auf mich. Ein befreundeter Priester in Nigeria hat auf die Frage: „Wie geht es dir?“ immer geantwortet: Ich rücke näher. Wir verbinden den Tod mit Angst, Trauer, Verlust. Dennoch dürfen wir ihn nicht immer so negativ betrachten. Der heilige Franziskus spricht vom „Bruder Tod“. So ist es. Der Tod ist mein Weggefährte. Wenn ich den eigenen Tod nicht aus meinem Denken verbanne, wird mir das helfen, mein Leben besser zu gestalten.

Wie kann das Bewusstmachen der eigenen Vergänglichkeit konkret dazu beitragen, ein erfüllteres Leben zu führen?
Ganz in der Tradition des Apostels Paulus denke ich, dass wir täglich sterben. Täglich ein kleines Stück sterben heißt loslassen, nicht mehr mit aller Kraft für mich zu kämpfen. Da geht es um die kleinen Dinge im Alltag. Es geht um den Umgang mit unseren Mitmenschen. Ich bin kein Heiliger, daher gelingt mir persönlich dieses Loslassen nicht immer. Aber ich probiere es immer wieder, und wenn ich es schaffe, erfüllt es mich mit Freude. Wir tun uns relativ leicht damit, für Notleidende in Afrika zu spenden, Liebe auf große Distanz zu zeigen. Im nahen Umfeld ist das häufig viel komplizierter. Aber wenn ich es schaffe, zurückzustecken, dem anderen den Vorrang zu lassen, ihn zu verstehen, dann fühle ich mehr Freiheit. Dieses Loslassen ist wie ein Geschenk.

Jetzt scheint es aber so zu sein, dass der Tod in der westlichen Welt keinen Platz hat. Das Sterben ist eine Art lästige Pflicht, wird, so lange es geht, ignoriert.
Hier in Österreich ist dieses Ignorieren gut möglich. Das Gesundheitssystem ist top. Es wird vieles getan, um Leben zu schützen und zu erhalten. Ich wollte mit vielen 20- und 30-Jährigen über das Thema Tod sprechen. Doch die meisten sagten nur: Oje, das ist ja noch so weit weg. Der Tod ist unausweichlich, er gehört dazu zum Leben. Ich sehe das Leben als Kontinuum. Der Tod ist eine Station, die jeder passieren muss. Da muss man durch und dann geht es weiter. Jesus hat uns Hoffnung gemacht. Das Leben endet nicht mit dem Tod. Wir dürfen auferstehen und sterben dann nicht mehr.

„Wie geht es danach weiter?“ – ist das eine Frage, worauf im Sterben liegende Menschen von Ihnen eine Antwort verlangen?
Ja, die Frage nach dem „Wo geht man hin“ ist in dieser Situation eine zentrale. Für die meisten Menschen ist die Sterbephase keine leichte Zeit. Viele haben Angst vor dem Sterben. Diese Todesangst ist etwas Natürliches. Jesus hat auch Todesangst gehabt. Er hat gebetet: Vater, wenn möglich, soll dieser Kelch an mir vorübergehen. Aber Jesus hat zu Lebzeiten das Loslassen trainiert und konnte daher auch sagen: Vater, dein Wille soll geschehen. Menschen die im Sterben liegen, prüfen sich, denken daran, was zu Lebzeiten nicht gut gelaufen ist. Viele, die zu Lebzeiten als schwierig gegolten haben, öffnen sich, reden, wollen ihren Frieden machen. Viele Menschen – ob zuvor gläubig oder nicht – wollen ihre Lebensbeichte ablegen und ohne Schuld hinübertreten.

Einen lieben Menschen zu verlieren, ist für Angehörige belastend. Wie gehen Sie als Priester mit solchen psychischen Ausnahmesituationen um?
Es ist schon herausfordernd, wenn um 2 Uhr früh das Telefon läutet und man gebeten wird, das Sterbesakrament zu spenden. Ich habe diese innerliche Grundbereitschaft, mitzufühlen, für andere in solchen Situationen einfach da zu sein, das hilft mir. Ich bin 24 Stunden Seelsorger. Was jetzt aber nicht heißt, dass es für mich keine Freizeit gibt. Was das Trösten anbelangt, ist es hilfreich, nicht zu viele Worte zu verwenden. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen, da zu sein, nicht auf die Uhr zu schauen. Ich habe oft gespürt, dass bloße Anwesenheit tröstet und heilsam ist.

Wie legen Sie Trauerarbeit an, was empfinden Sie bei Begräbnissen?
Während der Abschiedsfeier in der Kirche schaue ich gerne in Richtung Sarg. Denn da liegt die Wirklichkeit vor uns allen. Vor ein paar Tagen war der Verstorbene noch mitten unter uns, jetzt liegt er oder sie ganz still und kann nicht mehr teilhaben. Da drängen sich Fragen nach dem, was wir sind und wohin wir gehen, in den Vordergrund. Ich bin durch Begräbnisse vielen Menschen ein Stück weit näher gekommen, habe sogar Freunde gefunden. In ihrer Trauer werden viele Menschen wirklich ruhig, beschäftigen sich nicht mit Oberflächlichem, lassen die Maske fallen. Du kannst mit ihnen von Mensch zu Mensch reden. Das empfinde ich als Privileg, weil sehr oft treffen wir einander heutzutage nicht auf so einer Ebene. Die Menschen sind sehr ehrlich, sprechen auch über die Schwächen des Verstorbenen, machen ihr Verletztsein zum Thema. Das hat alles Platz im Trauergespräch. Wenn die Menschen spüren, dass man sie ernst nimmt, dann bleiben Verbindungen über die Trauerphase hinaus bestehen.

Wo liegen Unterschiede im Umgang mit dem Tod zwischen Österreich und Nigeria?
In Österreich gibt es jede Menge Blumen und Kerzen, und alle sind sehr still. In Nigeria ist die Trauer öffentlicher und emotionaler. Es wird mehr gesprochen und gesungen. Frauen drücken ihr Mitleid aus, indem sich vor dem Hof der Betroffenen auf den Boden werfen und weinen. Sie weinen ihre Trauer förmlich hinaus. Bei der Totenandacht wird gesungen, es werden Emotionen gezeigt, nicht nur Trauer, auch Wut und Unverständnis – vor allem, wenn es um junge Menschen geht. Wir singen keine fröhlichen Lieder wie „Oh happy day“, sondern wir singen sinngemäß: „Der Tod kommt zu mir heute, aber ich lebe weiter und sterbe nicht mehr“. Zu einem Begräbnis kommt das gesamte Dorf, jeder nimmt etwas mit. Ein öffentlicher Friedhof würde bei uns ungenützt wieder zuwachsen. Es ist wichtig, die Verstorbenen nahe ihrem gewohnten Umfeld zu begraben. Manche begraben ihre Toten sogar im Wohnzimmer.

Tanz, Obroni, tanz! In Ghana ist der Sarg das letzte schöne Kleid auf der Reise ins Jenseits.

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Artikel Martin Dunst 02. November 2013 - 00:04 Uhr
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